von am 27. Januar 2014
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Screenshot aus „Blut muss fließen“ von Peter Ohlendorf

Der Journalist Thomas Kuban filmte über Jahre undercover in der rechten Szene. Herausgekommen ist ein beeindruckender Film über die Gefahr von Rechts: „Blut muss fließen“. Zu Besuch bei der Vorführung im Anton-Schmaus-Haus.

Entweder hinter der Leinwand platz nehmen, oder gar nicht. Diese Ansage macht Andre Walde, Moderator des Abends, den Letzten, die noch in den bis zum Rand gefüllten Raum im Anton-Schmauß-Haus wollen. Ohne zu Murren setzen sie sich hinter die Leinwand. Zu gespannt sind sie auf Details aus der rechten Szene und den behördlichen Umgang mit dieser. Genauso geht es auch den anderen insgesamt etwa 120 Gästen, von denen ein Großteil trotz der schlechten Raum- und Luftsituation für die Vorführung der langen Version von „Blut muss fließen“ stimmt.

Zu sehen bekommen sie drastische Einblicke in das rechte Milieu in Deutschland und Europa, besonders in die Nazirock-Szene. Diese huldigt auf Konzerten ungeniert ihren alten Helden und grölt begleitet vom Hitlergruß immer wieder volksverhetzende Parolen, die zum Mord an allem „Undeutschen“ aufrufen. Aufnahmen, die der Journalist Thomas Kuban über acht Jahre hinweg verdeckt gemacht hat. Dafür stieg er immer tiefer in die rechte Szene ein. Gewann vertrauen und so Zugang zu Veranstaltungen, die er mit versteckter Kamera unter der Bomberjacke aufnahm. Jahrelang filmte er so das Treiben auf rechten Konzerten, von dem kein Nazi jemals wollen konnte, dass sie an die Öffentlichkeit gelangt.

Leben in ständiger Gefahr

Entsprechend groß war für Kuban, der zum Schutz auch heute immer nur verkleidet zu sehen ist, stets die Gefahr, bei den Aufnahmen aufzufliegen. Vor allem nachdem das erste Bildmaterial im Fernsehen auftauchte und die aufgeschreckte Naziszene intensiv nach dem Spion in den eigenen Reihen suchte. Finden konnte sie ihn jedoch nie, was auch an der immer ausgefeilteren Technik lag, mit der er filmte. „Das Wissen darum, den Nazis immer einen Schritt voraus zu sein, gab ihm den Mut trotz der Bedrohung immer weiter zu filmen“, sagte dazu am Freitag Peter Ohlendorf, der Kubans Bildmaterial zum Film „Blut muss fließen“ verarbeitete.

Wegsehen, bagatellisieren

Darin wird neben den rechten Konzerten in Form von Polizei und Politik auch immer wieder der Staat kritisiert, der bei diesem Treiben wegsieht, es bagatellisiert und die größere Gefahr immer von Seiten eines fundamentalistischen Islams begreift. Häufig genug ist auf den Aufnahmen der Konzerte daher auch Polizei zu sehen. Jedoch fast nie um das volksverhetzende Handeln zu unterbinden. Meist wird stattdessen nur nach dem Rechten gesehen und beschützt.

Doch auch bei der Vorstellung des Landesverfassungsschutzberichtes in Bayern wird Thomas Kuban mit seinen Nachfragen nur als nerviger Spinner abgetan. Von der Vorstellung des Berichtes wird er 2008 ganz ausgeladen. Das Interesse an dem Thema ist nicht groß, die Gefahr liege angeblich woanders.

Die Gefahr ist nicht abstrakt

Das ändert sich erst, als die Taten des NSU bekannt werden. Plötzlich ist das Thema in aller Munde. Kubans Aufnahmen aus Naziläden, wo volksverhetzende Musik unterm Tresen gehandelt wird und im Hinterzimmer Waffen verkauft werden, legten diesen Schluss jedoch schon viel früher nahe. Und auch jetzt noch wird die Gefahr unterschätzt, meint Regisseur Peter Ohlendorf nach dem Film und spricht von Waffenlagern im Umfeld einschlägiger Bands: „Die gesungenen Parolen sind nicht abstrakt, sondern als direkte Aufforderung zum Handeln zu verstehen.“

Dass solchen Aufrufen immer wieder gefolgt wird, weiß man nur zu gut im Anton-Schmaus-Haus, das schon wiederholt Opfer rechter Übergriffe geworden ist. Auch vor der Filmvorführung am Freitag wurde wieder rechter Besuch erwartet. Dieser blieb letztlich aus. Nicht zuletzt wohl auch, weil drei unabhängig angemeldete Kundgebungen gegen Nazis in Neukölln an drei Ecken der Kreuzung Gutschmidtstraße/Fritz-Reuter-Allee nahe des Anton-Schmaus-Hauses eine rechte Kundgebung unmöglich machten. Doch auch wenn am Freitagabend alles unproblematisch verlief, Kubans und Ohlendorfs Film hat den Anwesenden eindrücklich klar gemacht, welches Gefahrenpotential – allen Verharmlosungen zum Trotz – weiterhin in der rechten Szene liegt.

 

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