von am 22. September 2017

Prost Wahlzeit! Wir haben die Neuköllner Kiez-Stammtische besucht, die Ohren fest auf die Tresen gepresst und uns bei Kaltgetränken nach der politischen Stimmung kurz vor der Bundestagswahl erkundigt.

Damit der Akt nicht all zu sehr nach Spionage aussieht, hat es zur Auflockerung ein Quiz gegeben: Die Kneipengänger sollten den Neuköllner Direktkandidaten ihre passende Partei und jeweils eine Aussage zuordnen. Spoiler: Das hat niemand geschafft. Außerdem haben wir die Neuköllner gefragt, ob sie wählen gehen, was sie sich für Neukölln wünschen und welchem der Direktkandidaten sie gerne eine Nachricht schicken würden.

Text: Hannah Frühauf, Karoline Spring, Matthias Horn
Fotos: Emmanuele Contini, Karoline Spring

Links-Wähler im Trude Ruth und Goldammer

Die erste Runde drehten wir im „Trude Ruth und Goldammer“ in der Flughafenstraße. Zuerst sprachen wir zwei Mittvierziger an der Bar an. Sie versprachen prompt, nach ihrer Bestellung an unserem Platz vorbeizuschauen und holten sich noch Hilfe durch einen Freund hinzu – Flo, Sabine und Jens. Flo (42 Jahre) lebt bereits seit 1996 in Neukölln. Er arbeitet im Öffentlichen Dienst und meint: „Ich gehe wählen und weiß auch schon was ich wähle, nämlich die Partei, die ich immer wähle.“ Themen wie soziale Gerechtigkeit, Mietpolitik und eine friedliche Außenpolitik sind ihm wichtig. Eine Nachricht würde er keinem der Politiker senden: „Die Leute sind doch festgelegt in ihren Meinungen, da möchte ich meine Zeit nicht verschwenden und ihnen schreiben“, sagt er.

Quizfrage: Können Sie die Fotos der Neuköllner Direktkandidaten zu ihren Parteien und deren Aussagen zuordnen?

Sabine arbeitet als Sozialarbeiterin an einer Schule in Lichtenberg und hat dort die U18-Wahlen mitorganisiert. Sie ist schon sehr gespannt auf die Ergebnisse und wird auch selbst wählen gehen, möchte jedoch nicht verraten wen. Nachdem die drei versucht haben, unser Quiz zu lösen lautet ihr Fazit:

„Wir hätten mehr wissen müssen.“

Als nächsten kamen wir mit Lena und Eva aus Leipzig ins Gespräch. Lena (25 Jahre) studiert Romanistik und wird aus Pflichtbewusstsein DIE LINKE wählen, aber eigentlich auch gerne Die PARTEI. Sie sagt: „In Zeiten, in denen sich alles radikalisiert, ist es wichtig links zu wählen. Die Parteien in der Mitte können dann sehen, wohin es ihre Wähler treibt und ihre Wahlprogramme entsprechend anpassen“, sagt sie. Lena würde Judith Benda (DIE LINKE) eine SMS schreiben: „Liebe Judith, ich finde es toll, dass du dich gegen die aktuelle Rüstungspolitik stellst“. Ihre Feundin (25 Jahre) studiert dort Psychologie. Um sich zu informieren hat sie den Wahl-O-Mat gemacht und sich auf ARTE informiert. Eva wird ebenfalls entweder DIE LINKE oder DIE PARTEI wählen. Sie würde gerne Jens Irgang (NPD) eine Nachricht schicken:

„Einfach nur den lachenden Kackhaufen.“

Die dritte Runde im Trude spielten wir mit Freddi (18 Jahre) und David (19 Jahre). Ersterer lebt in Kreuzberg und wird DIE LINKE wählen. Sein Kumpel David lebt nun seit einer Woche in Neukölln und ist bereits genervt von Wahlwerbung im Briefkasten. Er wird sich noch informieren und sich dann entscheiden oder gar nicht wählen. Aber erst einmal hätte er folgende Nachricht für Christina Schwarzer (CDU):

„Bitte schick mir keine aufdringliche Broschüren mehr, die mich in schwarz, rot, gold bespringen wollen.“

Verzweiflung und Post an Giffey in der Bergklause

In der „Bergklause“, einer Altberliner Kneipe in der Boddinstraße, ist – neben Bingoterminen und einer Tigerfigur mitsamt brennendem Reifen auf dem Tresen – reges Interesse für unser Quiz vorhanden. Zuerst sprachen wir mit unserem Tresennachbarn Günther (67 Jahre). Er ist Soziologe und lebt seit 20 Jahren in Neukölln. DIE GRÜNEN und die SPD werden seine Wahl sein. In acht Zeitungen täglich, im Internet und im Radio informiert er sich über die politischen Geschehnisse. Sein Wunsch ist es, dass sich die Parteien mehr für den sozialen Zusammenhalt und die Verständigung aller Menschen in Neukölln einsetzen. Mit Frau Kahlenfeld (DIE GRÜNEN) wurde er gerne mal ein Bierchen trinken gehen, schließlich schrieb er ihr auch schon E-Mails. Mit der NPD hingegen lieber nicht:

