von am 1. Juli 2014

Die offizielle Fanseite Jean-Claude Junckers, Screenshot: Jean-Claude Juncker / Facebook (Stand 30.06.2014)

„Thank you for your support“ – Jean Claude Juncker winkt und freut sich über seine Fans. In Kürze wird er wohl das höchste politische Amt der EU bekleiden und Präsident der EU-Kommission werden. Seit den 48 Stunden Neukölln hat Juncker noch ein paar „Unterstützer“ dazugewonnen. Bustin‚ the president – und all die anderen Ergebnisse des Kunst- und Kulturfestivals: Unser Fazit.

Bevor wir uns aufmachen, andere zu kritisieren und ihnen unsere vermeintlich guten Ratschläge unter die Nase zu reiben, kehren wir lieber erst eimal vor der eigenen Haustüre – im übertragenen Sinn und wortwörtlich – und üben uns in Selbstkritik. Denn während es dem Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln gelungen ist – trotz monatelanger Vorbereitungsphase – durch die Ereignisse rund um die Hauptmann-Schule im benachbarten Reichenberger Kiez aktueller denn je zu sein, hat es uns an Zeit und Courage gefehlt, dem Thema der diesjährigen 48 Stunden Neukölln ein Forum zu bieten. Sicherlich widmen wir uns Neukölln und sind in unserer Arbeitskraft begrenzt einsatzfähig. Aber solche Ereignissen direkt in der Nachbarschaft außer Acht zu lassen ist auch keine Option. Von daher, liebe Leser, an dieser Stelle ein reuevolles Sorry!

Mut zu akuellen politischen Themen

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‚K-People‘ von Stanislaw Mischtschenko

Bei 48 Stunden Neukölln freute uns in diesem Jahr vor allem die thematische Vielfalt. Gerade die politischen Themen wie Taksim, Kiew und die Einwanderungs-, Flüchtlings- und Asylfrage wurden in zahlreichen Beiträgen kreativ umgesetzt. Sei es der Refugee-Report, der die Lebensrealität von Flüchtlingen in Deutschland fotografisch aufarbeitete, die Ausstellung Biwaking, die Tour mit Maria und Hiba durch den Richardkiez, oder die Installation im Reuterkiez bei Kulturpropaganda. Es zeigte einmal mehr: Neukölln ist bunt, Neukölln ist kritisch und Neukölln steht für kulturelle Vielfalt.

Dazu zählen lässt sich auch die Fotoausstellung ‘K-People’ des LGBT-Aktivisten Stanislaw Mischtschenko über das queere Leben in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Leider war es einer von wenigen Höhepunkten im Zentralen Ausstellungsort Neukölln Arcaden, obwohl im Programmheft beinahe jeder Beitrag im Konsumtempel hervorgehoben wurde. Manche „Foto-Ausstellung“ in den Arcaden erinnerte doch manchmal eher an das Kinderzimmer der kleinen Schwester. Andere, weitaus kreativere Festival-Beiträge, hätten im Programmheft durchaus eine besondere Beachtung verdient gehabt. Auch die Aufteilung in die einzelnen Kieze einerseits und die komplette Auflistung auf den letzten Seiten andererseits war eher verwirrend, als hilfreich. Da hätte man sich lieber kiezweise alles auf einmal komprimiert gewünscht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Trend zur Interaktivität und weniger Beiträgen

Zeitmaschine

Die Zeitmaschine im Keller

Einer der positiven Ausschläge des Festivals war zweifelsohne die Zeitmaschine in der Kultstätte Keller. Die interaktive Videoinstallation von Philipp Hahn begeisterte Jung und Alt gleichermaßen und stellte die Gegenwart in einen völlig neuen Kontext. Ohnehin erfreuten sich in diesem Jahr die Beiträge großer Beliebtheit, die eine Interaktion mit dem Publikum herstellte. Der Besucher als Teil einer Simulation, eines Projektes, das war nicht nur abermals in der Ida Nowhere zu bestaunen, die dafür sorgten, dass Jean-Claude Juncker nun so viele neue Freunde hat, sondern auch bei Hi-ReS! im ehemaligen Parkhaus in der Anzengruberstraße. SeaquenceSea erzeugte Techno durch Tanzschritte und war zugleich ein multimediales Lichterlebnis. Mehr davon, bitte!

Insgesamt war der erneute Rückgang von Veranstaltungen auch an der geringeren Zahl der Besucher (laut Verantalter: etwa 65.000) spürbar. Ob es nun an Konkurrenzveranstaltungen wie der Fusion, der WM oder dem Bergmannstraßenfest gelegen hat oder am sukzessiven Wegbrechen der Kunstfilialien. Selbst auf der Weserstraße, war laut einem Spätiverkäufer („letztes Jahr war besser“) mehr los. So sehr das Festhalten an einem verpflichtenden Thema die Qualität der Beiträge merklich angehoben hat, so sehr spielt die sinnflutgleiche Vielzahl und Dichte an Veranstaltungsorten eine zentrale Rolle bei diesem Festival: Mit dieser Masse ein ganzes Viertel für 48 Stunden in Aufruhr zu versetzen und damit komplett Nordneukölln mit Kunst zu konfrontieren, ist etwas ganz Besonderes und steht Neukölln gut zu Gesicht. Klasse, aber bitte mit Masse!

Die beiden Leiter des Festivals Thorsten Schlenger und Dr. Martin Steffens erklärten, dass sich da Interesse teilzunehmen gegenüber dem Vorjahr nicht abgenommen, sondern sich verlagert habe: „Wir hatten gegenüber dem Vorjahr doppelt so viele Ateliers und Galerien. (Vorjahr: 55 / dieses Jahr 111) und wir haben durch das Junge Kunstfestival die Zahl der Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche verdoppelt.“ Die Bewerbungsregeln seien dieses Jahr strengerer ausgelegt worden und 75 Bewerbungen nicht zugelassen, weil sie entweder nicht das Thema aufgegriffen oder sich nicht an die Fristen gehalten hätten. Zudem seien rund 10 Projekte aus organisatorischen Gründen oder mangelnder Finanzierung nicht zustande gekommen.

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Adbusting der Ida Nowhere, Screenshot: Jean-Claude Juncker / Facebook (Stand 30.06.2014)

Courage zeigen

Weil aber gerade die Finanzierung einen fundamentalen Bestandteil eines solchen Festivals ausmacht, wollen wir an dieser Stelle einerseits den Bezirk Neukölln und das Land Berlin dazu aufrufen, die Augen aufzumachen und sich zu vergegenwärtigen, was ein so vielbesuchtes Kunstfestival für eine Chance bietet, und wie sehr es zu dem Image-Wandel von Neukölln beigetragen hat. Durch nichts Vergleichbares wird die Vielfalt von Neukölln derart komprimiert und positiv sichtbar gemacht.

Und wer andererseits das Festival als Besucher nicht missen möchte, kann hier ein bisschen Courage zeigen und seinen Beitrag zu dessen Erhalt leisten.

Wir hoffen, dass das Thema „Courage“ ein Anstoß für Neukölln war, auch in den nächsten 365 Tagen mehr Mut im Alltag zu zeigen. Für uns war es das in jedem Fall.

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