von am 10. Februar 2014

DSC_0093Kurz vor der Wahl waren sie Kontrahenten in unserer Podiumsdiskussion, jetzt müssen sie zusammen regieren. Christina Schwarzer (CDU) und Dr. Fritz Felgentreu (SPD) sind Newcomer im Bundestag. Ein Interview über musikalische Angebote, die Macht des Telefons und warum man aufpassen muss, was man sagt.

Frau Schwarzer, Sie haben Herrn Felgentreu bei der Podiumsdiskussion im September ein Geodreieck geschenkt und ihm vier weitere frohe Jahre als Lehrer gewünscht. Welchen Gegenstand könnte er jetzt gebrauchen?
Christina Schwarzer (S): Da bin ich diesmal nicht so spontan. Über das Geodreieck lache ich heute noch manchmal. Was ich ihm schenken würde, was gut für uns beide ist, wäre der Koalitionsvertrag, den wir jetzt beide abarbeiten müssen.
Dr.Fritz Fengentreu (F): Ich glaube, den brauche ich wirklich nicht als Geschenk. Ich vermute, dass ich mich intensiver damit beschäftigt habe als die meisten Kollegen der CDU/CSU. Immerhin musste unsere Partei darüber entscheiden.

Die Regierungsbildung hat ziemlich lange gedauert. Was haben Sie in der Zeit eigentlich gemacht?
S: Das wird man immer wieder gefragt: Was habt ihr gemacht, ihr hattet doch nichts zu tun. So ist das aber nicht. Ich habe Mitarbeiter eingestellt und auch das Büro organisiert. Das ist ja auch eine neue Situation, in die man da kommt. Und ich habe Wahlkreisarbeit gemacht.
F: Bei uns kam noch der Mitgliederentscheid dazu, der viele Termine produziert hat. Dazu die Wahlkreis-Arbeit und die Betreuung der ersten Besuchergruppen.

Frau Schwarzer, wie sehr haben Sie bei der Mitgliederbefragung der SPD gezittert?
S: Gar nicht. Ich war relativ sicher, dass das klappt. Man hat aber schon auf die Diskussion geachtet. Dass er eine so deutliche Mehrheit von 75 Prozent bekommt, hätte ich nicht gedacht.

Jetzt steht die Regierung seit einigen Wochen. Welche Vorteile oder Privilegien, die man als Abgeordneter bekommt, genießen Sie am meisten?
S: Dass man Menschen kennenlernen kann, die man sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte. Vorgestern waren wir auf einer gemeinsamen Veranstaltung von Unicef im Schloss Bellevue. Da hatten wir die Gelegenheit, Daniela Schadt kennenzulernen, die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten. Das ist jemand, mit dem man nicht unbedingt unmittelbar hätte sprechen können.
F: Die Frau Schadt ist une vraie dame, muss man sagen, eine wahre Dame. Was mir auch noch große Freude macht als Abgeordneter, wenn man jemanden anruft, dann gehen die Leute dran. Man versucht jemanden zu erreichen, dann erreicht man die auch. So kann ich für Leute, die in meine Bürgersprechstunde kommen, eine ganze Menge erreichen. Ich habe zum Beispiel neulich mit einem einzigen Brief einem Bürger aus Süd-Britz helfen können, der seit 1997 im Streit mit der GEZ war.

Was nervt Sie am meisten am Bundestag?
F: Man hat kein geregeltes Arbeitsleben, das stört mich relativ stark. Dass die Planbarkeit geregelter Abläufe nicht da ist. Einerseits ist das schön, weil jeder Tag neue Herausforderungen bringt. Andererseits ist es schwierig, wenn man ein geregeltes Familienleben organisieren will. Da stößt man an Grenzen.

Wie lang ist so ein Tag?
S: Letzte Woche war ja die erste normale Sitzungswoche. Da versucht man vor sieben im Büro zu sein, um Post zu machen, sonst bleiben ja Sachen liegen. Und vor Mitternacht ist man in der Regel eigentlich nicht zuhause. Aber mich stört nicht so das Nicht-Geregelte, sondern das ständige hin und her fahren und sich alle paar Stunden auf neue Termine einstellen zu müssen. Das finde ich relativ anstrengend. Vielleicht gewöhnt man sich daran.

Herr Felgentreu, Sie haben letzte Woche eine mündliche Anfrage an die Regierung gestellt. Eigentlich wird das eher von der Opposition wahrgenommen. Sind Sie jetzt der Rebell der SPD?
F: Es ist ein Abgeordnetenrecht und ich habe gedacht, das kann man mal probieren. Dafür sind wir auch da. Wir sind da, um die Regierung zu kontrollieren und nicht olé zu machen, wenn eine Ministerin oder ein Minister irgendwas sagt. Auch wenn es der unserer eigenen Regierung ist. Aber ich habe mich auch an die Spielregeln gehalten, die lauten, dass ich eine Anfrage, bevor ich sie im Parlament einreiche, über das Büro der Parlamentarischen Geschäftsführerin der SPD-Fraktion leite.

