von am 4. Februar 2016

Kita NK-4Es ist ihr zweites Zuhause: Die Kinder des Kindergartens Ackerwinde kommen sichtlich gerne jeden Tag in die Einrichtung, um hier gemeinsam zu spielen, zu lernen, zu essen und Ausflüge zu unternehmen. Sie werden im Kindergarten mit Waldorfpädagogik intensiv betreut, doch schon in wenigen Wochen könnte damit Schluss sein. Die Betreiber suchen dringend neue Räume – wer kann dabei helfen?

Fotos: Anna Blattner

„Elke, ich hab ein Geschenk für dich, ein Glitzersteinchen“, sagt ein kleiner Junge. Ein Mädchen kommt verschlafen aus dem Nebenraum und umarmt Elke Friemer. Sie vergräbt ihr Gesicht in Friemers Pullover und bleibt noch minutenlang in dieser Haltung, während die Mitgründerin des Kindergartens Ackerwinde erzählt. Davon, dass sie seit 22 Jahren in Neukölln als Erzieherin arbeitet und vor fast acht Jahren zusammen mit Kolleginnen den Kindergarten auf Grundlage der Waldorfpädagogik in der Donaustraße eröffnete. Ihr Herzensprojekt, das in der jetzigen Form allerdings gerade vor dem Aus steht.

Böser Immobilien-Investor verdrängt Kindergarten – mit dieser David-gegen-Goliath-Überschrift ließe sich die Geschichte vereinfacht zusammenfassen. Im September 2015 erhielten Friemer und ihr Team die Kündigung durch die Hausverwaltung Bearm GmbH (Berlin Aspire Real Estate Management), die das Haus im Juni übernommen hatte. Sechs Monate blieben dem Kindergarten ab diesem Zeitpunkt, um neue Räume zu finden. Nun wird die Zeit bis zum Auszugstermin am 31. März immer knapper, und eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

Familiäres Umfeld

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Familien mit verschiedenen kulturellen Hintergründen kommen im Kindergarten Ackerwinde zusammen.

Geschockt habe sie die Nachricht von der Kündigung, erzählen die Eltern, die an diesem Nachmittag ihre Kinder abholen. „Es ist hier sehr familiär hier und der Betreuungsschlüssel ist besonders hoch“, sagt Kasia Fidler, Mutter von zwei Kindern im Kindergarten Ackerwinde. In der Kleinkindgruppe etwa kümmern sich drei Betreuer um neun Kinder. „Die Erzieher gehen genau auf die Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes ein“, sagt Michael Hörz, dessen Sohn die Kleinkindgruppe besucht. Erzieherin Elke Friemer schätzt besonders, dass sich im Kindergarten Ackerwinde eine sehr heterogene Mischung aus Familien zusammengefunden hat. Michael Hörz beginnt, die verschiedenen Sprachen aufzuzählen, die die Kinder und Eltern sprechen. Zwei Hände reichen dafür nicht aus.

Die Kündigung hat die Eltern fest zusammengeschweißt. Sie alle helfen mit bei der Suche nach neuen Räumen. „Bei jedem Spaziergang hält man die Augen offen, ob irgendwo vielleicht ein geeigneter Laden leersteht“, erzählt Hörz. Außerdem unterstützen die Eltern das Team des Kindergartens bei der Recherche von Fördermöglichkeiten und bei der Öffentlichkeitsarbeit. Je mehr sie sich mit dem Verwalter des Hauses in der Donaustraße auseinandersetzten, umso klarer wurde, dass sie einem Investor mit „juristisch fragwürdigen Methoden“ gegenüberstehen, wie Hörz sagt.

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Michael Hörz und die übrigen Eltern hat die Kündigung des Kindergartens fest zusammengeschweißt. Gemeinsam suchen sie nach neuen Räumen.

Über Berlin Aspire und dessen Geschäftsmodell hat 2014 die Berliner Mietergemeinschaft berichtet. „Die Vertreibung von Mieter/innen, die Täuschung von Käufern und die Zwischennutzung als Ferienwohnungen gehören zur Verwertungsstrategie“, heißt es im Artikel. Für jedes neu erworbene Haus werde eine eigene GmbH gegründet und so sei schwer nachzuvollziehen, dass Berlin Aspire dahintersteckt. Beim Kindergarten Ackerwinde sei dies zum Beispiel die Meron Residential GmbH & Co KG, für die es wiederum eine geschäftsführende GmbH gebe, die Beesands Management GmbH. Wer die Anteile an Meron Residential hält, ist für die Mieter nicht nachvollziehabr.

