von am 3. September 2013
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Voilà, rein vegetarisch!

Wo treiben sich Politiker zu Wahlkampfzeiten nicht überall herum. Ab in die Küche! – hieß es für Grünen-Politikerin Renate Künast. Sie kochte Couscous im Rollbergviertel.

Von Steffen Hensche

Wenn Renate Künast an einem Mittwoch in Neukölln in einer Gemeinschaftsküche steht und Teller befüllt, kann man erahnen, dass Wahlkampf ist. Die Grünen-Politikerin ist Gastköchin bei der Veranstaltung „Mieter kochen für Mieter“, die seit bald zehn Jahren von dem Verein Morus 14 im gleichnamigen Gemeinschaftshaus im Rollbergviertel organisiert wird. Gegen eine Spende von je 3,50 Euro bekommen durchschnittlich 50 bis 70 Gäste jeden Mittwoch ein Dreigänge-Menü serviert. Der Titel der Veranstaltung ist dabei inzwischen irreführend, denn die wöchentlich wechselnden Chefköche sind nur noch selten direkt aus dem Quartier. Kleinere soziale Initiativen und Träger nutzen die Möglichkeit, sich vorzustellen oder es kocht ein Mitglied des Vereins Morus 14 selbst, der vor allem für seine kostenlose Schülerhilfe, die ohne staatliche Förderung funktioniert, inzwischen überrregional bekannt ist.

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Renate Künast rührt die Wahlkampftrommel im Kochtopf

Mittlerweile hat aber auch schon viel Prominenz im Gemeinschaftshaus Morus 14 den Kochlöffel geschwungen. Alfred Biolek und Wolfgang Wowereit kochten gemeinsam, Rita Süßmuth war schon da, ebenso wie Kurt Krömer. Das Gemeinschaftshaus ist heute besonders voll, mindestens 100 Gäste sind da. Für so viele Menschen zu kochen, ist nicht einfach und arbeitsintensiv. Das Team um den einzigen hauptamtlichen Mitarbeiter von Morus 14, Frank Bourgett, hat bereits am Dienstag mit dem Einkauf und den ersten Vorbereitungen begonnen. Am Mittwochmorgen ist dann ab neun Uhr Hochbetrieb: putzen, schnippeln, schälen, hacken, kochen, braten, backen, die Tische decken und schließlich dekorieren – es gibt viel zu tun. Renate Künast kam spät, ist aber zumindest ehrlich. Auf die Frage, wie viel Sie am Essen mitgekocht habe, zeigt sie mit Daumen und Zeigefinger an, dass es nur ein ganz kleines bisschen gewesen sei.

70 Gäste für 60 Euro bekocht

Die Hauptarbeit erledigt das feste Team, ehrenamtliche Helfer und Menschen, die ihre Sozialstunden ableisten oder vom Arbeitsamt hierher vermittelt worden sind. „Wir sind hier eingespielt, natürlich hat aber der Gastkoch den Kochhut auf. Er oder sie legt vorher fest, was gekocht wird und sagt an, wann was gemacht und wie gewürzt wird“, betont Frank Bourgett, der seit sieben Jahren jede Woche die Veranstaltung organisiert. Um 12:30 Uhr steht das Essen bereit. Renate Künast sagt einige Worte, betont den Wert des gemeinsamen Essens und entschuldigt sich halb dafür, dass es heute ein vegetarisches Gericht gibt. Als Vorspeise gibt es Bärlauchsuppe, im Hauptgang wird Gemüse auf Couscous gereicht und als Nachspeise Mango-Crème mit Mandelsplittern.

Fleischlose Gerichte kommen bei vielen Stammgästen nicht immer gut an. „Viele hier wären zufrieden, wenn es im Wechsel Buletten und Kassler geben würde. Uns ist es aber wichtig, dass das Essen hier vielseitig und interkulturell ist“, stellt Frank Bourgett fest, „daher achten wir darauf, dass hier auch afrikanisch, arabisch, indisch, ostasiatisch oder türkisch gekocht wird.“ Das gesamte Menü darf im Einkauf maximal 150 Euro kosten. Viele der gerade türkischen Gemüsehändler gewähren dem Verein auch mal einen Rabatt. Eine arabische Frau hat es einmal geschafft, 70 Gäste mit 60 Euro Budget zu bekochen.

Selbst Polizisten nutzen Essen als Kontaktbörse

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Mittags miteinander essen

Für die Gäste ist das Essen aber nur ein Grund für den regelmäßigen Besuch. „Wir kommen vor allem auch, um etwas in Gemeinschaft zu erleben“, erzählt die Anwohnerin Elke Binjos. „Einige haben sich hier erst kennengelernt. Da viele keine Familie zuhause haben, freut man sich auf jeden Mittwoch.“ Auch Vertreter der Polizei essen bei „Mieter kochen für Mieter“ regelmäßig mit. „Für uns ist das eine Gelegenheit mit verschiedensten Akteuren in Kontakt zu kommen, unbürokratisch beim Essen, auf dem kurzen Dienstweg“, sagt ein Polizist vom Neuköllner Abschnitt 55.

Renate Künast kommt ebenfalls in Kontakt mit den Menschen. Eine Frau sucht beispielsweise dringend eine Wohnung für ihre Familie. Renate Künast schreibt sich die Kontaktdaten auf. Gegen 14 Uhr verlässt sie das Gemeinschaftshaus, sie hat heute noch drei weitere Termine.

Die Veranstaltung „Mieter kochen für Mieter“ steht allen offen und findet jeden Mittwoch ab 12:30 Uhr in der Morusstraße 14 statt.

 

Für die Sommerausgabe haben alle Neuköllner Kiezzeitungen einige ihrer Seiten dem gemeinsamen Thema “Essen in Neukölln” gewidmet – wir haben für neukoellner.net daraus ein kleine Sommerserie gemacht. Dieser Text ist ursprünglich in der Stadtteilzeitung „Rollberginfo“ des Quartiersmanagements Rollbergsiedlung erschienen. 

 

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