von am 8. März 2016
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Symbolisch umbenannt: Die Neuköllner Senats-Abgeordnete Dr. Susanna Kahlefeld (GRÜNE) überklebt die Wissmannstraße mit Charlotte-Wolff-Straße. (Foto: Fabian Friedmann)

Anlässlich des internationalen Frauentags am 8. März haben die Neuköllner Grünen in einer symbolischen Aktion die Wissmannstraße umbenannt, um auf die Kolonial-Verbrechen ihres Namenspatron aufmerksam zu machen. Im gleichen Zuge wurde eine bekannte Neuköllner Ärztin und Sexualwissenschaftlerin gewürdigt: Charlotte Wolff.

In Berlin gibt es viele Straßennamen, die einen Kolonialbezug haben. Das Afrikanische Viertel im Wedding ist beispielsweise komplett nach Ländern und Orten der deutschen Kolonialgeschichte benannt. Manche Straßen beziehen sich auf sogenannte Abenteurer, andere erinnern aber auch an Männer, die in Kolonien schwere Verbrechen begangen haben. Zu ihnen gehört Söldnerführer Hermann von Wissmann. Nach ihm ist die Straße auf der Neuköllner Seite der Hasenheide benannt.

Erste Bestrebungen bereits 2006

„Wissmannstraßen in Hannover und Stuttgart wurden bereits vor Jahren umbenannt – das ist auch in Neukölln überfällig“, sagt die Grünen-Abgeordnete Anja Kofbinger. Zusammen mit ihrer Senatskollegin Susanna Kahlefeld (GRÜNE) will Kofbinger eine Initiative fortführen, die bereits 2006 ihren Anfang nahm. Damals hatte die Werkstatt der Kulturen, ebenfalls in der Wissmannstraße ansässig, durch eine fünfteilige Ausstellungsreihe darauf aufmerksam gemacht, welch brutaler Söldnerführer Wissmann Ende des 19. Jahrhunderts in Ostafrika gewesen ist.

Seit 1880 an mehreren Afrikaexpeditionen beteiligt, schlug Wissmann von 1888 bis 1890 für die Reichsregierung einen Aufstand in Tansania nieder. Die Deutschen wollten dort die Kolonie Deutsch-Ostafrika errichten; gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung, wie man sich vorstellen kann. Wissmann warb, finanziert durch den Reichstag, eine Söldnertruppe an und schlug den Aufstand brutal nieder – tausende Afrikaner verloren ihr Leben. Im Reich wurde Wissmann daraufhin als Kriegsheld gefeiert.

Wissmann – der brutale Söldnerführer

Im Oktober 1890 war der Kolonialkrieg vorbei und wenig später weihten die Honoratioren von Rixdorf die Wissmannstraße ein. „Die zeitliche Nähe macht deutlich, dass hier der Kolonialkrieger Wissmann und nicht der Forscher geehrt wurde“, so der Historiker Stefan Zollhauser. Bis heute liegt der Söldnerführer Wissmann im Schatten des „Afrikaforschers“; so erwähnt Wikipedia das koloniale Gemetzel kaum. Ironie der Geschichte: Heute beherbergt die Straße ausgerechnet mit der „Werkstatt der Kulturen“ ein Projekt, das den Fokus auf globale Fragestellungen und internationale Migrationsgeschichte hat.

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Söldnerführer Hermann von Wissmann in Uniform und mit Orden dekoriert. (Quelle: Wikimedia Commons)

„Der ehemalige Leiter der Werkstatt der Kulturen, Andreas Freudenberg, und der damalige SPD-Abgeordnete Marcus Albrecht hatten schon 2006 versucht, die Diskussion über die Umbenennung in Gang zu bringen“, sagt Kahlefeld. Seit Gründung der Werkstatt habe es dort ein Interesse daran gegeben, über die Wissmannstraße aufzuklären und sie umzubenennen. „Doch zehn Jahre lang ist nichts passiert“, meint Kahlefeld. Denn mit dem Ausscheiden Freudenbergs aus der Werkstatt und Albrechts Verlassen der SPD-Fraktion fehlte plötzlich das zivilgesellschaftliche Engagement. Das Thema war durch für die regierende SPD.

