von am 16. Juni 2012

REU-32: Die Deutschen und ihre Ruhestörung – auch 48 Stunden Neukölln wird von dieser Problematik nicht verschont. Eine erste Wutmail hat uns in der ersten Nacht kurz vor zwei Uhr erreicht.

Das Thema war bereits im Vorfeld von den Organisatoren des Festival eingehend diskutiert worden. Schon im letzten Jahr gab es viele Beschwerden von Anwohnern über den Lärm und das Treiben spät nachts auf den Straßen. Dabei sind längst nicht alle Veranstaltungen, die während des Wochendes stattfinden, den 48 Stunden Neukölln zuzurechnen. Es bietet sich natürlich an, seine eigene Veranstaltung einfach parallel laufen zu lassen. Dass der Ärger dabei auf das Kunst- und Kulturfestival zurückfällt, ist nachzuvollziehen, aber etwas kurz gedacht.

Auch dieses Jahr lässt der Ärger nicht lange auf sich warten. Trotz der Bemühungen mit der Aktion „Pssst!/APFEL anstatt“ (Sprechblase oben mittig), die mit beflügelten Helfern die Leute auf der Straße dazu anhalten, sich ruhig zu verhalten, und trotz der Gespräche mit den Gastronomen zur gemeinsamen Beruhigung der Massen, hat uns am gestrigen Abend spät nachts eine Beschwerdemail mit dem folgenden Inhalt erreicht:

48 Stunden Neukölln? 48 Stunden Lärm –

Wie können Sie so eine Veranstaltung organisieren und dabei nicht in der Lage sein, für Nachtruhe zu sorgen? Die eh schon laute Straße vor der Tür wird für zwei Tage zur Hölle. Da mutet die sogenannte psst-Aktion wie Hohn an. Events, die größere Menschenmassen anziehen, werden nur tagsüber stattfinden? Das ist eine blanke Lüge. Auf Ihrer Website findet sich das Programm, in dem Veranstaltungen angekündigt werden, die bis 2:00 nachts dauern sollen. Das Ergebnis habe ich vor meinem Fenster. Für das nächste Jahr werde ich versuchen, im Kiez Protest zu organisieren.“

Dass Ruhestörung hierzulande mit solch einem Enthusiamus und einer Nachhaltigkeit verfolgt wird, lässt einen ohnehin immer aufs Neue an der Toleranz(un)fähigkeit unserer Gesellschaft (ver)zweifeln. Im Konfliktfall steht die Befindlichkeit des Einzelnen stets über dem Glück der Masse. Es ist ja schon fast eine Revolution, dass Kindergeschrei rechtlich gesehen mittlerweile nicht mehr als „schädliche Umwelteinwirkung“ verstanden wird. Das Bewusstsein, dass man in einer 3-Millionen-Metropole mit Lärm rechnen muss, kann einem gelegentlich schon einmal abhanden kommen. Weniger Verständnis kann ich persönlich dafür aufbringen, dass man in seiner individuellen Unzufriedenheit ein Festival miese macht, das einmal jährlich  stattfindet und einer ungleich größeren Masse an Mitmenschen gefällt. Auf dem Land, so hab ich mir sagen lassen, soll es sich recht ruhig und ungestört leben lassen. Und Kunst- und Kulturfestivals gibt es für gewöhnlich auch nicht.

REU-32: Reuterplatz, Fotos: Freitagnacht

 

9 Kommentare:

  • heinz sagt:

    … auch das ordnungsamt scheint sich nicht über alle kulturveranstaltungen zu freuen …

    Hip-Hop-Konzert „Dein Block Mein Kiez“ findet statt!

    Nachdem das Ordnungsamt mit dem Hinweis auf polizeiliche Sicherheitsbedenken am Donnerstag zunächst das Hip-Hop-Konzert „Dein Block Mein Kiez“ vor der Kollektivkneipe Tristeza abgesagt hatte, wird es nun doch unter Auflagen stattfinden können. Nach zähen Verhandlungen , die fast den gesamten Freitag in Anspruch nahmen und über eine Anwältin und das Verwaltungsgericht geführt wurden, haben die Veranstalter und das Ordnungsamt einen Kompromiss gefunden.

    Die wesentlichen Auflagen sind: Das Konzert darf nur bis 21 Uhr gehen, das Publikum muss hinter Absperrgittern gepfercht werden und vom Veranstalter gestellte OrdnerInnen sollen für Maßregelung und Sicherheit sorgen.

    Bereits vor über sechs Wochen wurde der Antrag für die Genehmigung der Veranstaltung gestellt – erst zwei Tage vorher informierte das Bezirksamt telefonisch darüber, dass keine Genehmigung erteilt wird, da die Polizei Sicherheitsbedenken wegen der parallel statt findenden Veranstaltung „48h Neukölln“ hätte. Diese wurden unter anderem damit begründet, dass es bereits in der Vergangenheit Probleme bei den Konzerten gegeben hätte. Skurril bleibt dabei die weitere Argumentation von offizieller Seite. Wurden die Sicherheitsbedenken schnell ausgeräumt, mussten anschließend formelle Beanstandungen im Antrag an das Ordnungsamt für das Verbot herhalten, die ebenso beseitigt werden konnten.

