von am 20. Februar 2014

Slaviša MarkovićDie Mär vom lustigen Zigeunerleben wütet noch in vielen Köpfen – wenn kein Bild von Dieben, Gammlern, Wanderern. Slaviša Marković, Gründer des Rroma Aether Klub Theater in Neukölln, über Klischees und Kultur der Roma.
Ein Kooperation mit TONIC.

Text: Emil Strittmann / Fotos: Christoph Soeder / TONIC

Der Rom Slaviša Marković flüchtete 1998 aus dem heutigen Serbien nach Berlin und arbeitete in diversen Roma- und Flüchtlingsprojekten, bis er 2006 mit seinem Bruder Nebojša das Rroma Aether Klub Theater gründete, eine Mischung aus Café und Theater in Neukölln.

Mittlerweile hat der Laden mit dieser einmaligen Mischung leider zugemacht. Der Vermieter wollte eine Mieterhöhung, die das Theater nicht hätte zahlen können. 2011 hat Emil Strittmann noch für das Tonic-Magazin ein Interview mit Slaviša Marković geführt. Aus heutiger Sicht leider schon fast ein Nachruf auf diesen wundervollen Ort.

Ich habe die Redaktion gefragt, was ihnen in den Kopf kommt, wenn sie „Roma“ hören: Zirkus, Parallelgesellschaft, verschwiegen, sehr arm, Wanderschaft, Vampire, Freiheit und „in den Tag hinein leben“. Was meinen Sie dazu?
Slaviša Marković: Wir haben lustigerweise auch ein Stück mit dem Namen „Zirkus“ gemacht. Was in der Gesellschaft mit Roma passiert, ist ein Zirkus. Die ganze Gesellschaft ist ein Zirkus, eine Art Show-Business – unabhängig davon, welches politische System herrscht. Viele verbinden das mit Roma, sogar mit deren Kultur oder Tradition, doch wir sind nur Teil dieses Zirkus. Auch der Film „Schwarze Katze, weißer Kater“ von Emir Kusturica spielt in einem echten Zirkus. Aber dort ist die damalige Situation von ganz Serbien dargestellt, für die sind Roma weder verantwortlich, noch Täter, sie sind ein Teil davon. Das muss man kapieren.

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Freiheit redet man sich ein: Slaviša Marković, Gründer des Rroma Aether Klub Theater, Foto: Christoph Soeder

Dann kam „Parallelgesellschaft“.
Eine alte Phrase von Politikern. Wenn man parallele Gesellschaften sucht, kann man sie finden. Es gibt so viele deutsche Eckkneipen oder türkische Vereine, die auch Parallelgesellschaften sein können – je nachdem, welches Bezugssystem man hat. Meiner Meinung nach gibt es jedenfalls kein Interesse, die Lage der Roma zu verbessern. Wenn, dann ist das nur plakativ oder um staatliche Strukturen zu finanzieren, durch verschiedene Projekte, die in der Praxis sehr wenig mit der Realität zu tun haben.

Also immer von außen.
Ja. Was war das nächste?

Verschwiegen.
Das hat man auch über die Juden gesagt und alle anderen „Parallelgesellschaften“.

Sehr arm.
Das ist schon unser Image. Ich glaube, heutzutage gibt es immer mehr arme Leute. Bei Roma ist es nur so, dass man es merkt. Es gibt keine Strukturen, die eine Existenzbasis sichern. Es gibt keine Hilfe vom Staat, es gibt weder militärische, noch finanzielle Macht und man hat keine wirkliche politische Vertretung: Deswegen wird man sehr leicht arm.

Wanderschaft.
Ein Klischee, das positiv oder negativ sein kann, je nach dem, wie man es dreht. Viele träumen vom freien, lustigen Roma-Leben, was längst nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Die Wanderschaften damals waren wie die von Schaustellern, die sich von Punkt A nach B bewegen, aber am Punkt A wohnen. Auf dem Fahrrad in Berlin bin ich auch ein „wandernder Roma“. Aber es gibt inzwischen auch sehr viele Roma, die dieses Klischee reproduzieren, weil es die Mehrheitsgesellschaft akzeptiert. Lieber das Klischee bestätigen und akzeptiert sein als normal wie alle anderen.

Vampire.
Die Filmindustrie hat sich glaub ich mit Roma und Vampiren beschäftigt. Aber die Roma haben immer gegen Vampire gekämpft. Es gab Roma-Sklaven bei Graf Dracula. Ansonsten haben Roma Angst vor Vampiren. Aber es gibt auch welche, die das sein wollen, das stimmt.

Naja, die gibt es ja in jeder Gesellschaft. Eins hab ich noch: In den Tag hinein leben.
Das heißt: Keine Zukunft, keine Planung?

Slaviša Marković

Marković schätzt Klischees und Schubladendenken ganz und gar nicht, , Foto: Christoph Soeder

Ja, keine Sorgen, ausschlafen, alles egal.
Wie Hippies… vielleicht gibt es manche, die das so versuchen. Die Roma-Familien, die ich kenne, sind so oft ausgeliefert – da merkt man, dass diese „Freiheit“ nur eine Revolte ist, sie sind überhaupt nicht frei. Keiner ist frei. Das merken wir ja in der gesellschaftlichen Entwicklung in jeder Hinsicht, man hat in echt immer weniger Freiräume, aber denkt immer mehr, dass man frei sein kann oder ist.

