von am 3. Mai 2016
N+ Werkstatt

Von links: Gülhanim Karaduman-Cerkes (Ditib), Ellahe Amir-Haeri (Bridge) und Bezirksstadtrat Bernd Szczepanski (Bündnis  90/Grüne)

Donnerstagabend, nahe des Körnerparks. Im Nachbarschaftsheim Neukölln gibt es Häppchen, es wird hitzig diskutiert. Nicht ohne Grund: Die Bürgerstiftung Neukölln hat zur N+Werkstatt “Geflüchtete in Neukölln“ eingeladen. Verhandelt werden auf dem Podium und im Publikum die Grenzen der bisherigen Integrationspolitik und Ideen, wie es zukünftig besser laufen könnte. 

Fotos: Bürgerstiftung Neukölln

“Bitte nicht mehr reden, handeln!“ Mit ihrer Aufforderung an die Politik bringt Gülhanim Karaduman-Cerkes das, was wohl viele hier im Raum denken, auf den Punkt. Viele Menschen, die heute in die N+Werkstatt gekommen sind, engagieren sich ehrenamtlich in der Geflüchtetenhilfe, haben zum Teil Migrationshintergrund, und sehen es als Herzensangelegenheit, Menschen aus Syrien, dem Irak und anderswo willkommen zu heißen. Karaduman-Cerkes etwa veranstaltet jede Woche ein Begegnungscafé für geflüchtete Frauen. Doch gerade weil die Ehrenamtler in so engem Kontakt zu den Geflüchteten stehen, finden sie – das wird an diesem Abend deutlich –, dass der Staat sich oft zu sehr aus der notwendigen Integration heraushält und sich zu stark auf das Engagement der unbezahlt Arbeitenden verlässt.

„Ehrenamt braucht Hauptamt“

Die Bürgerstiftung Neukölln hat geladen, um über die Herausforderungen zu sprechen, die sich durch den Zuzug der Geflüchteten ergeben. Es kamen Vertreter von Vereinen sowie aus der Politik; so etwa Bezirksstadtrat Bernd Szczepanski (Bündnis 90/Die Grünen). Beliebt im Publikum, schlägt sich dieser oft auf die Seite der sozial Engagierten. Ehrenamt brauche keine Entschädigung, “Ehrenamt braucht Hauptamt“, sagt er, und dass er gerne einen Etat für Kulturfeste haben würde. Was die Ämter, was der Staat den Ehrenamtlichen aber abnehmen könnte, das sagt er leider nicht. Auch eine Mitarbeiterin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ist da; sie betont, es seien Millionen in die ehrenamtliche Hilfe geflossen. Prompte Reaktion aus dem Publikum: “Es ist nichts angekommen.“ Man spürt, trotz allgemeiner guter Laune, dass sich da auch Frustration angestaut hat über die Monate und Jahre.

N+ Werkstatt

Lukas Schulte, Koordinator der N+Werkstatt, stellte Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Wohnen“ vor

Die Menschen, die Geflüchtete wöchentlich zum Amt oder auf Wohnungssuche begleiten, die Sprachkurse geben oder Kochabende veranstalten, tun dies gerne. Dennoch brauchen auch Ehrenamtler eine funktionierende Koordination sowie eine fachliche Betreuung. Da fehlen schlichtweg festangestellte Leute, die solche Aufgaben übernehmen. Mehrmals fällt das Wort “Supervision“ an diesem Abend. Und noch öfter wird sich über die furchtbar zähe Bürokratie aufgeregt, die viele Anstrengungen sowohl der Helfer als auch der Geflücheteten ins Nichts laufen lässt.

Schule als Mittelpunkt der Integration

Der Status quo lässt offensichtlich zu wünschen übrig. An guten Ideen, wie man den Geflüchteten das Ankommen erleichtert, mangelt es trotzdem nicht. Die Diskutanten sehen den Staat in der Pflicht, Schulen zum Mittelpunkt der Integration zu machen. Dafür sei es wichtig, den Geflüchteten Kontinuität zu ermöglichen. Ein Schulwechsel nach kurzer Zeit, wenn zum Beispiel ein Umzug in ein anderes Stadtviertel ansteht, wird als schwierig empfunden. Da die Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, seit der großen Welle im Spätsommer 2015 angeblich gesunken ist, solle es außerdem eine zentrale Stelle im Bezirksamt geben, wo man sich für ein solches Ehrenamt bewerben kann; dies mache die unbezahlte Arbeit zugänglicher und übersichtlicher.

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Sozialstadtrat Bernd Szczepanski informierte über die aktuelle Situation Geflüchteter in Neukölln

Die anwesenden Vereine wie etwa DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.), in der Gülhanim Karaduman-Cerkes für das Thema Frauen zuständig ist, oder Bridge – Berliner Netzwerk für Bleiberecht, wollen, um wirkmächtiger zu werden, aber auch die eigene Zusammenarbeit verbessern. So ist immer wieder von “Vernetzung“ der Vereine die Rede. So Karaduman-Cerkes: “Ich wohne jetzt schon seit vierzig Jahren in Neukölln, und habe gerade erst das Arabische Kommunikations- und Kulturzentrum kennengelernt!“ Bei einer so hohen Zahl an sozialen, religiösen und kulturellen Vereinen, wie es sie in Neukölln gibt, ist das nicht verwunderlich.

Außerdem sei es wichtig, auch innerhalb von religiösen Gemeinden zu vermitteln. Gülhanim Karaduman-Cerkes kennt sich mit Reibungsflächen zwischen alten und neuen Gemeindemitgliedern aus; in der Sehitlik-Moscheegemeinde, in deren Vorstand sie Mitglied ist, kommt es durchaus vor, dass sich die Alteingesessenen über die Aufmerksamkeit beschweren, die nun den geflüchteten Menschen zukommt. Ihre Lösung? Das, was an dieser Stelle immer hilft: Begegnung.

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