Die Berliner Mietergemeinschaft schreibt außerdem von Einladungen zu „Mietergesprächen“ durch ein Unternehmen, dass sich als unabhängiger Berater ausgibt, tatsächlich aber von Berlin Aspire bzw. den Eigentümern beauftragt wurde, um die Mieter zum Auszug zu bewegen. Die freigewordenen Wohnungen werden anschließend möbliert und auf Airbnb oder über die eigene Website als Ferienwohnung angeboten. So lassen sich etwa mit einer 1,5-Zimmer-Wohnung über 1.000 Euro im Monat verdienen, wie auf dem Blog Reichenberger114 zu lesen ist, der von Mietern betrieben wird, die sich aktuell gegen Berlin Aspire zur Wehr setzen.

„Ein Gewerbemieter wie jeder andere auch“

Berlin Aspire schreibt auf die Anfrage von neukoellner.net: „Wir verstehen, dass gerade die Beendigung eines Mietverhältnisses mit einem Kindergarten ein sensibles Thema ist, aber letzten Endes ist ein Kindergarten ein Gewerbemieter wie jeder andere auch.“ Der Mietvertrag sei ausgelaufen und der Eigentümer habe im Moment kein Interesse, einen neuen Vertrag zu schließen. Weiter heißt es: „Berlin Aspire trägt der besonderen Situation Rechnung, indem wir mit Vertretern des Kindergartens im Gespräch sind und bleiben und – im Rahmen unserer Vorgaben – gerne zu einem Entgegenkommen bereit sind. So sollte es sicherlich kein Problem sein, dem Kindergarten bei Bedarf für einen gewissen Zeitraum zur Suche von neuen Räumen einen Verbleib in den Räumlichkeiten zu ermöglichen, ohne, dass das Mietverhältnis fortgesetzt wird.“ Michael Hörz sagt dazu, die Hausverwaltung sei seit mehreren Wochen nicht mehr telefonisch zu erreichen und die angegebene Nummer nicht vergeben.

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Bei Tätigkeiten wie Weben oder Basteln kommen die Kinder zur Ruhe.

Hoffnung, dass sich die Kündigung doch noch irgendwie abwenden lässt, haben die Eltern und das Team des Kindergartens Ackerwinde derzeit nicht mehr. Den Kindern wollen sie erst einmal nichts von der anstehenden Veränderung sagen. „Sie spüren aber natürlich trotzdem, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagt Elke Friemer. Neben dem Kindergarten Ackerwinde haben einige weitere pädagogische Einrichtungen in Nordneukölln und Kreuzberg ähnliche Erfahrungen gemacht, wie die taz 2014 berichtete.

Für den im taz-Artikel erwähnten Kinderladen Tarzan und Isolde ging es noch einmal gut aus: Nach der Kündigung der Räume in der Friedelstraße konnte nach langer Suche eine neue Bleibe in der Weichselstraße gefunden werden. Mit den Betreibern von Tarzan und Isolda ist das Team vom Kindergarten Ackerwinde nun in Kontakt, um Erfahrungswerte auszutauschen. Auch das Bezirksamt steht dem Team beratend beiseite, da es sich jedoch um einen privaten Träger handelt, besteht jedoch für die öffentliche Hand keine Pflicht zu handeln. „Der Bezirk ist allerdings auch in der Pflicht, genügend Betreuungsplätze sicherzustellen“, so Michael Hörz. Von der Politik würden sie sich eine Art Bestandsschutz für soziale Einrichtungen wünschen, das sie von anderen Gewerbetreibenden abgrenzt und eine höhere Sicherheit durch längere Kündigungsfristen bietet.

Unterstützung bei der Suche

Wer weiß von geeigneten Räumen für den Kindergarten Ackerwinde? Die Immobilie sollte vorzugsweise folgende Kriterien erfüllen: In der Näheren Umgebung des jetzigen Standorts (Nordneukölln und angrenzende Bezirke), barrierefrei, mit Außengelände oder in Nähe eines Spielplatzes, Gesamtfläche 250 Quadratmeter (auch möglich als zwei getrennte Räumlichkeiten, die aber in der Nähe voneinander sein sollten). Der Kindergarten freut sich über jegliche Hinweise an: ackerwinde.kiga@gmail.com oder 030/6868691. Auch Eltern und Einrichtungen mit ähnlichen Erfahrungen können sich gerne zum Vernetzen und für den Erfahrungsaustausch melden.

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Ein Kommentar:

  • Bla sagt:

    Die Idee mit besserem Mieterschutz für Kitas und andere soziale Einrichtungen ist gut. Ich sehe nur das Problem, dass Kitas dann erst gar keine Räume mehr bekommen, wenn der Vermieter nicht weiß, ob und wann er sie wieder los wird. Klingt doof, aber hoher Mieterschutz ist für Vermieter nunmal abschreckend. Dann kommt am Ende lieber die nächste Spielhalle oder der nächste Dönerladen da rein.

    Schwieriges Problem. Beim Ziel sind sich aber sicherlich alle einig.

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