von am 13. Juni 2012

Bild: Verena Eidel, Illustration: Katrin Friedmann

Die ehemalige Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland kämpfte über 30 Jahre lang für die Kunst und Kultur in Neukölln. Auch bei der ersten Auflage von „48 Stunden Neukölln“ war sie dabei.

Lachende Augen unter der randlosen Brille, den hellgrauen Pagenkopf leicht geneigt und die linke Hand am Herzen – der Heimathafen Neukölln zollt derzeit auf seinem „Wir sind Volkstheater“-Plakat einer Kulturikone des Bezirks Tribut: Der Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland. Eine kleine Verbeugung vor dem Schaffen der Vorkämpferin für die Kunst, die Ende Mai nach 31 Dienstjahren in den Ruhestand gegangen ist. All die Jahrzehnte legte sie sich in Neukölln vehement für die Kunst ins Zeug. Die einen fürchteten ihren Durchsetzungswillen, die anderen schätzten ihn sehr. Anfangs fehlte es vor allem an Infrastruktur. „Kultur braucht als Voraussetzung Räume, in denen sie stattfinden kann, und hier war erstmal null, null, null. Es gab nur das Heimatmuseum, aber das war dermaßen katastrophal in seiner Performance, dass es auch nicht zählte“, sagt Dorothea Kolland rückblickend. Der Heimathafen, die Neuköllner Oper, das Puppentheater-Museum oder die Galerie im Körnerpark – damals alles Fehlanzeige.

Kein Bezirk der Schlafenden

Als Meilenstein bezeichnet Dorothea Kolland die Gründung des Kulturnetzwerkes Neukölln e. V., an der sie maßgeblich beteiligt war. Das ist ein Paradebeispiel für die gemeinsame Stadtteilarbeit öffentlicher Einrichtungen, privater Träger, Vereine und Initiativen. Vier Jahre nach seiner Gründung stellten die Mitglieder 1999 zum ersten Mal das Kunst- und Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“ auf die Beine. „Das war ja eigentlich zunächst nur so ein Aufschrei: ‚Mensch Leute, guckt doch mal genauer hin, was hier eigentlich ist. Das ist nicht der Bezirk der Jogginghosenträger und der Kampfhundbesitzer und der Schlafenden, da passiert was ganz anderes’“, erinnert sich Dorothea Kolland und freut sich darüber, dass es nicht bei einem einmaligen Leuchtfeuer geblieben ist. Anfangs nahmen vor allem die Mitglieder des Netzwerkes teil. „Das war nicht so sehr das Festival der hippen Künstler, sondern es war ein bisschen bodenständiger.“ Heute kommen die Teilnehmer nicht nur aus ganz Berlin, sondern weit darüber hinaus.

Auch wenn die Kunst im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht, ist Dorothea Kolland der gesellschaftliche Kontext, in dem sie sich bewegt, mindestens genauso wichtig. „In Neukölln fände ich es einfach makaber, sein Kunstding durchzuziehen, ohne nach rechts und links auf die sozialen Notwendigkeiten zu schauen.“, sagt die promovierte Musikwissenschaftlerin, die Soziologie im Nebenfach studierte. Sie sieht sich als Brückenbauerin zwischen Künstlern und Menschen, die eigentlich nicht die Produzenten sind. Sie möchte Interesse füreinander wecken, Potentiale entdecken und fördern mithilfe der Kunst – der traut sie einiges zu.

Abschied der Energiegeberin

Soziale Teilhabe oder „Social Inclusion“ in der Kultur zu realisieren, darum geht es ihr. Da ist die Kunstvermittlerin in Neukölln am richtigen Ort. Der Stadtteil lebt auf, immer weniger Rollläden von Ladengeschäften bleiben unten, aber an vielen zieht die Entwicklung vorbei. „Vor allem an der Verbindung zwischen Neu-Neuköllnern und Alt-Migranten hapert es“, meint Dorothea Kolland. Eine Baustelle, genauso wie die kulturelle Bildung im Bezirk. „Da gibt es zwar Wunderkerzen, aber in der Breite sieht’s nicht gut aus.“ Temporäre Projekte helfen kurzfristig, die Basisarbeit muss jedoch in den Schulen stattfinden. Es gibt also noch einiges zu tun. Lange Zeit sah sich Dorothea Kolland in der Rolle der Energiegeberin, „da hieß es immer, ach’, die Kolland wird’s schon richten. Doch dazu fehlt mir heute ein bisschen die Kraft.“

Jetzt heißt es erst einmal Luft holen nach 31 Jahren Kulturamtsmarathon. Sie wird sich Buchprojekten zur kulturellen Stadtteilarbeit und zur Kulturpädagogik widmen. Und natürlich wird sie sich weiter engagieren, schließlich sind ihr die Themen Herzensangelegenheiten. Doch wie genau, das möchte sie in Ruhe entscheiden.

 

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