von am 28. Oktober 2014

Tunnel_2Anfang November veröffentlicht das Label bohemian drips in Zusamenarbeit mit KLX Audio seine erste Platte. Und zwar nicht irgendeine, sondern eine besondere in jeglicher Hinsicht: Aufgenommen im Neuköllner Untergrund mit 3D-Audiotechnik lässt sie den Hörer teilhaben am Moment ihrer Entstehung. Eine kleine Revolution des Musikmachens und -hörens.

Text: Debbie Blume

Würde man die Geschichte von bohemian drips so erzählen wollen, wie es sich für einen guten modernen Mythos gehört, würde man behaupten, dass alles mit einer Schießerei anfing, irgendwo in Bayern, in einem Lokal namens „Lislbar“. Man würde sagen, dass der Besitzer dabei ums Leben kam, seine Plattensammlung auf Umwegen zu Fillipp fand, dass sich später Alex dazugesellte, viel Schnaps und Zigaretten im Spiel waren und die Geschichte mit den Platten und der Musik fortan ihren legendären Lauf nahm.

Wenn man ehrlich wäre, würde man sagen, dass das zwar stimmt, aber eigentlich alles ein großer Zufall, eine Verkettung glücklicher und weitaus beschaulicherer Umstände war: Zwei Jungs aus Rosenheim ziehen zum Studieren nach Berlin, wohnen zusammen, machen zusammen Musik, schlagen sich als DJ-Duo „lislbar & wermuth“ Kreuzberger Barnächte um die Ohren, organisieren Veranstaltungen und gründen bohemian drips, ein Musiklabel, ein Künstler-Kollektiv, eine Gemeinschaft von Freunden – von allem etwas vielleicht, eine Herzensangelegenheit ganz sicher.

3D-Audio: Der Tunnel wird zum Instrument

Mittlerweile wohnen Alex und Fillipp nicht mehr zusammen, aber immer noch dicht beieinander im Neuköllner Schillerkiez, von dem sie zwar wissen, dass, aber nicht, warum sie sich eigentlich dort so wohlfühlen. Neukölln ist gleichzeitig Wahlheimat und Geburtsstätte ihres aktuellen Projektes, der Platte „Zuhause im Weltall“, die in vielerlei Hinsicht Fillipps und Alex’ Liebe zu außergewöhnlicher Musik widerspiegelt: Aufgenommen in dem 60 Meter langen, gekachelten Tunnel unter einer Kartbahn in Neukölln, der zum zuhause e.V. und damit zum Proberaum des Kollektivs führt, mit einer Audiotechnik, die das menschliche Gehör nachahmt.


Der intime Moment der Aufnahme wird so beim Hören sehr real und greifbar. Während bei anderen Tonaufnahmen versucht wird, den Raum auszulöschen, wird er hier ganz bewusst transportiert. Der Raum selbst wird zum Instrument. „Man hört da einfach alles. Wie die Töne auf die schimmeligen Kacheln treffen, die Hintergrundgeräusche, die Kartbahn oben drüber. Und den Club nebenan mussten wir für die erste Aufnahme bitten, die Anlage runterzudrehen.“, erzählt Alex. Kurzum: Man soll auf der Platte hören, wie es war bei den Aufnahmen, dort unten im Neuköllner Untergrund, wie es gerochen und sich angefühlt hat, wie die Stimmung war. (Über diesen speziellen Ort haben die bohemian drips vor einiger Zeit selbst für uns geschrieben: Zum Artikel „Zuhause im Chaos“)

Dafür verwendeten sie eine spezielle binaurale Audiotechnik, mit der die Musik mit Hilfe von Kunstkopfmikrofonen dreidimensional aufgenommen wird. Geleitet hat die Aufnahmen der Soundingenieur Lasse Kuhlmann von der Klangwerkstatt KLX Audio, ein Experte in Sachen 3D-Audio und mittlerweile fester Bestandteil von bohemian drips. Mit Niki, der die Videos drehte, und Nick, der konzeptionellen Beistand leistete, war das Team komplett.

Sessions mit Freunden & Vorbildern

Das Endergebnis kann sich dementsprechend hören und sehen lassen: sechs Tracks (plus Bonus in der digitalen Version) irgendwo zwischen minimalistischen Hang-Sounds, Lo-Fi-Psych, Jazz, Ambient und Krautrock (Schubladen sollte man an dieser Stelle eigentlich nicht aufmachen), die fast alle eigens für das ungewöhnliche Aufnahmesetting entwickelt wurden. Neben Fillipps und Alex’ eigener Band Kolophonium spielten unter anderem Musiker wie Mini Pops Junior und Clock Yangé Stücke ein. Die Musiker kennen Fillipp und Alex größtenteils durch ihre eigenen Veranstaltungen, einige sind Freunde. Alle hatten sofort Lust auf das Projekt, auch Jochen Arbeit, Mitglied der Einstürzenden Neubauten und damit durchaus ein musikalisches Idol für bohemian drips.

Zuhause? Neukölln, Zuhause e.V., das Weltall

300 Exemplare der Platte wird es geben. Der Titel stand im Prinzip schon vor der ersten Session fest: Genau das steht nämlich an der Wand im Aufnahme-Tunnel. „Irgendwie passt das aber auch sehr gut“, sagt Alex, „so im Nachhinein betrachtet. Wir waren ja dort gewissermaßen zuhause im Weltall. Der Tunnel ist ein Raum, der surreal ist, ein Transitraum. Die Aufnahmen sind nicht zu reproduzieren.“ Zuhause im Weltall. Aufgenommen im Zuhause e.V. Und auch bohemian drips könnte man sicher als so etwas wie das musikalische Zuhause seiner Mitglieder bezeichnen. Zuhause probiert man sich aus, man wirft alte Dinge weg und lädt neue Leute ein. Man darf zuhause machen, was man will. Und genauso wird es auch mit bohemian drips weitergehen: Neues ausprobieren, mit anderen spannenden Musikern zusammenarbeiten und die Entwicklung des Labels vorantreiben. Fest steht außerdem, dass Fillipp, Alex, Lasse, Nick und Niki in dieser Konstellation weitermachen werden, und dass es weitere Sampler mit Aufnahmen an ungewöhnlichen Orten geben wird – mit der 3D-Audiotechnik, von der das Magazin Wired kürzlich mutmaßte, sie könnte „unsere Einstellung zur Pop-Kultur verändern“.

Release Event am 1. November

Cover_Front

Mit „Zuhause im Weltall“ hat das Label ein Debüt abgeliefert, das in jeglicher Hinsicht besonders ist – musikalisch, technisch und seine Entstehung betreffend. Das Event zum Platten-Release findet am 1. November im ACUD statt, also nicht in Neukölln. Aber bekanntermaßen ist ja nach so einem Ausflug das Nachhausekommen umso schöner.

„Zuhause im Weltall“
limitiert auf 300 Exemplare
180g Vinyl
Release Event am 1. November 2014 im ACUD

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