von am 24. August 2016
Johannes Hilliger (r.) und Josa Kölbel haben das Berlin Circus Festival zusammen auf die Beine gestellt.

Johannes Hilliger (r.) und Josa Kölbel haben das Berlin Circus Festival zusammen auf die Beine gestellt. (Foto: Berlin Circus Festival)

Text und Interview: Seda Nigbolu

Zirkus geht auch zeitgenössisch – ohne Elefanten, Löwen oder Akrobaten in kitschigen Kostümen. Die Macher vom Berlin Circus Festival erklären, was die Zuschauer dort erwartet.

Falls ihr die Plakate des “Berlin Circus Festivals” seht und denkt, dass das Tempelhofer Feld bald von Löwen, Elefanten und Akrobaten in kitschigen Kostümen besetzt sein wird, liegt ihr ganz fern von der Realität. Das Berlin Circus Festival, der junge Vertreter des zeitgenössichen Zirkus in Deuschland, bringt diese innovative, interdisziplinäre Kunstform zum zweiten Mal nach Berlin.

Dann werden auf dem Festivalgelände unterschiedliche Shows aus europäischen Ländern wie Italien, Belgien oder Frankreich zu sehen sein. Neben unkonventionellen Aufführungen von Handständen, Jonglieren oder Akrobatik am chinesischen Mast wird auch mit den Mitteln von Tanz, Theater und Performance gezeigt, wie die Grenzen des Traditionellen dramaturgisch und performativ erweitert werden können.

Trapez-Künstler Josa Kölbel, der zusammen mit Eventmanager Johannes Hilliger, beide 29 Jahre alt, das Festival auf die Beine gestellt hat, erklärt, was den zeitgenössischen Zirkus von seinen Vorfahren trennt und wieso Deutschland es schwierig hat, sie anzuerkennen.

neukoellner.net: Wie waren die Reaktionen auf das erste Berlin Circus Festival? Denkst Du, dass das Festival dazu beigetragen hat, die Wahrnehmung vom Zirkus in Deutschland zu ändern.
Josa Kölbel: Die Rückmeldung letztes Jahr war sehr positiv, auch die von den Artisten. Wir waren fast komplett ausverkauft. Das hat uns ermutigt, weiterzumachen, so wie wir weitermachen wollten. Wir haben in der Kulturpolitik viel Aufmerksamkeit bekommen, vor allem gerade in Berlin. Es ist aber im Moment noch ein langer Weg und wir müssen den Leuten noch klarzumachen, was zeitgenössicher Zirkus ist. Es ist noch lange nicht an dem Punkt, dass man sagen kann, dass Zirkus als Kunstform anerkannt ist.

Das zeigt sich auch an den Schwierigkeiten, eine Förderung zu bekommen. Ihr werdet zum zweiten Mal hauptsächlich vom Institut Français gefördert, habt aber von der Stadt Berlin nichts bekommen. Wieso ist es in Deutschland so schwierig, Zirkus von seinem Ursprung zu trennen – anders als in Ländern wie England, Frankreich oder Tschechien?
Deutschland hat eine sehr lange Geschichte von Cabaret und Varieté. Und das hat das Verständnis vom Zirkus sehr geprägt. Wir müssen einen langen Weg gehen, um zu zeigen, dass es auch andere Heransgehensweisen gibt. Trotz all der Texte die man schreibt, ist es am einfachsten, wenn man das im Rahmen des Festivals möglichst vielen Leuten zeigen kann.

Ihr seid dieses Jahr vom kleineren Circus Schatzinsel in Kreuzberg auf das Tempelhofer umgezogen? Um mehr Leute zu erreichen, mehr Freiheit zu haben?
Wir müssen uns einfach finanzieren können – das können wir nicht mit 150 Festivalbesuchern. Und weil es ein schöner Ort ist und wir da gute Partner haben.

Wir wird es auf dem Festivalgelände aussehen?
Das Festivalgelände hat etwa einen Quadratkilometer. Es gibt ein großes Zirkuszelt für 450 Personen. Drumherum gibt es vier Ausstellunge: von Luise Rüdiger, Marc-Antoine Petit, Johanna-Maria Fritz und eine internationale Fotografie-Ausstellung zu Handständen.

Was sind eure Kriterien, wenn ihr euch Kompanien und Performer aussucht?
Wir versuchen ein gutes Gleichgewicht zu finden, zwischen Shows die leicht zugänglich sind, die Leute abholen können, die mit Zirkus noch keine Erfahrung gemacht haben und dann gleichzeitig Shows, die innovative Konzepte haben. Es gibt einige, die Zirkus stark mit Tanz und Contact Impro verbinden, sogar die mit diesem Trend von Acro Yoga, wo man schwer sagen kann, dass es überhaupt Zirkus ist. Es gibt andere, die sehr theatralisch, fast filmisch sind. Bert und Fred zum Beispiel, die zur Eröffnung performen werden, gehen mehr in Performance-Richtung.

Was empfiehlst du den Zuschauern für den Einstieg?
Es gibt viele sehr spannende Momente für die Zuschauer. Zum Einstieg sind Bert und Fred sehr zu empfehlen. Und zur Varieté am Dienstag und Mittwoch zu kommen, da gibt es drei Kurzstücke von unterschiedlichen Performern.

Es gibt oft eine Show am Nachmittag und eine am Abend, was passiert in den Stunden dazwischen?
In der Pause gibt es Live Musik auf dem Gelände. Es gibt Essen, Getränke und Ausstellungen. Es gibt genug zu tun.

Wenn Du den Unterschied zwischen traditionellem und zeitgenössischem Zirkus kurz zusammenfassen würdest?
Ich würde es ungern auf konkrete Punkte fixieren. Zeitgenössicher Zirkus hat den traditionellen Zirkus als Basis, wie die Eltern. Er ist wie ein Kind, das Laufen lernt und alles mögliche entdeckt und mit Neugier alles betrachtet und ausprobiert.

Berlin Circus Festival, 26.8. bis 4.9., auf dem Tempelhofer Feld

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