von am 6. November 2012

War das eine gute Idee mit der Vorveröffentlichung in der „Bild“? Was empfindet er, wenn er als Rassist bezeichnet wird? Und was sollte das mit der Unmöglichkeit, Currywurst an der Hermannstraße zu kriegen? Teil eins unseres großen Interviews mit Heinz Buschkowsky.

neukoellner.net: Herr Buschkowsky, reden wir über Identität.  Wenn Sie hier durch die Straßen laufen, woran erkennen Sie als Neuköllner „Dies ist meine Heimat“?

Heinz Buschkowsky: Aus meiner Jugend ist nur die Hardware geblieben. Die Straßen, Häuser und Plätze. Das ist alles so, wie ich aufgewachsen bin. Die Menschen haben sich verändert. Auch das Straßenbild. Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass sich das Gesicht einer Stadt innerhalb eines halben Jahrhunderts verändert. Wenn ich in der Sonne am Meer liege und mich nach dem Blick über die Karl-Marx-Straße mit Rathausturm und Magdalenenkirche sehne, dann weiß ich, wo meine Heimat ist.

Und die Menschen?

Die Einwanderer stellen im Norden des Bezirks schon lange die Mehrheit. Diese Menschen repräsentieren nicht die Bevölkerung, mit der ich aufgewachsen bin. Das kann von der Logik her auch nicht sein. Aber es ist schon so, dass mir einige Kulturriten fremd sind, zu denen ich auch Distanz empfinde. Da geht es nicht um besser oder schlechter, sondern lediglich um die Feststellung: Das ist nicht wirklich meine Welt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie dieses Gefühl mit dem Beispiel, man müsse über eine solide Pfadfinderausbildung verfügen, um noch Schweinefleischprodukte auf der Hermannstraße zu finden.

Wer die Ironie der Sätze mit der Pfadfinderausbildung und den Erfolgen der Jagd nicht erkennen will oder kann, der erregt sich halt. Wenn man will, kann man alles missverstehen. Dieser Satz umschreibt nur – aus  meiner Sicht humoristisch verpackt – die kulturellen Veränderungen. Dort, wo Sie früher keine 50 Meter weit gekommen sind, ohne über eine Currywurst-Bude zu stolpern, finden Sie heute kilometerweit keine einzige mehr. Dieses praktische Beispiel der Veränderungen im täglichen Leben können Sie auch an einer anderen Stelle des Buches finden, wenn ich darüber berichte, dass bestimmte Sportarten insbesondere für Mädchen von der Bildfläche verschwunden sind. Auch das Straßenbild der Sonnenallee ist hierfür ein gutes Beispiel.

Inwiefern?

Ich empfehle einen kleinen Spaziergang gemessenen Schrittes vom Hermannplatz bis etwa zum Estrel-Hotel. Ich habe ein vergleichbares Straßenbild bei meinen Besuchen anderer Metropolen in Europa kein zweites Mal angetroffen. Auch nicht dort, wo der Anteil der Einwanderer an der Bevölkerung besonders hoch war. Die Sonnenallee hat ihr Gesicht komplett verändert. Das Straßenbild repräsentiert die geografische Lage nicht mehr. Sie können Fotos nehmen und sie jederzeit woanders als Ausschnitte von einer orientalischen Stadt verkaufen. Das ist keine Katastrophe und kein Weltuntergang. Aber eine solche Entwicklung beeinträchtigt das Heimatgefühl der Alteingesessenen schon.

Dennoch behaupten Sie, Neukölln sei überall.

