von am 26. November 2014

meet2respect-2a-1200Nach Protesten aus der Türkei musste eine Veranstaltung zum Thema Homosexualität und Islam aus der Neuköllner Şehitlik- Moschee an einen neutralen Ort verlegt werden (wir berichteten). Im Tagungswerk Jerusalem kam es schließlich zu einem achtsamen Austausch zwischen Muslimen und Homosexuellen. Doch deutlich wurde auch, wie dringend notwendig der begonnene Dialogs fortgesetzt werden muss. 

Text: Sara Reichelt & Christopher Frankenberg, Fotos: Anna Blattner

Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, wies in ihren Begrüßungsworten darauf hin, dass sich trotz der Absage der ursprünglich geplanten Veranstaltung in der Neuköllner Şehitlik-Moschee der Wille zum Dialog durchgesetzt habe. Der Islam sei die zweitgrößte Religionsgemeinschaft Berlins und gehöre zu dieser Stadt genauso wie die circa 350.000 Lesben, Schwule, Bisexuelle Transgender und Intersexuelle (LSBTI). Diese Vielfalt solle sichtbar gemacht werden: „Berlin ist DIE Regenbogenstadt.“ Als wichtig erachtet Kolat, sowohl Homophobie als Islamophobie zu bekämpfen. Dazu benötigen wir eine aktive Antidiskriminierungspolitik und eine dialogoffene Zivilgesellschaft. „Es ist kein Widerspruch, religiös und queer zu sein.“

„Eine Moschee für alle“
Zu Beginn seines ausführlichen Wortbeitrags reagierte Ender Çetin, Vorstandsvorsitzender der Neuköllner DITIB Şehitlik-Moschee, auf die medialen Kontroversen der letzten Woche: „Keiner wird diese Moschee auf die Schultern nehmen und in die Türkei tragen. Es ist eine Berliner Moschee. Es ist eine Moschee für alle.“ Weitere Veranstaltungen mit Menschen der LSBTI Communitiy hält auch in Zukunft für möglich. Bei der Betrachtung von Sexualität im Allgemeinen müsse man Religion und Tradition unterscheiden. Die wenigen Verse des Korans, die etwas über gleichgeschlechtlich praktizierte Sexualität aussagen, werden laut Çetin unterschiedlich interpretiert und gewichtet. Auch in der Hadithe finde man keine 100% eindeutigen Aussagen. Dennoch sei praktizierte Homosexualität im Islam verboten. Ein religiöser Homosexueller solle deshalb ein Leben lang keusch bleiben.

Unabhängig von religiösen Geboten und Verboten betont Çetin jedoch die ethische Verantwortung eines jeden Gläubigen gegenüber seinen Mitmenschen. „Man muss andere nicht gut finden, sondern respektieren.“ Es komme auf die gegenseitige Wertschätzung an. Homosexualität sei zwar Sünde, aber diese Sünde eine Privatsache, über die man nicht sprechen sollte. Keiner könne darüber urteilen außer Gott. Diskriminierung oder gar Gewalt gegenüber Homosexuellen sei Çetins Meinung nach eine viel größere Sünde. Homosexuelle Muslime verdienen Schutz und seien in der Şehitlik-Moschee selbstverständlich willkommen. Hauptaugenmerk liege auf der Aufklärung von Jugendlichen und von Muslimen. Bei beiden Gruppen bestehe ein großer Informationsbedarf.meet2respect-1a-1200

Gelassenheit statt Scharfmachung auf beiden Seiten
Bei vorhandenen Konflikten empfiehlt Prof. Barbara John, Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, ein gelassenes Vorgehen: „Sonst bedient man das Geschäft der Scharfmacher“. Rückschlage seien möglich. Sünde spiele ihrer Auffassung nach im sozialen Leben keine Rolle. Es handle sich hierbei lediglich um die Innensicht der Religion. Daniel Worat, Vorstand im Völklinger Kreis, bedauert jedoch, dass die Sünde weiterhin bei den Schwulen bleibe. „Es ist immer noch ein schweres Brot.“ Çetin solle in seiner Rolle als Autorität und Vorbild Offenheit und Achtung gegenüber der LSBTI-Community vertreten. Den Betroffenen der Homophie gehe es in erster Linie um die Außenwirkung. Auf der anderen Seite müssen ebenso islamophobe Einstellungen und Vorurteile gegenüber Muslime bekämpft werden. Trotz großer Unterschiede in punkto Lebensstil und Weltbild der Beteiligten herrschte eine große Einigung darüber, dass man den begonnenen Dialog auf jeden Fall fortsetzen muss.

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