von am 2. Juni 2017
Das Zuhause muss man sich heute erst erschaffen. (Foto: Anke Hohmeister)

Das Zuhause muss man sich heute erst erschaffen. (Foto: Anke Hohmeister)

Der Berliner Autor Daniel Schreiber hat ein Essay über das „Zuhause“ verfasst. Darin erzählt er auch seine eigene Geschichte, die ihn am Ende nach Neukölln führt.

Von Anne-Kathrin Fischer

Früher war alles besser. Dieser Satz, oft einfach so dahingesagt, trifft zumindest doch häufig dann zu, wenn wir nach unserem Zuhause gefragt werden: Zuhause war meist der Ort, an dem die Eltern lebten. Der Ort, an dem man seine Kindheit und Jugend verbrachte. Und heute? Bei der Vielzahl von Wohnmöglichkeiten ist der Begriff des Zuhauses nicht mehr an eine bestimmte Örtlichkeit gebunden.

Daniel Schreiber, Jahrgang 1977, kennt das Problem, die Frage nach dem Zuhause nicht eindeutig beantworten zu können. Er wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf, lebte in Berlin, New York, London, und dann wieder in Berlin. Dabei immer begleitet von der Frage: Ist dies nun meine Heimat? In seinem Essay „Zuhause“ beschreibt der Autor des Bestsellers „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“ die Wandlung eines weit verbreiteten Gefühls: Zuhause ist nichts Gegebenes mehr, zu oft wechselt der Wohnort. Vielmehr verstehen wir darunter mittlerweile einen Ort, nach dem wir uns sehnen, ohne unbedingt zu wissen, wo wir ihn finden.

Was dieses Buch so reizvoll macht: Jeder hatte diese Gedanken schon. Hat sich gefragt, wo er eigentlich verankert ist. Verbindet einen solchen Ort meist im ersten Gedankengang mit dem Heim seiner Eltern. Gleichzeitig kann das nicht mehr die Antwort sein – in einer schnelllebigen Welt, in der ein Umzug, etwa bedingt durch einen Jobwechsel, schnell vonstatten geht – und das nicht nur innerhalb des Heimatlandes. Dies führt dazu, dass man sich bei der Beantwortung seiner Heimatfrage nicht mehr mit dem Ort des Elternhauses zufrieden gibt, sondern vielmehr mehrere Antworten in Betracht zieht.

Schreiber hat seine persönliche Geschichte mit Sekundärliteratur angereichert

Mit einem Gang durch das frühlingshafte London beginnt Schreiber seine sehr persönliche Geschichte. „Zuhause“ ist jedoch keine reine Erzählung, sondern ein 120 Seiten langes Essay, in welchem der Autor seine eigenen Erfahrungen und Gedanken mit Sekundärliteratur aus Philosophie, Psychologie und Soziologie anreichert. So führt er den Leser abwechselnd durch die eigene Geschichte und durch passende Passagen von bekannten Literaten, Philosophen oder Wissenschaftlern. Das Schöne: Schreiber wird nie pauschalisierend, bewertet deren Gedanken nicht. Vielmehr bietet er dem Leser auf diesem Wege die Möglichkeit, die Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten. Daneben führt er den Leser durch seine Kindheit, Jugend und späteren Jahre. Besonders berührend und interessant sind dabei die Episoden, in denen er ganz offen davon berichtet, mit welch abstoßenden Maßnahmen Lehrkräfte in der DDR versuchten, ihn von seiner Homosexualität zu „heilen“. Diese Erfahrungen an seinem eigentlichen Geburtsort ließen Schreiber von Beginn an zweifeln, ob Mecklenburg-Vorpommern sein Zuhause ist – wenn er dort doch so unmöglich behandelt wurde.

Und dann ist da noch eine Art Happy End – gefunden in Neukölln. 2008 kehrte Schreiber zurück in die Hauptstadt und fand eine Wohnung in Neukölln. Zu einer Zeit, in der das Stadtviertel erst auf dem Weg hin zu dem hippen Szene-Viertel war, als das es heute gilt. „Weil das Stadtviertel mich an schmuddelige Ecken von Brooklyn erinnerte und weil es hier noch eine bezahlbare Wohnung mit einer großen Terrasse gab“, so begründet Schreiber seine Wahl und sagt bezeichnend dazu: „Zu der Zeit wollte niemand, den ich kannte, nach Neukölln ziehen.“ Doch genau zu der Zeit befand sich Neukölln auch im Umbruch.

Sprachengewirr in den Straßen Neuköllns

So gesehen war Neukölln ein Kompromiss für Schreiber, den es doch eigentlich seit seinem Schulabschluss ins Ausland gezogen hat: Im Grunde genommen sei Neukölln für ihn stets der am wenigsten ‚deutsche‘ Bezirk‘ gewesen, das Sprachengewirr auf den Straßen bei seiner Rückkehr empfand er als angenehm: das Deutsch, Arabisch und Türkisch der Einheimischen, gemixt mit Portugiesisch, Spanisch, Amerikanisch oder anderen Sprachen der jungen Leute und Künstler, die gerade anfingen, sich in Neukölln nieder zu lassen. Die Entscheidung, im damals langsam immer beliebter werdenden Neukölln eine Wohnung zu suchen, habe er intuitiv getroffen. „Ohne dass ich es damals hätte verbalisieren können, verspürte ich in Neukölln eine gewisse Freiheit“, bekundet Schreiber in seinem Essay. Der Bezirk hätte im Gegensatz zu anderen wie etwa Prenzlauer Berg und Mitte nicht die „Klaustrophobie eines neues Wohlstands“ gehabt und die Leute interessierten sich nicht für Herkunft oder Aussehen. „Neukölln war damals die einzige Gegend Berlins, in der ich das Gefühl hatte, dass jeder so sein konnte, wie er wollte, dass jeder dort hineinpasste – auch ich.“

Ihm fiel auf, dass er sich stärker als früher auf seine Wohngegend und die Nachbarn einließ. „Ich fühlte mich nach wie vor nicht wirklich so, als wäre ich hier zu Hause, aber ich nahm eine Entwicklung wahr, einen gewissen Fortschritt.“ So kommen dann mit dem Umzug auch private Konflikte wieder ins Reine und ohne dass Schreiber die Frage nach dem Zuhause für sich oder seine Leser eindeutig beantwortet, findet er doch zumindest einen Ort, an dem er sich gut aufgehoben fühlt.

In seiner Danksagung am Ende des Buches heißt es: „Herauszufinden, wo man zu Hause ist, ist eine der grundlegendsten Auseinandersetzungen, die wir in unserem Leben führen müssen.“ Und es gelingt Schreiber ganz wunderbar, seine Leser auf dieser Suche zu begleiten.

Daniel Schreiber: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen, Hanser Verlag 2017, 13,99 Euro

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