Man redet sich die Freiheit ein?
Ja.

Es gibt dieses Klischee vom „in den Tag hineinleben“, was viele Leute negativ sehen, andererseits bewundert man die scheinbare Freiheit, die Roma dafür haben sollen. Egal, wie man es dreht: Es bedeutet, dass Roma etwas anderes sind, dass sie sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren können.
Genau. Aber dass die Mehrheitsbevölkerung bei Anderen was Fremdes entdeckt, ist nichts Neues. Bei jedem Menschen, der etwas anders aussieht, ist man erstmal neugierig und guckt, findet Unterschiede oder Gemeinsamkeiten, je nach Stimmung. Gemeinsamkeiten sind okay und die findet man auch. Die Distanzierung jedoch ist ein alt eingeprägter sozialer Reflex.

Die meisten Unterschiede sind die äußerlichen, die fallen als Erstes auf.
Ich erinnere mich an meine Schulzeit: Sobald ich etwas Buntes anhatte, war das ein Zeichen dafür, dass ich Roma bin – obwohl es auch andere gab, die bunte Sachen trugen. Da stellt man sich das erst mal im Mittelalter vor, als die Roma in den Balkan kamen, auch nach Deutschland. Unterschiede kann man so beliebig anwenden und umdrehen, wie die Politik ist. Das ist das Gefährliche.

Aber ob man jetzt ein Klischee positiv oder negativ versteht, macht keinen Unterschied?
Ich glaube, die Leute neigen dazu, einfache Lösungen zu finden, deswegen konzentrieren sie sich auf einfache Sachen, sonst ist es kompliziert – aber das wäre menschlicher und schöner. Manche klammern sich an Vorurteile und führen Diktaturen ein, doch die tragen auch die Konsequenzen für ihr Schubladendenken.

In den letzten Jahren ist Balkan-Musik recht populär geworden, die verbindet man auch mit Roma. Hat sie denn einen Bezug dazu?
Ja, gerade die Brass-Musik ist sehr populär, und meistens sind Roma die Musiker. Die Popularisierung fing in den 90er Jahren mit Filmen wie denen von Emir Kusturica an. In Kriegszeiten haben Leute mit der Idee des Culture Recycling angefangen Musik zu spielen, um die jugoslawische Idee zu beleben. Roma-Musik war ideal dafür, weil sich damit niemand ethnisch oder national ausgeschlossen fühlt. Sie hat sich dann noch mit anderer Musik vermischt. Roma-Musik ist beliebt, weil es eine Mischung aus Ethno und Jazz ist. Der Text ist meistens Blues, melodisch aber auf verschiedene Weise bearbeitet. Manchmal ist das sogar Tanzmusik.

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„Ich nenne das Rroma Aether spaßhaft angewandte Kunst“, Foto: Christoph Soeder

Kennen Sie Shantel?
Ja, der ist noch krasser. Nimmt Lieder, bearbeitet die elektronisch und macht die Beats. Ich meine, Musik ist wie die Kunst: ein großes Feld. Und neue Bewegungen produzieren gute Sachen, aber auch ganz viel Schund und Kitsch. Das geht in Richtung Turbo-Folkmusik und das ist schlimm. Aber es gibt auch viele Sachen, die gut geworden sind, Mischungen zwischen alt und neu. Hier bei uns bemühen wir uns ein vernünftiges Gleichgewicht zu haben und passen auf, dass das kein Kitsch wird. Wir suchen nach Roma-Musik aus der ganzen Welt, aber nicht nur. Diese Ethno-Schiene ist nur sinnvoll, so lange man sie nicht ernst nimmt, eine Ideologie daraus zu bauen wäre falsch.

Die Leute assoziieren Shantel, Beirut oder Gogol Bordello mit Roma. Erzeugt das Klischees?
Gogol Bordello macht Punk. Er benutzt das Roma-Klischee, aber ich glaube, er macht das gut, weil er es wendet: Seine Texte sind anders, er will was vermitteln. Shantel und viele andere DJs nehmen die Sachen sehr oberflächlich und bearbeiten sie dann, das finde ich nicht gut. Meistens versteht man wahrscheinlich auch nicht, was da gesungen wird. Die nehmen etwas, was melodisch passt und gefällig ist. Und wenn jemand den Text versteht, greift der sich an den Kopf.

Klappt die Mischung hier im Theater?
Ich nenne das hier spaßhaft angewandte Kunst, wir versuchen, mit der Kunst politisch etwas zu vermitteln. Wenn man Veranstaltungen mit anderen „Kulturen“ organisiert, merkt man, dass viele von denen auch Roma sein könnten. Manche Leute kapieren das, für andere ist das hier Folklore. Mit Partys und Konzerten kann man was erreichen, aber ich glaube, Theater kann mehr.

tonic_logoDieser Text ist ursprünglich am 01. Juni 2011 bei TONIC erschienen.

 

 

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