Frau Schwarzer, Sie sind Fan der Serie House of Cards, in der es um den politischen Mikrokosmos in Washington geht. Was haben Sie da gelernt, was sie in Ihrer politischen Arbeit nutzen?
S: Man sollte sich da vielleicht nicht so viel abgucken. Aber es ist aus der Sicht von Politikern spannend, wenn man anderen Politikern zuschaut. Also ich lache da herzlich drüber. Aber dann fragt man sich immer, wären verschiedene Situationen auch bei uns möglich. Das kann ich tatsächlich noch nicht so abschätzen. Ich denke, ein Fünkchen Wahrheit ist da dran.

Wie lernt man, an wen man sich in welchem Moment wenden muss, wo tatsächlich die Entscheidungen getroffen werden?
F: Ach, Politik ist in gewisser Weise ein Ausbildungsberuf wie jeder andere auch. Ich würde behaupten, dass jeder, der es in den Bundestag schafft, das schon weiß. Es geht darum, sich die richtigen Verbündeten auszusuchen. Und dass allen Beteiligten klar ist, dass man dem anderen dann auch mal hilft. Nicht im Sinne eines Deals, der vertragsfest ausgehandelt wird. Aber das ist bei allen im Hinterkopf. Und so kommt man vorwärts. Ganz langsam. Es geht eigentlich nie schnell.

Das klingt frustrierend.
F: Da wir alle mit einem Masterplan in der Tasche ankommen, wie es besser laufen kann, würden wir natürlich am liebsten alles sofort umsetzen.

Ist der Druck jetzt gestiegen, wie man in der Öffentlichkeit auftritt, dadurch dass man im Bundestag sitzt?
S: Man muss sich schon bewusst werden, dass man eine Person des öffentlichen Lebens ist und dass man auch erkannt wird. Egal wo man ist, die Chance erkannt zu werden, ist da. Und das muss man bei dem was man macht immer wissen. Und im Zeitalter der Handykameras und der schnellen Kommunikation, muss man sich entsprechend benehmen. Mich hat man auch schon Samstag Nacht um drei in einem Club erkannt.
F: Das ist nicht so mein Problem. Ich denke eher: Die Leute interessieren sich ja nicht dafür, was wir zu sagen haben, weil ich Fritz Felgentreu bin. Was ich zu sagen habe, ist durch die Funktion interessant. Und da muss ich mehr aufpassen, als ich das als Abgeordneter in Berlin musste. Aus falsch gewählten Worten kann von Gegnern schnell eine Waffe geschmiedet werden. Gegen die Partei, gegen die eigenen politischen Ziele.Und gleichzeitig möchte ich meiner Linie treu bleiben. Da bewege ich mich im Moment noch ein bisschen tastend und hab noch nicht in allen Situationen ein sicheres Gefühl dafür, was nützt und was schadet.

Stresst Sie das?
F: Mit Stress zu leben, bin ich gewohnt. Das ist schon etwas länger so.
S: Es ist eine Begleiterscheinung, an die man denken muss.

Die Berliner und die Neuköllner insbesondere, sehen sich gerne andersartig als der Rest der Republik. Aus welchem Bundesland kommen die Kollegen, bei denen sie sich am häufigsten Fragen: In welchem Jahrhundert lebt der denn?
F: Bei der CDU, nein, bei der Union wüsste ich, welches Bundesland ich nehmen würde.
S: Es ist ganz schwierig. Ich will niemanden in die Pfanne hauen, habe aber tatsächlich bei einigen Abgeordneten, die schon zum Teil sehr lange dabei sind, das Gefühl, dass die an der Realität vorbeileben. Ich habe etwa neulich mit einem Kollegen gesprochen, der erzählte, er hätte den Wahlkreis mit den meisten Blaskapellen. Und wenn ich da mal Interesse an einer Blaskapelle hätte, könnte ich die nach Neukölln einladen. Wo ich dachte: Mensch, darauf hat Neukölln gewartet, auf Blaskapellen. Also, in der Tat habe ich die einen oder anderen Aufklärungsgespräche geführt und Kollegen hierher eingeladen.

Kommen die Leute dann auch?
S: Es gab mehrere die gesagt haben, wenn mal Zeit ist, im Sommer vielleicht, machen wir eine Runde. Glauben Sie mir, die spreche ich wieder an.

Herr Felgentreu, bei der Union wüssten Sie also das Bundesland.
F: Na, Bayern natürlich.

Ja, das war schon klar. Und bei der SPD?
F: Ach, da gibt es keine Gruppe, die heraussticht. Bei einer Partei, die so groß ist wie die SPD, gibt es immer wieder welche, bei denen ich denke: Von welchem Mond kommt sie oder er denn? Aber ich nehme an, dass viele Leute das auch von mir denken. Das ist aber unabhängig von der Region in Deutschland.

Zum Schluss. In welchem Unternehmen würden sie gerne nach einer erfolgreichen Parlamentarierlaufbahn einen Aufsichtsratposten bekleiden?
F: Hmm, interessante Frage. Darüber habe ich mir wirklich noch nie Gedanken gemacht.
S: Deutsche Bahn kommt jetzt wahrscheinlich nicht mehr so gut.
F: Nee, das wär auch nicht so meine Welt. Also, was mir Spaß machen würde ist sicherlich in einem Verlag zu arbeiten. Ich bin Altertumswissenschaftler. Nach Möglichkeit in einem Fachverlag, der in die Richtung spezialisiert ist. Meine politische Arbeit sehe ich aber nicht als Feldvorbereitung.
S: Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Keine Ahnung.

Frau Schwarzer, Herr Felgentreu, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

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