Dieser Buchtitel hat doch mit dem Einzelaspekt überhaupt nichts zu tun. Ich hätte nie gedacht, dass sich Menschen so über einen Titel echauffieren können. Wir haben ihn offensichtlich gut gewählt. Dabei ist er doch nichts anderes als die Antwort auf den gesellschaftlichen Placebo: „Das ist alles nur eine Neuköllner Spezialität. In der ganzen Bundesrepublik gibt es eine solche Entwicklung kein zweites Mal“. Das ist natürlich Unsinn. Fangen Sie im Norden in Kiel-Gaarden an und wandern weiter über Hamburg, Bremerhaven, Dortmund, Essen, Köln, Mannheim, Nürnberg bis nach München. In all diesen Städten gibt es Stadtlagen mit nahezu identischen Entwicklungen. Neukölln war der erste Bezirk, den der Finanzsenator Dr. Nußbaum besucht hat, als er nach Berlin kam. Zum Schluss sagte er zu mir, dass er meine Sorgen als nicht so dramatisch empfinde. Er würde mit mir gern einmal Bremerhaven besuchen, da wären die Verhältnisse weitaus härter als in Neukölln.

Härter?

Ich weiß, dass die Bürgermeister, deren Städte im Wettstreit zu anderen stehen, es nicht so gerne haben, dass über ihre „Problemzonen“ so laut geredet wird. Nestbeschmutzung nennt man das. Aber es ist nun einmal so, dass Sie dort, wo Sie starke Anteile von Einwanderern an der Gesamtbevölkerung haben, auch starke Milieus der Bildungsferne feststellen müssen. Und wo Bildungsferne ist, ist häufig Überfrömmigkeit nicht weit. Das haben Sie in streng katholischen Flächengebieten genauso wie im Islam. Armut und Bildungsferne sind häufig Begleiter strenger Religiosität. Dem gesellschaftlichen Fortschritt fehlt dort der Turbo. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass in den 1970er Jahren eine Frau oder auch zwei ohne männliche Begleitung im Süden Deutschlands nicht bedient wurden.

Zustände, die man heutzutage den radikalen Muslimen zuspricht.

Ich bin unsicher, ob der Begriff radikal hier der richtige ist. Aber eine Form von Rückständigkeit ist das schon. Dass wir diese Formen der Über- und Unterordnung überwunden haben, ist halt nicht vor Hunderten von Jahren geschehen, sondern eine Entwicklung der letzten 50 Jahre. Dass Menschen, die aus vordemokratischen Strukturen zu uns kommen, damit Probleme haben, ist nachvollziehbar. Ihre erlernten und gewohnten Gesellschaftsriten entheben sie aber nicht der Pflicht, sich an die hiesigen Umgangsformen anzupassen. Die Menschen sind freiwillig hier, weil sie sich bei uns mehr Wohlstand als in ihrer Heimat versprechen. Da muss die Erwartungshaltung erlaubt sein, dass sie auch unsere Regeln annehmen. Das ist aber keine spezielle Frage von Neukölln. Wenn man Stadtteile mit Milieus der Bildungsferne sich selbst überlässt, darf man sich nicht wundern, wenn überlebte Strukturen eine Renaissance erleben. Das will ich verhindern. Darin unterscheide ich mich von Thilo Sarrazin.

Der Auseinandersetzung mit seinen Thesen widmen Sie gleich ein ganzes Kapitel im Buch.

Thilo Sarrazin beschäftigt sich mit der Frage, ob bildungsferne Einwanderung unser Land vernichtet. Das ist sein Überbau auf der Meta-Ebene. Mein Buch hat dagegen den Fokus, wie können wir bildungsferne Einwanderung, die nun einmal stattgefunden hat, durch eine engagiertere Integrationspolitik doch noch zu einem Benefit für die Gesellschaft werden lassen. Bisher fehlgeschlagene Integration muss nicht in Stein gemeißelt so bleiben.

Dennoch haben auch Sie ihr Buch in der Bild-Zeitung vorabdrucken lassen, was einige wütende Reaktionen folgen und die Vergleiche mit Sarrazin hochkochen ließ. War das im Nachhinein clever?

