von am 21. Dezember 2016
Werner Gutsche auf einer Demonstration am Antikriegstag im Jahr 1987 (Foto: Archiv VVN-BdA)

Werner Gutsche auf einer Demonstration am Antikriegstag im Jahr 1987 (Foto: Archiv VVN-BdA)

Werner Gutsche war Bewohner des Schillerkiezes, Arbeitersportler, Genosse – und ein Geschichtsaktivist, der Geschichte schrieb. Er war nicht mundtot zu machen in seiner Erinnerungsarbeit. Dass sich Neukölln nach und nach den dunklen Kapiteln seiner Geschichte stellte, lag nicht zuletzt an ihm. Jetzt ist eine Gedenkschrift erschienen, ein besonderes Neukölln-Lesebuch.

Im Wissenschaftsbetrieb gab und gibt es die – meist – gute Tradition, zu wichtigen Daten (80. Geburtstag, Emeritierung etc.) des zu Ehrenden (ich wähle die männliche Form, weil dies den Tatsachen entspricht – Frauen erhielten und erhalten selten eine solche Verbeugung ) eine Fest- oder Gedenkschrift herauszugeben. Das nahmen dann die Freunde und Wegbegleiter in die Hand.

Dass ein Mann wie Werner Gutsche eine solche Gabe vier Jahre nach seinem Tod erhält, noch dazu ein kommunistischer Neuköllner Arbeiter- und Parteiveteran, ist etwas Besonderes. Vor wenigen Tagen wurde sie der Öffentlichkeit übergeben, auch an einem besonderen Ort: Im Vorraum des BVV-Saals im Rathaus Neukölln präsentierten die Herausgeber Frieder Boehne, Bernhard Bremberger und Matthias Heisig das Buch „’Da müsst ihr euch mal drum kümmern‘: Werner Gutsche (1923 – 2012) und Neukölln. Spuren, Erinnerungen, Anregungen“ (Metropol Verlag, Berlin 2016).

Neuköllner Arbeiterjunge – und später Parteiaktivist

Die Geburtsstunde des Buches war Werner Gutsches Beerdigung im Jahr 2012: Bei den sehr vielfältigen Erinnerungen, am Grab in Eiseskälte vorgetragen, war allen Anwesenden deutlich, dass hier ein besonderer Mensch verabschiedet wurde, der Neukölln-Geschichte mitgeprägt hat und ein Leben mit vielen Facetten geführt hatte. Es dauerte vier Jahre und hatte viele Krisen zu überstehen, aber nun gibt es ein neues Buch über eine alte Geschichte – mit neuen Erkenntnissen und neuen Perspektiven.

Alle, die etwas wissen wollen über den Kreuzberg-Neuköllner Arbeiterjungen, finden viel Nahrung: über das Leben eines jungen Soldaten an der Ostfront des 2. Weltkrieges, eines kommunistischen Parteiaktivisten, der aber durchaus nicht mit seiner Partei immer einverstanden war (Stalinist war er nicht!), eines unermüdlichen Buddlers in Geschichte, der dafür sorgte, dass das, was er sich erzählen ließ und gefunden hatte, auch nicht vergessen wurde, eines Bergsteigers und Sportlers, eines warmherzigen Lebensbegleiters für sein Mariechen und den Pflegesohn Benno, eines begnadeten Kommunikators seiner politischen Überzeugung (der manchmal auch andere damit nervte).

Bislang unerforschte politische Ereignisse

Aber nicht nur zur Person Werner Gutsche aus der Oderstraße, sondern zur politischen Landschaft der Nachkriegszeit, erfährt der Leser viel, die dominiert war vom Kalten Krieg, der auch in die Nach-Mauer-Zeit hineinreichte. Und schließlich findet man auch noch neue Erkenntnisse über eher unerforschte politische Ereignisse wie den „Richardstraßenprozess“, ein ganz frühes Zeugnis der brutalen Auseinandersetzung zwischen KPD und NSDAP am Bruch von „Weimar“ zur Nazizeit, und die von gegenseitigen Vorwürfen und Lügen gesättigte große Erzählung des Werner-Seelenbinder-Stadions.

