von am 22. Oktober 2015
Ausstellung "Genius Loci - Rekonstruktion eines Raumes" im kunstraum t27 (Foto: René Moritz)

Ausstellung „Genius Loci – Rekonstruktion eines Raumes“ im kunstraum t27 (Foto: René Moritz)

Der kunstraum t27 muss raus und nutzt den Umzug für einen Neuanfang. Doch bevor es an den neuen Standort in der Mainzer Straße geht, verabschieden sich die Macher mit einem 3-tägigen Spektakel von ihrem alten Zuhause.

Klebeband, das ist Material genug für die letzte Ausstellung im kunstraum t27 in der Thomasstraße. Unzählige Rechtecke in unterschiedlichster Größe, ein gelber Kreis schräg über der Tür, ein Quadrat an der Decke, ein langgezogenes grünes Rechteck auf dem Boden, Schlangenlinien, Streifen, dazwischen eine Gitarre, Hände, Schrift – viele Farbstreifen markieren all die Stellen im Raum, an denen Malereien, Zeichnungen, Installationen, Skulpturen, Grafiken gehangen, gestanden oder gelehnt haben. Ein eindrückliches, sich überlagerndes Raster, dass die Aktivitäten vieler Jahre zeigt. Susann Kramer und Martin Steffens lassen den Blick streifen über die Wände, erinnern sich, leisten Übersetzungshilfe. Beide sind im Vereinsvorstand und seit 2005 dabei, kennen die Konzepte und Werke hinter den Klebestreifen, werden ein bisschen wehmütig. Denn nach zehn Jahren und 108 Ausstellungen mit über 400 Künstlern ist hier jetzt Schluss.

Ein unfreiwilliges Ende

Der Hauseigentümer hat ihnen rechtmäßig gekündigt. Betroffen ist nicht nur der gemeinnützige Kunstverein Neukölln – Träger des kunstraum t27 –, sondern auch alle Gewerberäume der Remise. Es wird umfassend saniert, dann sollen hier Eigentumswohnungen entstehen. Ende Oktober müssen sie nun raus. Davor werden die Räume noch ein letztes Mal bespielt. Vom 23. bis 25. Oktober gibt es einen dreitägigen Schlussakt mit Lesungen, Konzerten, Performances und Aktionen sowie einer Podiumsdiskussion zum Thema „Platzangst – Raum für die Kunst in Berlin-Neukölln“ – denn mit der Verknappung günstiger Mieträume haben ja viele zu kämpfen. „Es ist klar, wir verdienen hier keinen Cent, müssen privates Geld reinschießen und da gibt es natürlich auch eine maximale Belastung. Alles, was wir jetzt an gleich großen Räumen gefunden haben, das wären 6.000 bis 10.000 Euro mehr Miete gewesen im Jahr“, sagt Martin Steffens. Und das können sie sich nicht leisten.

Nicht traurig sein! Martin Steffens (l.) und Susann Kramer in der allerletzten Ausstellung in der Thomasstraße (Foto: Cara Wuchold)

Nicht traurig sein! Martin Steffens (l.) und Susann Kramer in der allerletzten Ausstellung in der Thomasstraße (Foto: Cara Wuchold)

Als Leiter der „48 Stunden Neukölln“ kennt Steffens die Situation im Bezirk sehr genau. „Wir haben auch mit mehreren Leute gesprochen, die ähnliche Projekträume haben, und die haben alle gesagt, wir vertragen eigentlich keine Mieterhöhung, so dass ich in den nächsten Jahren auch ein großes Sterben erwarte.“ In Neukölln gibt es keine institutionelle Förderung von Kunsträumen und aus den projektgebundenen Geldern dürfen weder Miete noch Personalkosten bezahlt werden. Das macht das Überleben nicht leicht. Gerade ist Martin Steffens mit den „48 Stunden Neukölln“ dabei, ein Netzwerk freier Projekträume für Neukölln zu spinnen. Eine Art Lobby, um gemeinsam Standortmarketing zu betreiben. 73 solcher Orte haben sie im Bezirk ausgemacht. Dahinter steckt genausoviel Potenzial wie Bedarf, eine Kommerzialisierung ist bei den wenigsten abzusehen.

Neues Konzept ist noch offen

Der kunstraum t27 hatte Glück. Der Verein hat neue, wenn auch viel kleinere Räume in der Mainzer Straße gefunden. Vermieter ist eine städtische Wohnungsbaugesellschaft. „Das ist eine Größe, die wir auch stemmen können finanziell, hier waren wir immer am Limit“, so Susann Kramer. Das Konzept ist noch offen, aber die Anspannung sei gewichen. „Das steht alles auf Null“, ergänzt Martin Steffens, aber es gibt erste Ideen. Sie könne sich den Raum in der Mainzer Straße als Homebase vorstellen, überlegt Susann Kramer, mit kleinen, konzentrierten Ausstellungen von ein bis zwei Künstlern, um von dort aus in den öffentlichen Raum zu gehen, vielleicht auch partizipativer zu arbeiten.

Fensterfront im kunstraum t27 (Foto: René Moritz)

Ein letzter Blick aus der Fensterfront im kunstraum t27. (Foto: René Moritz)

Dass es nach der Kündigung weitergehen sollte, war für den Vereinsvorstand klar. Fast erstaunlich, meint Martin Steffens. „Das ist nur ehrenamtliche Arbeit, viel Stress für alle Beteiligten, und eigentlich ist es irrational und unvernünftig sowas zu machen.“ Was zählt, ist wohl vor allem der Platz für Selbstbestimmung. „Man hat die Freiheit eine Ausstellung zu kuratieren, einfach mal ein neues Konzept auszuprobieren und dann auch zu sehen, dass das funktioniert“, erklärt Susann Kramer. „Man sieht ja auch, dass der kunstraum wächst und sich professionalisiert, dass die Beachtung wächst – das ist einfach eine sehr schöne Erfahrung.“

Befreiungsschlag statt Trauermarsch

Offen ist, was aus den Räumen in der Thomasstraße wird. Die Wiener Investoren wollen die Gewerbefläche verkaufen. Mit Laufkundschaft ist allerdings nicht zu rechnen. „Ich denke auch nicht, dass sie hier einen Krachladen wollen“, vermutet Martin Steffens. „Wenn hochwertige Eigentumswohnungen entstehen sollen, dann kommen sie schon in einen Nutzungskonflikt – und hätten uns gut drin lassen können, theoretisch, weil wir ja eigentlich schon eine Aufwertung sind in diesem Haus. Aber sie wollen wohl gewinnmaximierend verkaufen.“

Die kunstraum t27-Mitglieder haben sich vorgenommen, die großen und hellen, wenn auch schiefwinkeligen Galerieräume am alten Standort nicht mit hängenden Köpfen zu verlassen. Die Rückschau in der letzten Ausstellung habe da auch eine therapeutische Wirkung gehabt, freut sich Martin Steffens, und vom Wort „Abschied“ hat auch Susann Kramer inzwischen mehr als genug. Da wird der symbolische Umzug am Ende des Veranstaltungsmarathons am Sonntag also hoffentlich weniger zum Trauermarsch, als vielleicht sogar zu einem kleinen Befreiungsschlag.

„Aufbruch & Abschied“ – Ein langes letztes Wochenende im kunstraum t27 mit 27 Stunden Performance, Lesung, Podiumsdiskussion, Film und Musik:
Freitag, 23. Oktober, 17 – 24 Uhr / Samstag, 24. Oktober, 12 – 24 Uhr / Sonntag, 25. Oktober, 11 – 19 Uhr. Zum ausführlichen Programm geht’s hier entlang.

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