Wolff – Vorreiterin in der Familienplanung

Kahlefeld und Kofbinger wollen das Thema wieder auf die politische Agenda des Bezirks setzen. Jedes Jahr am internationalen Frauentag wollen sie nun auf die Verbrechen Wissmanns aufmerksam machen und die Straße symbolisch umbenennen. In diesem Jahr fiel die Wahl auf die Neuköllner Ärztin Charlotte Wolff. Die Sexualwissenschaftlerin und lesbische Jüdin richtete in Neukölln deutschlandweit die erste Klinik für Familienplanung, Schwangerschaftsfürsorge und Verhütung ein. Im Kiez beriet sie vor allem Frauen der unteren Mittelschicht und der Arbeiterklasse, bevor sie 1933 vor den Nazis flüchten musste. Sie starb 1986 mit 89 Jahren in London. Zuletzt wurde im Januar 2016 in Bremen die Peenemünder Straße in Charlotte-Wolff-Allee umbenannt.

Die Wissmannstraße ist übrigens nicht die einzige Straße Neuköllns die deutsche Kolonialverbrechen würdigt. In der Nähe der Grenzallee am Britzer Hafen liegt die Woermannkehre, benannt nach dem Hamburger Kolonialreeder Adolph Woermann, der sowohl in Kamerun als auch in Namibia führend in der Ausbeutung der Kolonien war. Zudem war er verantwortlich für die Militärtransporte während des Völkermords gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika im Jahr 1904. Trotzdem wurde Woermann noch 1975 mit einem Straßennamen geehrt.

Thema in der nächsten BVV-Sitzung

Neuköllner Schüler der Clay-Oberschule hatten Anja Kofbinger sowie die Bezirksabgeordneten Lars Oeverdieck (SPD) und Christopher Kroll (CDU) mit einer Petition im Jahr 2010 auf die unwürdigen Namenspatronen Wissmann und Woermann aufmerksam gemacht. Doch außer einer Podiumsdiskussion und guten Absichten ist nichts weiter passiert. Das Thema soll nun auf der nächsten BVV-Sitzung am 13. April diskutiert werden.

Eine Zeitreise zu den Kolonialverbrechen um Söldnerführer Hermann von Wissmann findet sich hier.

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Ein Kommentar:

  • Mark Schellenberg sagt:

    Ich finde diesen Artikel viel zu einseitig und erzeugt ein falsches Bild.
    „Die Deutschen wollten dort die Kolonie Deutsch-Ostafrika errichten; gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung, wie man sich vorstellen kann. “
    Zum einen wurde die Kolonie bereits 1884 errichtet, und zum anderen war es kein Krieg gegen die gesamte ostafrikanische Bevölkerung.
    Der Aufstand richtete sich hauptsächlich gegen arabische Sklavenhändler, welche sich durch die Deutschen in ihrer Existenzgrundlage bedroht sahen und daher einen Aufstand anzettelten.
    Man muss ebenfalls dazu sagen, dass das deutsche Vorgehen von den anderen Kolonialmächten toleriert wurde, also war es (zumindest für damalige Verhältnisse) kein grausames Vorgehen.
    Ohne die Niederschlagung des Aufstandes hätte es weitaus düsterer für die Bevölkerung Tansanias ausgesehen: Entweder wäre der Sklavenhandel ohne Probleme jahrelang weitergeführt worden oder Belgien und Großbritannien hätten die Gebiete annektiert. Durch Wissmanns Eingreifen wurde einige Jahre später die Sklaverei per Gesetz abgeschafft und die Schulpflicht eingeführt. Es gibt keinen Zweifel daran, dass es Fehler und Grausamkeit in den Deutschen Kolonien gab (jedoch hauptsächlich in Form von Einzelpersonen oder Gruppen, siehe Carl Peters, Lothar von Trotha oder die DOAG).
    Und mir ist auch nicht einsichtig warum die „Söldnertruppe“ so hervorgehoben wird, als ob es das ekelhafteste ist, was in einem Krieg passieren könnte.
    Wäre es besser, wie andere Kolonialmächte Einheimischen eine Zwangsrekrutierung aufzuzwingen?
    Hermann von Wissmann war kein „brutaler Söldnerführer“, sondern ein erfahrener Afrikaforscher und General. Es wird auch ganz außer Acht gelassen, dass Wissmann ein überzeugter Abolitionist war und durch seine Afrikareisen die indigene Bevölkerung nicht als „wilde Tiere“ ansah. Man kann es durchaus fraglich finden, eine Straße nach einem General zu benennen, aber diese deshalb umzubennen ist mehr als lächerlich. Mir ist es unbegreiflich, warum man dies so verzweifelt versucht.
    Wir sollten zu der deutschen Geschichte stehen/so gut es geht daran erinnern und diese nicht so kleinlich nach unseren jetzigen Standards „verbessern“. Kein anderes Land macht so etwas, oder zumindest nicht in diesem wirklich peinlichem Maße…

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