Das Buch ist nicht für das Antiquariat geschrieben. Mein Wunsch ist, dass die Leute es lesen und sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Dazu müssen sie aber wissen, dass es dieses Buch überhaupt gibt. Die BILD-Zeitung ist dafür ein hervorragendes Medium. Keiner kauft sie, keiner liest sie. Aber sie hat die höchste Auflage in Deutschland und jeder weiß, was drin steht. Sie gehört zum Genre des Boulevards. Und wer sich darauf einlässt, muss mit den Gesetzen des Boulevards leben. Natürlich war klar, dass eher die härteren Teile des Buches in der Vorberichterstattung auftauchen als das Kapitel „Was ist zu tun“.

Sie als Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky können doch das umsetzen, was Sie fordern.

Aber ich bitte Sie. Kommunalpolitiker – und dazu zählen auch Bezirksbürgermeister – entscheiden nicht über die Einführung der Gesamtschule oder der Kindergartenpflicht. Sie bestimmen keine Klassengrößen und haben auch keinen Einfluss auf die Justiz. Die Stellschrauben für derartige Weichenstellungen liegen in der Landes- und Bundespolitik. Deshalb kann man nur von unten nach oben die Meldung geben, wie sich die Dinge entwickeln und dass etwas geschehen muss. Da ist ein Buch ein gutes Instrument. Oder auch eine deftige Formulierung. Eine geplante Grenzverletzung kann durchaus hilfreich sein und die vorhersehbare Empörung ist dann das Transportmittel. Das war mein Plan beim Betreuungsgeld.

Sie sagten: Das Betreuungsgeld ist schlecht, weil es in der deutschen Unterschicht sowieso versoffen wird und bei Migranten kommt dann die Oma aus der Heimat, um das Kind zu erziehen, wenn überhaupt.

Genau. Dieser Satz ist kein Versehen, er ist mir nicht „passiert“. Er war bewusst getextet. Er führte zu einer Diskussion von Flensburg bis Passau. Genau das wollte ich. Eine gesellschaftliche Debatte über ein Geldgeschenk, das Kindern ihre Bildungschancen nimmt und für mich eine politische Mutation darstellt. Wir schaffen einen Rechtsanspruch in der Kita für unter Dreijährige und zahlen Prämien, dass die Plätze nicht in Anspruch genommen werden. Völlig kaputt.

Sie spielen mit der Entrüstung und kriegen da entsprechend viel Gegenwehr und Reaktionen. Was aber empfinden Sie, wenn Sie als Rassist bezeichnet werden?

Menschen, die mich einen Rassisten nennen, wissen nicht, was das ist, haben in der Schule wohl etwas versäumt oder es fehlen ihnen schlichtweg die Argumente in der Sache. Es soll auch einige geben, die das Buch gar nicht gelesen haben, aber genau wissen, was drin steht. Immer wenn die Argumente ausgehen, kommt die Moralkeule. Wer der gesellschaftlichen Debatte mit der Begründung seines BILD-Zeitungswissen ausweicht, liefert dem rechten Rand der Gesellschaft mehr Gefühl der Existenzberechtigung als der, der Dinge beschreibt und Vorschläge macht, wie man Fehlentwicklungen beseitigt.

Das Interview führten Insa Eekhoff und Patrick Schirmer Sastre.

Am morgigen Mittwoch erscheint auf neukoellner.net der zweite Teil des Interviews mit Heinz Buschkowsky. Darin spricht der Berzirksbürgermeister u.a. über die aktuelle Wertedebatte und was er von den Entwicklungen in Kreuzkölln hält.

 

22 Kommentare:

  • hurz sagt:

    „Wer der gesellschaftlichen Debatte mit der Begründung seines BILD-Zeitungswissen ausweicht…“

    Haha, das ja wohl so n bisschen n Eigentor, angesichts der Tatsache, dass das BILD-Zeitungswissen u.a. aus den Vorabdrucken seines Buches besteht. Ansonsten scheint er sich offenbar nach wie vor in einem anderen (Nord-)Neukölln rumzutreiben, als ich das tue.