Der Geschichtsaktivist Werner Gutsche beim Seelenbinder-Lauf (1988) (Foto: Archiv VVN-BdA)

Der Geschichtsaktivist Werner Gutsche beim Seelenbinder-Lauf (1988) (Foto: Archiv VVN-BdA)

Werner Gutsche bei einer Ehrung von Werner Seelenbinder an dessen Grab im Jahr 1991 (Foto: Archiv VVN-BdA)

Werner Gutsche bei einer Ehrung von Werner Seelenbinder an dessen Grab im Jahr 1991 (Foto: Archiv VVN-BdA)

Die Darstellung des Kampfes um die Rückbenennung des großen Stadions, das 1945 in Erinnerung an den von den Nazis ermordeten Ringers, Olympiakämpfers und Widerständlers den Namen „Werner-Seelenbinder-Kampfbahn“ erhalten hatte und der dann, im amerikanischen Sektor, bewusst „verschüttet“ worden war, macht die Härte der politischen Auseinandersetzung des Kalten Kriegs deutlich: Werner Gutsche war nicht mundtot zu machen in seiner Erinnerungsarbeit.

Und noch deutlicher: War 1983 in der Neuköllner BVV noch behauptet worden, dass es in Neukölln keine Zwangsarbeiterlager gegeben habe (und wer dies dennoch behauptete, der wurde der Lüge geziehen, wie es der Berichterstatterin erging), so sind heute mehr als 120 größere und kleinere Lager bekannt – auf Friedhöfen, in Krankenhäusern, in Fabriknebengebäuden, ja sogar im Saalbau Neukölln. Werner Gutsche unterstützte die wenigen, die hier aktive Geschichtsarbeit machten, mit Zeitzeugenberichten, Dokumenten, Stadtführungen. Er kam immer wieder zu denjenigen, die Zugang hatten zu Fachöffentlichkeit und Archiven mit seinem Auftrag: „Da müsst ihr euch mal drum kümmern“. Und er kam so oft und so überzeugend, dass man sich darum kümmerte.

Wie sich Weltgeschichte in Neukölln niederschlug

In vielen größeren und kleineren Texten entfaltet sich ein besonderes Neukölln-Lesebuch, als besondere Farbe und Ergänzung bisheriger Neukölln-Forschungen und der aufregenden Neuköllner Geschichte mit ihren wichtigen Anteilen an politischer Weltgeschichte. Und die schlug sich – auch – nieder in der Geschichte des Schalmeienensembles, des Arbeiter- und Veteranenchors, der Landschulaufenthalte auf Rügen als besondere Form der Neuköllner Schulreform, der „Polenstation“ im Krankenhaus Neukölln, der Kriegsproduktion in der Neuköllner U-Bahn oder des Stockholmer Apells in Rudow 1950.

Und sie wurde zutage gefördert auch durch den Geschichtsarbeitskreis der SED/SEW, von dem kaum jemand etwas weiß, auch nicht von den reportierten Ereignissen: Und dennoch sind sie ein Stück Geschichte Neuköllns. Und Gutsche selbst hinterließ hier veröffentlichte Notizen und Ausstellungsskizzen zu ihm wichtigen Ereignissen in Neukölln, insbesondere zum Thema Zwangsarbeit.

Werner Gutsche auf einer Friedensdemo circa 1981 (Foto: Archiv VVN-BdA)

Werner Gutsche auf einer Friedensdemo circa 1981 (Foto: Archiv VVN-BdA)

Neukölln, Berlin hat sich verändert. Werner Gutsche selbst ist Gradmesser für diese Veränderung. Noch drei Jahre früher unvorstellbar, erhielt er 2004 die Neuköllner Ehrennadel – übrigens zusammen mit Essy Agboly-Gomado, der unvergessenen „afrikanischen Seele Neuköllns“. In der Begründung hieß es: „Herr Gutsche hat mit seiner aufklärenden Arbeit das geschichtliche und soziale Verständnis in der Neuköllner Gemeinschaft gestärkt.“

Die Texte des Buches lassen diesen Werner Gutsche lebendig werden. Dafür ist den Herausgebern und denen, die das Buch finanziell ermöglichten, unbedingt zu danken.

Am 12. Januar 2017 findet ab 19:30 Uhr eine Buchvorstellung in der Galerie Olga Benario – Forum gegen Neofaschismus, Sexismus, Rassismus und Imperialismus in der Richardstr. 104 statt.

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