von am 16. Oktober 2011

Rund 90 verschiedene Religionsgemeinschaften gibt es in Neukölln. Mit dem Themenschwerpunkt „Götter & Glauben“ werden wir uns in den kommenden Wochen ausführlich mit dem „Opium fürs Volk“ befassen.

Ein Text von Cara Wuchold und Karolin Korthase

“Blood of Jesus Foundation Ministry”, “Brotherhood of the Cross and Star”, “House of Prayer“ – die Kirche hat ja bekanntlich ein Imageproblem. Die nigerianischen und ghanaischen Gemeinden, beheimatet in der evangelischen Martin-Luther-Kirche, bringen Kreativität in die Namensgestaltung.  St. Hedwigs- oder Johannesgemeinde? Wer geht da noch hin! Täufer sind out. Blut, Brüderschaft und Sterne in da House!

Der Fantasie sind nicht nur in Namens-, sondern auch in Glaubensfragen keine Grenzen gesetzt. Fantasie? Für alle Gottlosen hier entlang. Der Rest möge staunen, ob der Vielfalt an religiösen Gemeinden, die es in diesem Bezirk gibt.  Wer in Neukölln ein spirituelles Plätzchen zur seelischen Erbauung oder Erfüllung sucht, wird schnell fündig. Und hat dann die Qual der Wahl: Rund 90 Religionsgemeinschaften gibt es im Bezirk. Und für all die Sarrazin-Sympathisanten, die denken, dass über dem Rathausturm bald der Halbmond leuchtet, hier die Entwarnung: Die christliche Kirche ist selbst im vielbeschworenen migrantischen Brennpunktbezirk mit rund 60 Einrichtungen in der Übermacht. Moscheen gibt es hingegen nur 21. Die große Mehrheit ist dabei sunnitisch, vereinzelt gibt es schiitische und alevitische Gemeinden.

Buntes Religionskaleidoskop

Vom arabischen, albanischen, türkischen, bengalischen, bei Bedarf auch deutschen Koranunterricht, über Veranstaltungen zu Ethik und Toleranz oder Sufimusik, bis hin zu Imam-Besuchen im Krankenhaus, Friseuren und finanzieller Beratung – die islamischen Gemeinden kümmern sich. Die christlichen natürlich ebenso. Bei der katholischen Kirchengemeinde St. Richard wird nicht nur gesungen „mit Fröhlichkeit“, das hilft der Seele ja bekanntlich, sondern – ora et labora – auch gemeinsam geputzt.

Im bunten Religionskaleidoskop gibt es außerdem einen hinduistischen Tempel. Er liegt direkt an der Hasenheide nahe Hermannplatz und befindet sich im Bau. Wenn endlich fertig gestellt, soll er den berlinweit 6.000 Hindus mit ihren Gottheiten Shiva, Brahma und Vishnu einen Platz zum Meditieren und Beten schenken.
Die einzige vom Bezirksamt aufgeführte Synagoge befindet sich am Fraenkelufer. Das ist zwar eine nette Info, nur ist das kein Neuköllner Ufer, sondern in Kreuzberg. Die Spuren jüdischen Lebens in Neukölln erscheinen demnächst in Neuauflage im Hentrich & Hentrich Verlag – eine Buchbesprechung gibt es pünktlich zum Erscheinungstermin auf neukoellner.net. Derzeit scheint der Bezirk aber nicht gerade ein Mekka des jüdischen Glaubens zu sein. Das kleine Theater Bimah, bis vor kurzem noch in der Jonasstraße ansässig, ist gerade nach Mitte umgezogen – mehr auch dazu in Kürze auf unserer (Reli-) Seite.

Von „Whirling“ bis „Leerlauf“

Ansonsten drehen sich Derwische munter in zwei Sufizentren, und wer wissen will, wie sich das anfühlt, kann Anfängerkurse im “Whirling” belegen. Im Radiointerview erklären Sheikh Eşref Efendi und Gemeindemitglieder was Sufismus eigentlich ist, und dass sie heute lieber in der Sufi-Disco tanzen, als in einem verrauchten Club – und zwar bis zum Umfallen.

All diese Gemeinschaften existieren friedlich nebeneinander. Und marschieren zum Teil gemeinsam an jedem ersten Montag des Monats über das Tempelhofer Feld. „Leerlauf“ nennt sich dieses meditative Spektakel, bei dem vereint geschwiegen und gebetet wird. Eingeladen sind Vertreter aller religiösen Vereinigungen, die offen sind für kraftvolle „Begegnungen im Geist des Friedens und universeller Liebe“. Mehr Informationen zu der Initiative Religion auf dem Tempelhofer Feld  findet ihr hier.

Um diese Aufzählung noch zu komplettieren, seien auch ein paar religiöse Querschläger erwähnt, die laut Informationsbroschüre des Bezirksamtes nicht in das Raster der großen Religionsgemeinschaften passen: Hierzu zählen beispielsweise die Zeugen Jehovas, die ihre Missionierungszentrale in der Naumburger Straße haben, und die Bahai, deren Stifter Baha’u’llah Ende des 19. Jahrhunderts in Teheran inhaftiert wurde und dort mystische Eingebungen hatte.

Spirituelle Spurensuche

Wem das jetzt zu viel Information auf einmal war, der sei beruhigt. Auch wir fühlen uns im religiösen Dickicht unseres Bezirks ein bisschen verloren und starten deshalb den Themenschwerpunkt „Götter & Glauben“. In den nächsten Wochen gehen Redakteure von neukoellner.net auf spirituelle Spurensuche. Geplant sind u.a. eine Reportage über Sufis und ein Bericht über die Machenschaften der Evangelikalen. Wenn Euch offene Fragen in puncto religiösem Leben in Neukölln auf der Seele brennen, schreibt an info[ät]neukoellner.net – wir werden uns die größte Mühe geben, den Themen auf den Grund zu gehen. So Gott will oder Inschallah.

 

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