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Ich bin kürzlich aus der SPD ausgetreten (nach jahrelanger Mitgliedschaft), weil ich Heinz B. als Bezirksbürgermeister nicht mehr guten Gewissens mittragen kann und will. Sein Buch, seine Thesen….wird der Mann etwa langsam senil?

  • facebookfan sagt:

    @Lehrerin aus Neukölln: Das wundert mich, dass gerade sie als Lehrerin seine Thesen nicht mittragen. Daraus ergibt sich für mich, dass sie folgendes mittragen: Bildungsferne Familien, Respektlosigkeit gegenüber Mitschülern und Lehrern, Schulschwänzer, Schüler ohne Schulabschluss und Perspektive auf dem Arbeitsmarkt, fernbleiben/fernhalten der Mädchen von Klasenfahrten und Sportunterricht. Ist es nicht so??

  • blackbarney sagt:

    Vielen Dank an „hurz“ und „Lehrerin aus Neukölln“: beide liefern Sie mit Ihren „Beiträgen“ ein typisches Beispiel für das was Hr. Buschkowsky sagt: Sie versuchen erst gar nicht, irgendwelche Gegenargumente zu bringen, sondern diskreditieren sofort die Person, indem Sie Wahrnehmungsstörungen und Senilität unterstellen. Das ist das übliche Verfahren.
    Da tritt jemand aus einer Partei aus, weil er/sie es nicht ertragen kann, dass da jemand ist, der eine andere Meinung vertritt. Ja, ich weiss: „Meinungsfreiheit ja, aber kein Rassismus“. Nur dass jede andere Meinung automatisch „Rassismus“ ist. Liebe Frau Lehrerin: ich finde nicht, dass die SPD an Ihnen eine große Demokratin verloren hat…

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Bildungsferne, Schulschwänzer, häusliche Gewalt usw.: ja, das gibt es hier leider alles.
    Wichtig dabei zu bedenken ist jedoch, dass sich diese Phänomene nun wirklich nicht auf Migrantenfamilien beschränken.
    Die sog. Bildungsferne ist leider ein sehr weit verbreitetes Phänomen: in vielen (deutschsprachigen) Haushalten findet man leider immer häufiger deutlich mehr DVDs und Computerspiele als Bücher.
    Oft gibt es kein Geld für neue Turnschuhe oder eine Lektüre für den Unterricht, aber für Zigaretten und Alkohol werden regelmäßig Unsummen ausgegeben. Auch das für die personale und sprachliche Entwicklung bedeutsame Vorlesen vor dem Schlafengehen oder gemeinsame Mahlzeiten, bei denen man sich über Erlebtes austauscht, haben in vielen Familien an Bedeutung verloren. Grundschüler werden nicht selten ohne Schulbrot, manchmal gar im Schlafanzug zur Schule geschickt….viele Erstklässler tragen im tiefsten Winter keine Strümpfe, besitzen keine Handschuhe. Auf Elternabenden herrscht oftmals gähnende Leere, einige Eltern verweigern jegliche Kooperation mit Lehrern, Sozialarbeitern, dem Jugendamt. -Aus Scham?! Aus Desinteresse? Ich vermag es nicht zu beurteilen.
    Meine Erfahrung ist jedenfalls, dass viele zugewanderte Eltern hohe Ansprüche an ihre Kinder stellen: sie möchten, dass ihr Nachwuchs mindestens den MSA – am besten aber das Abitur – besteht, damit sie eines Tages Ärzte, Anwälte oder Lehrer werden (das scheinen so ziemlich die einzigen halbwegs „angesehenen“ Berufe zu sein, die viele kennen).
    Parteiaustritt: Gott sei Dank muss ich mich (hier) vor niemandem rechtfertigen. Nur dies: ich bin eine überzeugte Demokratin und scheue kontroverse Diskussionen keinesfalls. Ich habe stets viel Zeit und Energie in politische und soziale Arbeit gesteckt; dies werde ich auch weiterhin tun, aber eben nicht für die SPD in Neukölln.

