von am 18. November 2014

moschee_KIn der Şehitlik-Moschee war eine Führung speziell für Schwule und Lesben geplant, mit anschließender Diskussion zum Thema „Islam und Homosexualität“. Doch aus der Türkei gab es heftige Kritik, die Veranstaltung wurde abgesagt. Sie soll nun an einem neutralen Ort stattfinden. Die Reaktionen sind gespalten.

Text: Sara Reichelt, Sabrina Markutzyk, Regina Lechner; Foto: Max Büch

Lassen sich Homosexualität und islamischer Glauben vereinen? Wer an das Verbot von Homosexualität in vielen muslimischen Ländern denkt, mag die Frage mit Nein beantworten. Ein demonstratives Gegenbeispiel sind der schwule Imam Muhsin Hendricks aus Südafrika oder auch die Porträts homosexueller Muslime der Fotografin Samra Habib.

Ender Çetin gilt als liberaler Imam, der sich sehr für für einen Austausch mit Andersgläubigen einsetzt und Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen will, wie er uns 2012 in einem ausführlichen Interview erklärte. Er veranstaltet regelmäßig Führungen und Diskussionsrunden in der Şehitlik-Moschee, ist aber auch für unkonventionelle Ideen bekannt – so schickte er etwa Vertreter der Moschee ins benachbarte Columbiabad, um randalierende muslimische Jugendliche zur Vernunft zu bringen. Trotzdem überraschte diese Meldung zunächst: „Moschee lädt Lesben und Schwule ein“, hieß es vergangene Woche. Im Rahmen des Projekts meet2respect, das den Abbau von Intoleranz, Diskriminierung und Gewalt zum Ziel hat, vereinbarte Daniel Worat, Vorstand des Vereins Leadership Berlin mit Ender Çetin für den 24. November eine Moschee-Führung mit anschließender Diskussion zum Verhältnis von Islam und Homosexualität.

Laut taz berichtete eine türkische Zeitung über die Veranstaltung und löste damit eine Welle der Kritik aus. Von einem „geplanten Besuch ‚abnormaler Homosexueller‘ in der Moschee“ war die Rede, Proteste konservativer Muslime sollten folgten. Die Moschee gehört dem türkisch-islamischen Dachverband Ditib an, der bis vor einigen Jahren direkt der türkischen Regierung unterstand. Mittlerweile ist der Verband unabhängig, doch zur Absage der Begegnung soll eine Anweisung der türkischen Regierungspartei geführt haben, heißt es in der taz weiter.

Çetin will den Dialog nicht aufgeben – trotz Kritik

Auf unsere Nachfrage hin sagte Çetin am Montag Abend, er finde es sehr bedauerlich, dass die ursprüngliche Veranstaltung unter anderem wegen des heftigen politischen Gegenwinds aus der Türkei abgesagt werden musste.  Çetin betont:

„Es ist aber eine innermuslimische Debatte über das Thema entstanden. Es gibt Fürsprecher und Gegner“

Çetin versicherte außerdem, dass der begonnene Dialog mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen nicht aufgegeben werde. Er will auch in Zukunft in seiner Moschee Führungen und Gespräche für interessierte Menschen anbieten. Das spezielle Thema sei sehr heikel, aber es komme etwas in Bewegung.

Initiatoren erfreut

Bei Leadership gibt es Verständnis für die Entscheidung und die Freude über die neue Dimension der Auseinandersetzung ist groß: Die Diskussionsveranstaltung soll nun an einem neutralen Ort stattfinden. In diesem Rahmen will sich ein Theologe des DITIB über das Verhältnis zwischen Islam und Homosexualität äußern und zur Frage Stellung beziehen, inwieweit Moscheen für Schwule und Lesben offen stehen. Zudem sitzen auf dem Podium Prof. Barbara John, Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und Daniel Worat, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Leadership Berlin und Vorstand im Völklinger Kreis (Bundesverband schwuler Führungskräfte). „Wir begrüßen die Bereitschaft des DITIB, den Dialog zu diesem sicher nicht einfachen Thema weiterzuführen und freuen uns auf die Veranstaltung“, so Bernhard Heider von Leadership Berlin.

Für den Lesben- und Schwulenverband Deutschland ist das ganze eine Farce. Jörg Steinert (Geschäftsführer LSVD) auf Bild online: „Es ist unglaublich! Wir werden uns nicht für eine Alibi-Veranstaltung mit Ditib-Funktionären zur Verfügung stellen.“

Die Veranstaltung findet am 24. November ab 19.30 Uhr statt. Der Ort wird auf Nachfrage mitgeteilt. Anmeldung und weitere Infos:

Daniel Worat, daniel.worat[at]leadershipberlin.de
www.leadership-berlin.de

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5 Kommentare:

  • Klingenberg sagt:

    [Dieser Kommentar wurde aufgrund unsachlicher Verallgemeinerungen und nicht belegbarer Behauptungen gelöscht.]

  • Sabdo sagt:

    Wehe eine Katholische Kirche hätte schwule ausgeladen… dann wäre der Mediale Teufel los… aber beim Islam schaut man gerne darüber hinweg.

  • Christian Daniel sagt:

    „Bei Leadership gibt es Verständnis für die Entscheidung und die Freude über die neue Dimension der Auseinandersetzung ist groß“ – Ja großartig, ich freue mich auch, dass wir im 21. Jahrhundert Menschen bestimmte Orte in Deutschland nicht betreten lassen, weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben. Und ich finde es noch bereichernder, dass eine türkische Partei in der Türkei entscheiden darf, wer in Deutschland in eine Moschee darf.
    Es passt irgendwie nicht zu dem Bild, dass die Vertreter des Islams uns immer vermitteln wollen: Religion des Friedens, auf dem Weg in die Moderne, interkulturelle, spannende Begegnungen…

  • […] Einfach nur krank. Die Şehitlik-Moschee wollte am kommenden Montag in Zusammenarbeit mit dem Projekt meet2respect eine Veranstaltung zum Thema “Islam und Homosexualität” machen. Nach heftigen Protesten aus der Türkei wurde die Veranstaltung nicht abgesagt, aber an einen “neutralen Ort” verlegt. Es ist beschämend wie Fanatiker, egal aus welchem Lager, immer wieder damit durchkommen, Bemühungen zum Dialog zu torpedieren. Es sind diese starren Sichtweisen, die zu Konflikten und Misstrauen in der Gesellschaft führen. Gerade in Neukölln gibt es schon genug davon. (Wir berichteten) […]

  • […] und Islam aus der Neuköllner Şehitlik- Moschee an einen neutralen Ort verlegt werden (wir berichteten). Im Tagungswerk Jerusalem kam es schließlich zu einem achtsamen Austausch zwischen Muslimen und […]

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