von am 27. April 2016
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Der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider. (© Carl Hanser Verlag)

Die exemplarische Biografie eines Flüchtlings trifft auf einen skurillen Einfall. Im neuen Roman vom deutsch-irakischen Autor Abbas Khider muss ein Asylbewerber den ewigen Kreislauf der deutschen Bürokratie durchstehen, ehe er versucht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Er habe einfach nur Glück gehabt. Auf diese einfache Erkenntnis reduziert Abbas Khider die Tatsache, dass er es in Deutschland vom Geflüchteten zum anerkannten Staatsbürger geschafft hat – und zum gefeierten Schriftsteller. Karim Mensy, die Hauptfigur in Khiders neuem Roman, ein Iraker wie er, hat dagegen: einfach nur Pech.

Die Mühlen der Ausländerbehörde

Drei Jahre lang durchläuft er als Asylbewerber die Mühlen der Ausländerbehörde, kämpft um die geringen Möglichkeiten, Deutschkurse zu besuchen und Geld durch ehrliche Jobs zu verdienen. Und versucht zwischen all den Polizeikontrollen, Massenunterkünften und bürokratischen Fallstricken die Würde zu bewahren.

„Im Exil enstehen so viele seltsame Probleme und Rätsel, auf die man als normaler Mensch nie kommen würde. Schwierigkeiten aller Art brechen so plötzlich und unerwartet wie Naturkatastrophen über einen herein. Wir sind komplett ausgeliefert. Um zu überleben und nicht vollständig wahnsinnig zu werden, brauchen wir die Vermittler, die Mafiosi, die Geldgeilen, die Schmuggler, die bestechlichen Polizisten und Beamten, wir benötigen all die Blutegel, die von unserer Situation profitieren wollen“, heißt es im Buch.

Khider_Ohrfeige_nkExemplarisch für viele Geflüchtete

Dann aber fällt die Münze und Karim Mensy erhält seinen Abschiebungsbescheid. Die Rückkehr in den Irak ist keine Option. Denn neben der Flucht vor dem Einzug in den Militärdienst kämpft Mensy mit einem persönlich viel einschneidenderen Problem: Abbas Khider hat ihm Brüste verpasst – und deutsche Ärzte sollten ihn von diesem körperlichen „Makel“ befreien. Ein skuriller Einfall in diesem realistischen Szenario, aber Khiders emotionale, offene Erzählweise lässt solche Wendungen zu. Dass Schicksal Mensys bleibt trotzdem glaubhaft und kann exemplarisch für viele Geflüchtete stehen.

Abbas Khider beschreibt Karim Mensy als geduldigen Mann. Nach der Nachricht seiner Abschiebung allerdings handelt er blind nach seinem Gefühl: Er marschiert in die Asylbehörde und schnurstracks zu seiner Sachbearbeiterin, fesselt sie an ihren Bürostuhl und klebt Streifen über ihren rot geschminkten Mund. „Nix will ich hören!“, so Mensy. „Ob Sie wollen oder nicht, wir reden.“ Und so wird seine Fluchtgeschichte zum Monolog – und auch für uns zur Chance, tatsächlich mal hinzuhören, und eines von vielen möglichen Leben zu verstehen.

Abbas Khider: Ohrfeige, Hanser Verlag, München 2016, 19,90 Euro

 

Zum Nachhören: „Der beste Ort, den ich bis jetzt gefunden habe, ist hier“, meint Abbas Khider über seinen Wohnbezirk Neukölln. Bei einem Spaziergang durch seinen Kiez gab er neukoellner.net 2013 ein ausführliches Interview. Und erzählte vom Glück, nicht ständig in Ausweiskontrollen zu geraten, von Cafés, in denen „die Deutschen“ sitzen, von rassistischem Sexismus und von Fußballspielen in Saudi-Arabien.

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