    Ich unterstütze grundsätzlich jedoch den Vorschlag, eine Kindergartenpflicht einzuführen. Ich sehe auch das Betreuungsgeld mehr als kritisch.
    Außerdem -das muss man auch ganz klar sagen- muss insgesamt deutlich mehr Geld in die Bildung investiert werden, wenn wir langfristig ein halbwegs funktionierendes Renten- sowie Gesundheitssystem halten möchten.
    Es ist auch eine Binsenweisheit, dass der Mehrheit der kriminellen Karrieren ein schulisches Versagen vorausgeht…darauf folgen meist Drogenerfahrungen und so weiter. -Wer also in die Zukunft bzw. in eine funktionierende Gesellschaft investieren möchte, muss in den Kindergärten und Schulen damit anfangen sowie die Eltern verstärkt dazu verpflichten, ihre Kinder an diesen Angeboten teilhaben zu lassen. Aber wie gesagt: dies gilt genauso für „Biodeutsche“ wie Heinz B. so zu sagen pflegt…

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Ach ja: Skepsis oder gar Ablehnung gegenüber dem Sport-, Schwimm- oder Biounterricht (Sexualkunde) findet man übrigens auch genauso bei nichtmuslimischen Familien. Viele Eltern meinen, dass ihre Kinder erst dann über Sex nachdächten, wenn dieses Thema in der Schule angesprochen werde…

  • blackbarney sagt:

    „Parteiaustritt: Gott sei Dank muss ich mich (hier) vor niemandem rechtfertigen“
    Stimmt – aber wenn Sie hier groß Ihren Parteiaustritt unter Hinweis auf Hr. Buschkowskys vermeintliche Senilität (ich finde das ungeheuerlich!) verkünden, dann müssen Sie Kommentare dazu ertragen.
    Und dass es Bildungsferne und mangelnde Aufklärung auch unter Deutschen gibt…es gibt vieles „auch“. Es gibt vielleicht auch eine einbeinige lesbische Leichtmatrosin aus dem Burgenland. Aber das löst nicht das Problem, dass muslimische Schüler dramatisch schlechtere schulische und berufliche Qualifikationen besitzen als deutsche. Dass es auch deutsche Messerstecher gibt, ändert nichts daran, dass jugendliche Intensivtäter zum weit überwiegenden Teil Migranten sind. All die Versuche der Relativierung (vielleicht kennen Sie auch einen friesischen Ehrenmörder?) ändern nichts daran, dass die wachsende Besinnung auf religiöse Traditionen ein Integrationshemmnis sind, dass sich hier Grundwerte gegenüberstehen, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. Wer hier von „Senilität“ spricht und glaubt, aus der SPD austreten zu müssen, weil er sein Dogma bedroht sieht, der leistet seinen Teil dazu, dass diese Verhältnisse immer schlimmer werden. Denn die Zeit arbeitet nicht FÜR uns, und verändern können nur die Buschkowskys etwas – nicht zuletzt im Sinne der Zuwandererkinder.

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    „und verändern können nur die Buschkowskys etwas“:
    NEIN, das sehe ich anders. Die Buschkowskys dieser Welt verändern SO leider gar nichts, sondern verprellen viel mehr diejenigen, die an vorderster Front um (Bildungs)Biographien kämpfen.

