von am 15. Mai 2012

„Eine echte Berliner Revue“ hat der Heimathafen Neukölln auf die Bühne gebracht. Die „Volksbühne“-erprobte Bärbel Bolle übernimmt darin den Part, mit dem Marlene Dietrich einst der Durchbruch gelang.

Kellner, Krawatte und Kohle – anhand dieser drei Ks buchstabiert der Dramatiker Georg Kaiser in seiner Berliner 20er-Jahre-Revue den Weg zum Glück. Der Kellner Jean erhält darin durch einen Krawattentausch Zugang zu einem Ball und zieht dort den Hauptgewinn: eine Schiffsreise ins verheißungsvolle Amerika. An seiner Seite die Millionenerbin Mabel, auf seinen Fersen sein mittelloses Berliner Mädel Trude – für wen oder was wird er sich entscheiden? Ein zeitloser Konflikt, den der Heimathafen Neukölln nun mit all seinen Verlockungen erneut auf die Bühne gebracht hat. Bei der Uraufführung 1929 im Berliner Theater spielte Hans Albers die Rolle des umschwärmten Jean und Marlene Dietrich die stinkreiche Mabel – gemeinsam mit den Comedian Harmonists zur Musik von Mischa Spoliansky ein unglaublicher Cast.

Jean (Vlad Chiriac), Tante Robinson (Alexander Ebeert) und Pelikan

Schräge Charaktere

Und auch in der Neuauflage im Heimathafen tragen vor allem die Charaktere das Stück. Sie sind schräg und laut: Darunter Bärbel Bolle, Jahrgang 1941 und 35 Jahre lang Schauspielerin am Deutschen Theater jetzt an der Volksbühne, die Mabel eine mal elegant-versponnene, mal schroff-aggressive Note aufdrückt. Alexander Ebeert, sonst am Berliner Ensemble, wechselt turbulent zwischen seinen Rollen als aufgeregter Ballgast, als spröder Lebenshasser Bannermann an Trudes und als sexy-verbrauchte Tante Robinson an Mabels Seite hin und her. Und mit Funny Rose als Mädel Trude weht neben all ihrer Sentimentalität in Sachen Jean tatsächlich ein Hauch Berlin der 20er Jahre durch den Saal. Allein Jean selbst, gespielt von Vlad Chiriac, kommt ein wenig konventionell daher, von seinem Auftritt in Stretch-Hotpants mit Jeans-Aufdruck und goldenen Cowboystiefeln samt pinkfarbenem Flamingo unterm Arm einmal abgesehen. Trashig-pompös ist das Auftreten der vier alten Damen der Stepptanzgruppe „Berliner Spätlese“ – eine knallige Truppe mit Federboas, Pailetten-Kleidern und Netzstrumpfhosen.

Pailetten und Boas in Zwei Krawatten © Verena Eidel

Musik statt Tiefgang

Es gibt also ordentlich was zu gucken und die Figuren erobern das Zuschauerherz, aber das Stück hat dennoch seine Längen. Der sozialkritische Stoff bleibt an der Oberfläche und ist allzu vorhersehbar. So hätte es auch noch weniger Text und dafür mehr Gesangs- und Tanzeinlagen für die Schauspieler sein dürfen, die liebevoll begleitet werden vom Trio The Incredible Herrengedeck.

Letzte Vorstellung von „Zwei Krawatten“ im Heimathafen Neukölln am 20. Mai um 18 Uhr, Eintritt: 18 €, ermäßigt 12 €

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.