von am 15. Juni 2013

Ostfriesland liegt seit Neustem in Neukölln. Ein Besuch bei junger Kunst von alten Künstlern, die gemeinsam Gesellschaftskritik üben.

Ein Energiebündel in schwarzem Kleid und dunkelroten Cowboystiefeln drückt mit beiden Händen gegen die gläserne Eingangstür. „Wer lebt, stört“ steht auf dem Aufkleber, der zum Atelier Ostfriesland weist. Die Künstlerin Elke Graalfs hat ihre Nationalität, wie sie selbst sagt, zum Ateliernamen gemacht. Sie stellt zusammen mit Freunden in einem Eckladen im Körnerkiez aus.

Veronika Schumacher

„Wir sind so ungefähr 20,“ sagt sie und fügt lächelnd hinzu: „alle über 35 Jahre.“ Sie läuft vorbei an kunstvollen schwarz-weiß Bildern, die ein wenig an die berühmten Muster von M.C. Escher erinnern. „Die sind von Vroni, absolut super!“ sagt sie euphorisch und zeigt erst auf die bemalte Wand, dann auf Veronika Fischer. „Vroni“ passt farblich zu ihren Kunstwerken. Ihr schwarzer Kajal kontrastiert mit den weißen Haaren, ihr Kleid ist schwarz-weiß gestreift.

Elke Graalfs

Im hinteren Teil des Ateliers gibt Elke das Wort an ihre Kollegin Dorothee Fichtmüller von POOLSERVICE weiter. Diese greift sich einen großen Kescher von der Wand, um ruderartige Bewegungen vorzuführen: „Wir fischen aus dem Pool der Ideen um uns herum.“

Die eingesammelten Gedanken sind „durch die Installation von Gefrierbeuteln besonders an der Fensterscheibe sichtbar. Dabei streben symbolisierte Ideen sowohl von Innen nach Außen als auch von Außen nach Innen.“ gibt Dorothee Fichtmüller zu Protokoll. Die Collage von Plastikbeuteln, welche fein säuberlich von Manfred Kirschner an die Wand geklebt wurden, erinnert den Laien jedoch vor allem an die Schattenseiten der Konsumgesellschaft, Aldi, Lidl, Edeka, die Logos stechen ins Auge. „Eigentlich tragen wir noch Anglerhosen, aber die habe ich jetzt schon ausgezogen“, sagt Dorothee.

Im Keller von Ostfriesland.

Eine Etage tiefer sitzt Manfred Kirschner im niedrigen Kellergewölbe vor Steinwänden und alten Rohren. Er nennt die Ausstellung vorbildlich und genießt, dass alle miteinander kommunizieren, „ihre eigenen Egoismen überwinden.“ Er sieht die zunehmende Individualisierung in der Gesellschaft kritisch, denn bei so viel „Ich“ habe nichts anderes mehr Platz. „Es ist absurd, einzelne Leute so hochzuheben“, sagt der Künstler aus Kreuzberg. Das breite Spektrum in Neukölln gefällt ihm, es stehe im Gegensatz zur Verflachung der Unterhaltungsindustrie. „Wir alle stehen irgendwann vor der Frage, ob und wie wir es gemeinsam hinkriegen.“

Elke hat sich inzwischen wieder dazu gesellt und raucht eine Zigarette, während sie Manfred zunickt. „Wir sind hier eine Ansammlung von Käuzen, es gibt für jeden einen Platz. Alleine bin ich nichts“, sagt sie. „Ich glaube wir alle wollen mehr als uns selbst, wir wollen uns nicht so wichtig nehmen.“ Deswegen dankt Elke auch dem „wohlgeschätzten, unbekannten Verfasser“ für den Aufkleber an der Eingangstür, denn der Spruch ist nicht von ihr.

Junge Kunst von alten Künstlern ist eine Gemeinschaftsausstellung im Ostfriesland, KÖ-03, Jonasstraße 44 (Ecke Altenbraker Str. 11), Sa 18-24 Uhr

 

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