    Meiner Meinung nach ist sein Buch eine Schande für die Sozialdemokratie und eine große Blamage insbesondere für die Neuköllner SPD. Das mögen Sie anders sehen, ist auch Ihr gutes Recht. Vielleicht mögen Sie sich ja dort engagieren? Falls ja: viel Spaß und gutes Gelingen!
    Ich muss mich jetzt wieder meinen Korrekturen widmen, morgen ist wieder Schule…

  • @ Lehrerin
    Sie schrieben:
    „Aber wie gesagt: dies gilt genauso für ‚Biodeutsche‘ wie Heinz B. so zu sagen pflegt…“

    Der Begriff „Biodeutsche“ ist keine Wortschöpfung von Herrn Buschkowsky. Vielmehr wird er schon seit Jahren begeistert von Cem Özdemir verwendet:

    „Özdemir kritisierte auch das deutsche Schulsystem: Die Pädagogen würden nach wie vor für die deutsche Idealfamilie, die ‚Bio-Deutschen‘, ausgebildet.“
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/stadtleben/berliner-und-tuerken-tuerkisch-fuer-fortgeschrittene/1497172.html

  • facebookfan sagt:

    @Lehrerin aus Neukölln: Ich glaube ihnen gerne, dass es Migrantenfamilien gibt, die den Wunsch hegen, ihre Kinder als Akademiker aufsteigen zu sehen. Vielleicht sogar viele Familien. Trotzdem wird dies wohl aus mangelnden Sprachkenntnissen wohl eher die Ausnahme bleiben. Der Punkt ist doch: Die überwiegende Zahl der in Neukölln lebenden Migranten ist hier selbst in 2. und 3. Generation nicht angekommen. Die Ghettoisierung macht es bequem, gleichsprachige Supermärkte, Ärzte, Fahrschulen etc. aufzusuchen, um nicht die deutsche Sprache lernen zu müssen. Geehrte Lehrerin, mit Ihren Wünschen zur Kindergartenpflicht, Bildungsförderung etc. könnten sie glatt als Buschkowskys Pressesprecherin durchgehen. Ihr SPD-Austritt ist daher mit den von ihnen genannten Argumenten für mich nicht gerechtfertigt bzw. nachvollziehbar. Buschkowskys Zahlen sind Fakten, die überprüf- und belegbar sind…da spielen die deutschen Bildungsverweigerer eine eher untergeordnete Rolle.

  • hans-j.kitstein sagt:

    es gibt immer pro und contra. wer eine vorgefestigte meinung hat wird sie auch weiterhin vertreten. doch kann man in unserer stadt nicht mal den finger auf die wunde legen und fraktur reden ohne gleich ins abseits gedrängt zu werden. wehe du schreibst ein artikel oder buch .die gutdenker zerreissen dich. bin selbst in neukölln aufgewachsen . verstehe die welt nicht mehr – kein mensch spricht mehr meine sprache – fühle mich okopiert. meine tochter lebt in new york hat englisch gelernt und ihre green card. das nenne ich integration. ihr sohn lernt deutsch und englisch . er geht in den kindergarten ( alle nationalitäten ) er wird sein weg machen .ohne staatliche hilfe !

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Buschkowskys Aussagen könen eben NICHT durch nackte Fakten, Zahlen belegt werden. Das ist es ja!
    Sprachliche Barrieren gibt es in der Tat (auch wenn das Deutsch der Kinder oftmals sehr viel besser ist als das Deutsch ihrer Eltern); Sprachwissenschaftler weisen aber auch immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, die Familiensprache in Wort und Schrift zu beherrschen, ehe man eine weitere Sprache erlernen kann.
    Leider ist die Nachfrage nach Türkisch als Fremdsprache (also für deutsche Muttersprachler) in Berlin sehr gering (das belegen Zahlen), Türkisch für Muttersprachler und Deutsch als Zweitsprache werden in vielen Kindergärten und an vielen Schulen aus Kostengründen oder Personalmangel immer weiter abgebaut. Ein fataler Fehler!
    So, aber jetzt muss ich zur U7: meine Schüler und ich werde heute über die Wahlen in den USA sprechen.