    In Anbetracht des nur zögerlich zu Eingeständnissen bereiten und nach fadenscheinigen Gründen für das Verbot suchenden Verhaltens des Neuköllner Ordnungsamtes und der Polizei liegt der Verdacht nahe, dass die Beweggründe für das Verbot in letzter Sekunde auf politischer und nicht formeller Ebene zu suchen sind. Eine kritische Öffentlichkeit, in der sich AnwohnerInnen Neuköllns anhand ihrer sozialen Themen vernetzen und diese Im Kiez publik machen, scheint nicht erwünscht zu sein. Stattdessen setzt man auf eine Festivalisierung eines Bezirkes, in dem „soziale Durchmischung“ immer „Verdrängung“ nach wirtschaftlichen Maßstäben bedeutet. Dementsprechend froh ist das BetreiberInnenkollektiv der Tristeza, das Konzert u.a. mit jungen RapperInnen aus dem Kiez durchführen zu können, die leider nicht die junge, kreative, weiße und vermögende Zielgruppe der Politik des Quartiersmanagements & Co. darstellen.

    Da wir früher aufhören müssen, fangen wir auch sehr pünktlich um 17 Uhr an! Wir hoffen auf ein lautstarkes Konzert sowie ein großes Publikum, dass seinen sozialen Protest nicht obrigkeitsstaatlich gängeln lässt.
    Let`s rap!

  • Micha sagt:

    Ich kann nicht verstehen, dass man so Kunsfeindlich ist. Die sollen froh sein, dass hier in Neukölln auch mal etwas erbauliches los ist, etwas schönes.
    Mich stören die Autos mehr, als mal ein bißchen menschliches Leben.

  • Katrin sagt:

    Diese Haltung kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Dass einem vielleicht mal die Hutschnur platzt und man einen wütende Mail schreibt, das vielleicht, aber gleich Protest im nächsten Jahr organisieren? Wegen eines Festivals, das nur ein Wochenende dauert? Da kann man ja nur hoffen, dass es sich hier um einen Einzelfall handelt. Und da die Straße auch ansonsten eh schon zu laut zu sein scheint. Wie wäre es mit einem Umzug?

  • Krischy sagt:

    Schon mal dran gedacht, daß es ältere und kranke Menschen gibt, die sich in ihren Wohnung aufhalten und dem Lärm ausgesetzt sind?
    Hier um den Emser Platz dröhnen seit Stunden die Bässe und schreien und gröhlen die Besoffenen. Anscheinend hat grad ein Anwohner die Polizei geholt, da im Moment die Bässe runtergeregelt wurden. Aber das wird nicht das letzte Mal in dieser Nacht sein.
    Ich habe keine Ahnung, was stumpfsinnige Bässe und Besoffene mit Kunst zu tun haben sollen!

  • Krischy sagt:

    …..und der Hinweis „Wie wäre es mit einem Umzug?“ ist Menschen gegenüber, die hier seit 30 Jahren leben, eine Unverschämtheit. Hatten wir nicht so etwas schon mal in der deutschen Geschichte?

  • […] am Freitag durfte das Konzert unter verschärften Auflagen dann doch noch stattfinden, wie uns das Tristeza mitteilte. Pünktlich um 17 Uhr startete das Festival vor dem Tristeza mit Kobito & Norbert, den Manege […]

  • Marianne sagt:

    Ich bin wütend und empört! 1) Der Verweis auf’s Land zu ziehen, ist höchst rassistisch. Wahrscheinlich ist der Schreiber des obigen Artikels selbst vor ein paar Jahren aus einem beschaulichen Örtchen auf dem Lande zugezogen, ist lärmmäßig noch nicht sensibilisiert, ist ca. 20-30 Jahre alt und hat keinen 9 to 5 Job. Hier sind wir gleich bei 2) Das ist ja nicht die einzige Veranstaltung. In Berlin sind drei bis 15 Events jeweils gleichzeitig, man hat also so gut wie gar nicht mehr seine Ruhe. Dazu kommen Kindergeschrei (morgens), Bau- und Straßenlärm (ganztägig) sowie Musikproben in Privatwohnungen (wöchentlich), Partys (nachts) und grölende Partygänger (morgens, vor dem Kindergeschrei). Zurzeit auch noch EM und völlig übertrieben an JEDER Ecke „Public Viewing“. (= jeder Imbiss hat mittlerweile eine Leinwand draussen). Es nervt! Die Welt besteht nun einmal nicht nur aus Party und feiern, lustig sein, saufen,… Einige müssen regelmäßig arbeiten gehen, andere sind krank, brauchen ihre Ruhe. Es geht in einer großen Stadt immer auch um Toleranz, Respekt und Verständnis. Wer das nicht kapiert, ist hier in einer STadt, die immer für ihre Toleranz bekannt war, nicht richtig. Alle, die ihre Interessen über das Wohl anderer stellen, wie der Autor obigen Artikels, ist intolerant. Ich hoffe seine Meinung gibt nicht die der Veranstalter wieder.

  • […] auch der Festivalleitung nicht verborgen. Einige Anwohner beschwerten sich per Mail über die “48h Lärm“. Einige griffen sogar zu Wassereimern, um so manche Menschentraube vor dem eigenen Haus […]

  • Winnie sagt:

    Das mit dem Wassereimer ist ja ne klasse Idee!
    Ich habe nur mehrfach die Polizei gerufen.

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