von am 7. Juli 2015
Elvira Möller leitet das Boom!

Elvira Möller leitet das Boom!

Seit acht Jahren bietet das Boom! in der Thomasstraße Raum für Theaterkurse mit Schul- und Kitakindern aus dem Körnerkiez. Dahinter steht ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Kunst und Kultur, der sich besonders an Menschen richtet, die sonst kaum Zugang zu kulturellen Angeboten haben. 

Elvira Möller ist Schauspielerin und theaterpädagogische Spielleiterin und hat das Boom! mitgegründet. Gemeinsam mit ihrer Tochter Melse als zweite Spielleiterin gibt sie Kindern die Möglichkeit, durch das Theaterspielen neue Perspektiven kennenzulernen, das Selbstbewusstsein zu stärken. Auch das Programm Soziale Stadt, der Europäische Fonds für regionale Entwicklung und nicht zuletzt der Kiezheld Kurt Krömer finden die Arbeit von Elvira Möller unterstützenswert. Jetzt kam die Kündigung der Theaterräume – hier sollen bald Eigentumswohnungen entstehen.

neukoellner.het: Elvira, dem Boom! wurden nach acht Jahren zu Ende August die Räumlichkeiten in der Thomasstraße gekündigt. Was ging dir als erstes durch den Kopf, als du die Kündigung in den Händen hieltst?

Elvira Möller: Ich dachte: Jetzt hat es auch uns erwischt! Die Kündigung hatte sich bereits angedeutet, sodass der Schock nicht mehr so groß war. Über uns wurde schon umgebaut, zwei ehemalige Gewerberäume zu Wohnungen, und andauernd mussten die Bauarbeiter in unsere Räume. Es gab zunächst keine Auskünfte, weder von der Hausverwaltung noch von der Eigentümervertreterin, die mehrmals vor Ort war. Als sie dann mit einem anderen Eigentümervertreter und Architekten in unseren Räumen waren, um diese auszumessen – natürlich nur für die Unterlagen –, habe ich dann Tacheles geredet. Erst da haben sie es bestätigt: Es sei keine Frage mehr ob, sondern nur wann wir raus müssen. Der Prozess bis zu dieser Auskunft ist schon sehr schmerzhaft gewesen. Als die Bauarbeiter in unserm Garten standen und Gerüste auf- und abgebaut wurden, Sandberge und Baustoffe einfach auf unsere Gartenbühne gehäuft wurden, da dachte ich eines Morgens:  Oh mein Gott, so fühlt sich also Verdrängung an.

Eine Szene aus dem Stück "Die kleine Maus sucht einen Freund"

Eine Szene aus dem Stück „Die kleine Maus sucht einen Freund“

Welche Projekte wurden im Boom! umgesetzt, was habt ihr mit Eurem Engagement erreichen können?
Wir haben von Beginn an Theaterprojekte durchgeführt mit  Schulkindern, laufende AGs, die nachmittags stattfanden, mehrmals auch  Ferienprogramme, das Sommertheater, bei dem die Kinder zwei Wochen täglich kamen und am Ende eine Aufführung auf der Straße präsentierten. Wir haben viele Kinder erreicht, die immer eine Menge mitgenommen haben: Selbstvertrauen, Spielfreude, soziale und emotionale Kompetenz und natürlich Spaß. 2012 haben meine Kollegin Melse und ich ein neues Konzept entwickelt für Kitakinder zur Sprach- und Bewegungsförderung. Wir spielen unter anderem mit zwei Handpuppen, die wir und die Kinder echt ins Herz geschlossen haben. Darüber hinaus haben wir oft bei den 48 Stunden Neukölln mitgewirkt, immer Sonntags gabs die TanzBar, Gastspiele von Theatergruppen und viele Konzerte mit tollen Bands. Und unsere legendäre Open Stage, offen für alle und alles.