  • facebookfan sagt:

    Sorry, aber als zertifizierte Sprachförderkraft muß ich ihnen da vehement widersprechen. Zum erlernen einer Zweitsprache muß die Erstsprache sicher nicht in der Schrift beherrscht werden. Außerdem macht das nur Sinn, wenn die Eltern wirklich lediglich ihre Muttersprache beherrschen. Um die Menschen, die es hier geht, handelt es sich um Bürger, die bereits in 2. und 3. Generation hier leben. DaZ-Kurse in Kitas sind notwendig, weil es ja scheinbar deren Eltern über Jahrzehnte versäumt haben, sich der deutschen Sprache zu bemächtigen. Die ersten Monate dieser Kinder im Kindergarten ist geprägt von Ausrucksnot, daraus resultierenden Ängsten und Problemen beim Aufbau von Beziehungen. Das müßte nicht sein. Aber ihre Lösung dieses Problems ahne ich voraus: Die Erzieher sollten wohl die türkische Sprache lernen. Würde hier die Bringschuld des Spracherwerbs nicht umgekehrt? Inwiefern Türkisch-Sprachkurse dem Erwerb von Deutschkenntnissen dienlich sein sollen, bleibt mir in diesem Zusammenhang schleierhaft. Es tut mir leid, liebe Lehrerin, aber sie sind wirklich ein Vorzeige-Gutmensch.

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Mir fehlt gerade die Zeit, im Detail auf Ihren Text zu reagieren, nur dies: Sie meinen meine Gedankengänge im voraus erahnen zu können? Ne, sorry, aber da überschätzen Sie sich wohl.
    Habe ich je vorgeschlagen, dass Erzieherinnen und Erzieher Türkisch lernen sollten? Habe ich mich je als „Gutmensch“ bezeichnet? Nö, also künftig bitte aufmerksam(er) lesen und keine vorschnellen Schlüsse ziehen
    (oder -wahlweise- nachträglich wegen der wohl nicht ganz ausreichenden Lesekompetenz bei Ihren Eltern und ehem. Lehrerinnen und Lehrern beschweren).
    Was ich bin (oder auch nicht), darüber vermögen Sie sicherlich nicht urteilen zu können, aber selbstverständlich steht es Ihnen frei, eine Meinung zu haben.
    Lesen Sie doch einfach ´mal ein gutes Buch (aber vielleicht keines von H. B. aus B.) und entspannen Sie sich „offline“, „facebookfan“. Gute Nacht!
    Ich muss morgen wieder arbeiten…offline.

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Ach, eine Frage aber noch: bei welcher Institution haben Sie denn Ihr Zertifikat als „Sprachförderkraft“ erworben? Das interessiert mich wirklich.

  • facebookfan sagt:

    Das Zertifikat erwarb ich beim ILF Mainz (Institut für Lehrer-Fortbildung). Ich für meinen Teil habe es nicht nötig, nach außen hin, meinen Beruf rauszukehren..Durch ihre Ausführungen haben sie in meinen Augen ein verdrehtes Weltbild, daher traue ich ihnen -beinahe- alles zu…und nun stehe ich vor der Wahl, ob ich mir als Bettlektüre „Digitale Demenz“, „Das letzte Kind im Wald“ oder die heilige Schrift genehmigen soll. Gute Nacht.

  • nachgebloggt sagt:

    Buschkowsky sagt, was sich in Deutschland dringend ändern muss. Heinz Buschkowsky ist in Berlin-Neukölln geboren und lebt seitdem dort. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Dank öffentlicher Schulen und staatlicher Unterstützung hat er es zu etwas gebracht. Diese Erfahrung hat ihn geprägt. Aus ihr schöpft er die Kraft für sein politisches Engagement. Armut soll kein Schicksal sein, allenfalls eine schwere Ausgangslage, lautet seine Devise. Er glaubt, dass man Menschen durch Bildung verändern kann. Und er ist davon überzeugt: Wer gefördert werden will, muss sich an Regeln halten. Denn gerade diejenigen, die Gefahr laufen, gesellschaftlich abgehängt zu werden, sind auf gute Schulen, ein sicheres Viertel und eine bürgerfreundliche Polizei angewiesen. Buschkowsky weiß, wo der Schuh drückt, und er hat den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    „Nachgebloggt“, sind Sie Buschkowskys Mutter?
    „Facebookfan“, entspannt bleiben! Mich überrascht(e) ja lediglich, dass Deutschlehrende offensichtlich keine wahnsinnig guten Kenntnisse der deutschen Rechtschreibung vorweisen/ aufweisen müssen, um selbige Sprache -in welchem Rahmen auch immer- „unterrichten“ zu dürfen. Das ist alles, „Facebookfan“.
    „Nötig“ habe ich persönlich hier Gott sei Dank gar nichts. 🙂

  • facebookfan sagt:

    Sprache unterrichten hat nichts mit Rechtschreibung zu tun…aber um sie nicht weiter zu verunsichern, werde ich an diesem Punkt das posten einstellen. Ich denke, es wurde bereits alles relevante gesagt.

  • Lehrerin aus Neukölln sagt:

    Das Statement mit der Rechtschreibung lasse ich (lieber) unkommentiert.
    Mein persönliches Schlusswort zu dem Artikel lautet:

    “Wenn die Argumente ausgehen, kommt ein schlechtes Buch auf den Markt.”

  • Gaardener sagt:

    Zumindest über meinen Stadtteil http://www.shz.de/nachrichten/schleswig-holstein/panorama/artikeldetail/artikel/kiel-gaarden-ein-stadtteil-schafft-sich-ab.html

    in dem ich seit mittlerweile 8 Jahren lebe, kann ich eindeutig feststellen, dass einige Aussagen von Buschkowsky nicht übertrieben sind, genau wie der Tatsachenbericht im Link sehr gut den Lifestyle hier rüberbringt.

    mich persönlich stört am meisten das Gerotze von jedermann — das sind auch so Sitten des zivilisatorischen Niedergangs.

    auch wenn ich sein Buch noch nicht gelesen hab (das hab ich mir aber Interessehalber bestellt, um mit meinem Kiez mal zu vergleichen) treffen viele der bisher gelesenen/gehörten Aussagen schon zu und diese Kritik ist berechtigt. Er will ja vor allem damit darauf aufmerksam machen, dass es so nicht weiter geht. Sonst haben wir irgendwann Slums wie in Bukarest oder Detroit und das will sicher keiner.

    in den meisten Ländern gibt es eine Kita-Pflicht zumindest ab 4 bzw. eine Art Vorschule bis 5. Das wäre vielleicht ganz vernünftig. Das ist auch generell hier kein Ausländerproblem, sondern ein Schichtenproblem. Unterschicht vs. Mittelschicht – das hat nichts mit dem Migrationshintergrund zu tun, sondern das ist ein schichtenspezifisches Problem, was sich hier manifestiert. Trotzdem muss man auch ehrlich zu den Leuten sein: es ist nunmal keine Mittelschicht nach DE eingewandert und kein Bildungsbürgertum. Viele Eltern unterschreiben mit 3 Kreuzen, erzählen öfter Grundschullehrerinnen. Na weil die nie Schreiben gelernt haben.

    http://www.gew-berlin.de/documents_public/Offener_Brief_der_Hermann-Schulz-Grundschule.pdf

    Das Bildungssystem ist total unterfinanziert – in Problemvierteln braucht man 2 Lehrer pro Klasse wie in Schweden und Dänemark. Sowas, was hier im Brief steht, wäre in Kanada, Schweden und Dänemark schlicht nicht möglich. DE hat auch noch in Westeuropa mit am wenigsten Schulpsychologen.

  • […] Heinz Buschkowsky. Hier nochmal unsere Rezension zum Buch und unser Interview mit Buschkowsky: Teil 1 und Teil […]

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