„Es gibt keinen nationalistischen Humor. Das wäre also nicht sehr unterhaltsam.“

Otto (62 Jahre) ist Busfahrer und Inhaber der Bergklause. Er lebt in Tempelhof, arbeitet aber bereits seit 20 Jahren in Neukölln – das Datum seines Rentenantritts steht auf der Tafel hinter der Bar. Er wird ungültig wählen: „Weniger aus Protest, mehr aus Verzweiflung“. Otto hat der Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) vor Kurzem eine wütende E-Mail geschrieben. Eine Antwort blieb bis heute aus. Thomas (51 Jahre) ist echter Neuköllner und arbeitet im Wareneingang. Er wird wählen, ist sich aber noch nicht sicher. Seine Infos zur Wahl holt er sich aus TV, Zeitungen, Radio und Internet. Sein Wunsch sind bezahlbare Mieten und mehr Chancengleichheit. Thomas sagt: „Neukölln war ein Malocher-Bezirk – das war ein Wohnzimmer für die Leute. Die Strukturen haben sich aber stark verändert und die soziale Schieflage ist immer mehr zu spüren“. Thomas würde eine Nachricht an den AfD-Abgeordneten Frank-Christian Hansel schreiben und fragen:

„Meinst du das wirklich ernst, was in deinem Wahlprogramm steht?“

Alle drei Herren haben sich wirklich redlich um die Lösung des Rätsels bemüht. Doch trotz der versprochenen Einladung zum Bier bei 50 Prozent und ihrem cleverem Ausschlussverfahren war da nichts zu machen.

Allez Hop! Tresenverziehrung in der Bergklause.

Qualmende Stille in der Minze Shisha-Bar

In der „Minze Sisha-Bar“ auf der Hermannstraße scheitern wir kläglich zwischen dichtem Rauch, persönlichen Gesprächen, die keine Störung dulden, Desinteresse und der Champions League. Alle Angesprochenen lehnen freundlich ab, sich dem Quiz zu stellen. Der wuselige Barkeeper würde gerne wählen, ist aber erst seit sechs Jahren in Deutschland und darf aufgrund seiner Nationalität nicht wählen. Kurz kommen wir mit zwei jungen Männern ins Gespräch. Sie sind vorsichtig in ihren Aussagen, lassen sich ungern in ihre Köpfe schauen. „Die Wahl ist mir egal, ich kann sowieso nichts ändern“, sagt der Eine, „ich werde wählen, mich aber erst kurz vor der Wahl im Internet informieren“, so der Andere.

Hashtags und das Streben nach Glück im Spätkauf 178

An unserem letzten Stopp, Spätkauf 178 in der Hermannstraße, haben wir mit Gümey, seinem Kumpel Rafael und Peter gesprochen. Gümey (22 Jahre) arbeitet im Spätkauf und wohnt um die Ecke. Er würde DIE GRÜNEN wählen, weil sein Onkel selbst in der Partei ist. Zum Zeitpunkt der Wahlen ist er aber verreist und die Briefwahl hatte er nicht auf dem Schirm. Für Neukölln würde er sich wieder mehr Jugendzentren wünschen. „Mein Bruder und ich waren immer dort. Wir haben Fußball gespielt, Ausflüge gemacht. Aber immer mehr Jugendeinrichtungen schließen“, sagt er. Außerdem würde sich Gümey wünschen, dass die Mieten nicht so extrem steigen. Eine Nachricht würde er an AfD und NPD schreiben: „Da wären nur Ausdrücke drin.“ Beim Rätseln wundert er sich:

„Das mit den Hashtags ist von der CDU? Ist die auf Instagram oder was? Der muss ich mal folgen…“

Rafael (30 Jahre) ist Lehrer und lebt seit zwei Jahren in Neukölln. „Ich werde DIE LINKE wählen, weil deren Inhalte meiner politischen Meinung entsprechen. Für Neukölln wünsche ich mir echte Chancengleichheit, vor allem im Bildungssystem. Das ist ein riesiges Problem hier.” Rafael würde Jens Irgang (NPD) folgende Nachricht senden:

„Bist du in deinem Leben nicht glücklich oder warum musst du anderen Menschen so viel Hass entgegenbringen?“

Und dann kommt noch Peter (58 Jahre) vorbeispaziert, Frührentner, ehemaliger Handwerker und ein echtes Neuköllner Urgestein. Im Grunde ist er zufrieden mit der Arbeit des Kabinetts Merkel, weswegen er auch zum wiederholten Mal die CDU wählen wird. „Für Neukölln wünsche ich mir, dass nicht alle kleinen Einzelhändler in der Hermannstraße platt gemacht werden“, erklärt er. Außerdem wünscht er sich eine bessere Umsetzung der Mietpreisbremse und, dass der Bezirk mehr Gebrauch vom Vorverkaufsrecht machen würde.

Obwohl unser Quiz und die Zuordnung von Fotos, Namen, Parteien und Programmen allen Gesprächspartnern durchaus  Kopfzerbrechen bereitet hat, zeigten doch fast alle Beteiligten reges Interesse. Am 24. September wissen wir dann, wer den Wahlkreis Neukölln im 19. Deutschen Bundestag vertreten wird.

*Drei Namen wurden von der Redaktion geändert.

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