2009 hat Kurt Krömer die Spendengala „Pimp mein Ghetto“ veranstaltet, um Projekte im Körnerkiez zu unterstützen. Auch das Boom! war unter den Begünstigten. Wie habt ihr damals zueinander gefunden?
Kurt Krömer hat als Schirmherr vom Nachbarschaftsheim Körnerpark einen Rundgang durch den Kiez gemacht, ich glaube das war 2008. Zusammen mit einigen Leuten vom  Quartiersmanagement war er auch bei uns im Boom! und sehr angetan von unseren Theaterprojekten, aber auch von der Open Stage. Er selbst hat ja damals bei der Open Stage in der Scheinbar angefangen und bei uns wurde er dann sentimental. Es hat ihn beeindruckt, dass es sowas im Gartenhaus der Thomasstraße in Neukölln gibt. Sein Statement war: Diese Orte sind extrem wichtig für die Menschheit. Ob er es genau so gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Aber er hatte Recht!

Würdest du dir wünschen, dass die Politik mehr tut, um Verdrängung, wie sie gerade in Neukölln stattfindet, zu verhindern?
Oh ja, das wünsche ich mir sehr! Milieuschutz ist eine Möglichkeit. Jetzt wurde ja im Senat etwas durchgesetzt, das man Umwandlungsverordnung nennt. Diese Verordnung  besagt, dass Häuser in Gebieten mit Milieuschutz nicht umgewandelt werden dürfen, also keine Gewerberäume zu Wohneigentum, zumindest habe ich es so verstanden. Ich bin Mitglied im Quartiersbeirat des Körnerkiezes für den Bereich Kultur. Dort gab es viel Für und Wider dazu, aber die positiven Aspekte überwiegen und haben auch den Quartiersrat überzeugen können, Milieuschutz für das Gebiet Körnerpark zu beantragen. Für unsere Theaterräume ist es natürlich zu spät, aber es könnte Künstler,  kulturelle und soziale Einrichtungen und Mieter davor bewahren, verdrängt zu werden. Allerdings müssen jetzt erstmal viele Kieze unter Milieuschutz gestellt werden, damit die Umwandlungsverordnung greift.
Der Ausverkauf der Stadt macht mich traurig. Ich lebe seit 1985, also 30 Jahre in Berlin, meiner Wahlheimat. Natürlich hat sich vieles gewandelt, ist ja klar, aber früher ging es tatsächlich nicht um Geld in dieser Stadt. Das ist heute kaum mehr vorstellbar.

Kinder der Kita Arielle haben ein neues Boom! gebastelt.

Kinder der Kita Arielle haben ein neues Boom! gebastelt.

Bist du auf der Suche nach anderen Räumlichkeiten?
Gleich als ich erfuhr, dass wir raus müssen, habe ich mit dem Quartiersmanagement  gesprochen, aber leider stellt sich die Situation so dar, dass es keine freien bezahlbaren Räume mehr gibt im Körnerkiez. Diejenigen, die Räume verlassen, tun dies aus den gleichen oder ähnlichen Gründen wie wir. Räume werden in Eigentum umgewandelt oder sehr viel teurer weitervermietet.

Was wird nun aus den Theaterprojekten?
Wir haben  für unser Theaterprojekt mit Kindern der Konrad-Agahd-Schule, das im September neu startet, einen schönen Raum im Kiez gefunden, den wir für die AG-Zeiten mieten werden. Er befindet sich im Café Fincan , Träger ist wie wir ein gemeinnütziger Verein. Es ist natürlich etwas ganz anderes, das Boom! war ein spezieller Ort zum Sein und Ausleben, Rumspinnen und mal ganz anders sein dürfen. Die Kinder haben das Boom! geliebt und wollten dort am liebsten wohnen. Für sie bedauere ich es am meisten. Wenn jemand etwas weiß: bitte melden! Es wäre toll, wenn wir einen neuen  Raum für uns zum Austoben fänden. Es gibt auch noch so viele Kostüme, Requisiten, unser Klavier, die Technik  umziehen mit allem wäre schon schön. So oder so, eine neue Ära beginnt.

Vom 20. bis 31. Juli findet letztmalig das Sommertheater im Boom! statt für Kinder und Jugendliche von 10-18 Jahren. Anmeldung unter 0151-21969597

Boom!  raum für theater – musik  performance
Thomasstraße 27
12053 Berlin

www.boom-neukoelln.de

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