von am 10. Mai 2012

Jüdisches Leben in Neukölln? Heute erinnert wenig daran. Ein Geschichtsbuch geht auf Spurensuche. 

Ich wohne in der Elbestraße in Neukölln. Genauso wie Jakobina Bunde, Charlotte Heidemann, Eva Oppenheim sowie Gerda, Gertrud und Heinz Lewin, doch das ist siebzig Jahre her. Sie waren sechs von etwa 1.000 jüdischen Bürgern, die zur Zeit der Deportationen noch in Neukölln lebten. Das Neuköllner Gedenkbuch verrät mir ihr Geburtsjahr, ihre Herkunft, den Wohnort – und ihre Todesumstände. Der gleiche Wohnort rückt mir ihr Schicksal näher. Jakobina Bunde wählte 1942 den Freitod, die anderen wurden im gleichen Jahr nach Auschwitz, Stutthof und in den Osten deportiert und sind seither verschollen.

Meine, ihre, unsere Geschichte

Innenansicht der Synagoge in der Isarstraße vor der Zerstörung © Museum Neukölln

Ich bin 35 Jahre alt, meine Eltern sind 1942 und 1943 geboren, allein meine Großeltern erinnerten sich an den Krieg. Allerdings hatte ich ein Schlüsselerlebnis im Zusammenhang mit der Verantwortung der nachgeborenen Deutschen, die den Nationalsozialismus nur vermittelt kennen. Bei einer Reise nach Israel stieß ich auf einen aus Ungarn stammenden jüdischen Israeli, der sein Leben dem Einsatz für den Frieden in seinem Land verschrieben hatte. Als Stadtführer zeigte er mir und einer kleinen Gruppe von deutschen Touristen sein Jerusalem. Sein nahezu perfektes Deutsch hatte er in einem Konzentrationslager gelernt. Er führte uns einen Tag lang über Dächer vorbei an Talmud-Schulen, auf arabische Märkte in der Altstadt und die Via Dolorosa den Kreuzweg entlang. Um am Ende des Tages in einer katholischen Kirche jüdische Gebetslieder auf seiner Mundharmonika für uns zu spielen. Und dann legten sich zwei unglaublich starke Gefühle übereinander: Meine eigene unmittelbare Verstrickung in die deutsche, nationalsozialistische Geschichte und die Dankbarkeit für die Friedensgeste dieses alten Mannes, der trotz seines Leidensweges zu so viel Nächstenliebe fähig war.

Die letzten Zeitzeugen

Seit der Zerstörung der Rixdorfer Synagoge in der Reichsprogromnacht 1938 gibt es kein jüdisches Gotteshaus mehr in Neukölln. © Museum Neukölln

Seither bin ich mir meiner Verantwortung für den Umgang mit der deutschen Geschichte bewusst und deshalb beginne ich diesen Artikel mit „ich“. Ich frage mich, wie jene mit dem Erbe des Zweiten Weltkrieges umgehen werden, die keine Zeitzeugen mehr treffen können. Denn dieses Generationengedächtnis stirbt ja gerade aus. Wie kann Geschichte dann nicht nur sachlich, sondern auch emotional vermittelt werden? Als Orte der Erinnerung bleiben uns Geschichtsbücher, Gedenktage, historische Plätze, Mahnmale, Kunst und Literatur. In „Zehn Brüder waren wir gewesen…“ lässt sich jüdische Geschichte in Neukölln ab etwa 1900 nachlesen. Im Auftrag des Bezirksamtes Neukölln 1988 erstmals erschienen, und jetzt aktualisiert zum zweiten Mal aufgelegt, kann man sich auf 604 Seiten auf Spurensuche begeben. Wenn nicht die Begegnung, dann schafft hier vielleicht der Ort eine persönliche Verbindung zur Vergangenheit.

Erinnerungsorte gibt es viele, …

Bibliotheksleiterin Helene Nathan © Museum Neukölln

Anknüpfungspunkte findet man heute viele. Die Stadtbibliothek in den Neukölln Arcaden ist nach der Jüdin Helene Nathan benannt. Sie leitete die Bibliothek ab 1921, bis sie 1933 beurlaubt und später entlassen wurde. Die Begründung: Nathan habe „die Ausgestaltung der Bücherei mit sozialistischer Literatur, die z.T. zersetzender Art war“ vorangetrieben. Die „Neue Welt“in der Hasenheide war schon um 1900 ein „Vergnügungszentrum“ vor allem für die kleinen Leute. Die bürgerliche Gesellschaft Rixdorfs, so der damalige Name Neuköllns, ging in „Hoffmanns Festsäle“ oder in „Niesigks Salon“, heute die Passage mit der Neuköllner Oper bzw. der Saalbau Neukölln – hier war auch „Bartas Gasthaus“, wo sich bereits in den 1890er Jahren der „Deutsche Antisemitenverein“ traf. Norbert Bikales zog 1929 mit seinen jüdischen Eltern in die Oderstraße 50, in eine kleine Wohnung im zweiten Stock. Der Blick vom Balkon fiel schon damals auf das weite Tempelhofer Flughafenfeld. Bikales beobachtete von hier aus 1938 die Landung Adolf Hitlers, als dieser aus Österreich zurückkehrte, das er soeben an das Deutsche Reich angeschlossen hatte. In „Zehn Brüder…“ erinnert sich Bikales an den Begrüßungsjubel und die laute Militärmusik.

… aber die jüdischen Institutionen sind weg

In zahlreichen Essays berichten Wissenschaftler, Zeitzeugen, Lehrer, Journalisten  oder Schriftsteller über jüdische Gemeinden in Rixdorf und Neukölln, über jüdische Kaufmänner und Schulreformer, über Enteignung und Arisierung, über das Selbstverständnis von und den Umgang mit Juden in Neukölln über die Zeiten hinweg. Wie viele Menschen jüdischer Herkunft bzw. jüdischen Glaubens im Bezirk heute leben, ist nicht genau erfasst, eine eigene Gemeinde gibt es nicht. An die 1938 zerstörte Synagoge in der Isarstraße erinnert nur noch eine Gedenktafel, Ende letzten Jahres ist mit dem Theater Bimah die einzige zeitgenössische jüdische Institution von Neukölln in die Friedrichstraße umgezogen (neukoellner.net, 14.11.2011). Das sind nicht die besten Voraussetzungen für einen lebendigen Erinnerungsort und vor allem auch darum ist die Bedeutung von Büchern wie „Zehn Brüder…“ so hoch.

Dorothea Kolland (Hrsg.): „Zehn Brüder waren wir gewesen…“ Spuren jüdischen Lebens in Neukölln. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2012, 604 S., 29,90 €

 

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