von am 29. Dezember 2012

Max Goldt bei einer Lesung in Wolfsburg 2009, Foto: lars.hung/flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Max Goldt war zu Gast im Heimathafen Neukölln und demonstrierte seine Sprachgewalt – doch die ganz großen Lacher blieben aus.

Die vierte Lesung Max Goldts in diesem Jahr fand am vergangenen Sonnabend im ausverkauften Heimathafen Neukölln statt. 140 Minuten lang brachte der Meister des Wortwitzes und der sprachlichen Gewandtheit Texte aus seinem neuesten Werk  „Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren“ und älteren Sammlungen vor.

Charme als letzte Instanz ausgleichender sozialer Gerechtigkeit

Mit „Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren“, mit 23 Minuten der längste Text dieses Abends, wurde der Querschnitt durch die letzten zehn Jahre Goldt’scher Kulturkritk eröffnet. Goldt geht dabei der Frage nach, warum Frauen so oft auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter eindösen. Verantwortlich hierfür scheinen weibliche Ernährungsmuster zu sein, die eine ernergiearme Bewegungsart durch Kaugummikauen noch unterstützt, sowie Versuche des Gender-Mainstreamings, die Gleichstellungsbeauftragte, die gewohnheitsmäßige verbale Besserstellung von Mädchen durch reaktionäre Giftknilche oder Frauen mit falschen Vorbildern, die das Entenstimmenphänomen, den sogenanten Knäk-Enten-Sound, weiße Fingernägel und Jeans mit nietenbesetzten Hintertaschen kultiviert haben.

Braune, mittellange, freundlich in die Gegend hängende Haare

Es folgten neun Zweiteiler, in denen Goldt unter anderem erklärt, warum ein Mann 80 werden sollte und wie man einen Toast auf jemandem auswringt. Nach der Pause ging es dann weiter mit dem Text „Man ist ein bißchen aufgeregt und langweilt sich trotzdem“. Er erzählt von der Schwierigkeit, die ein Gesichstblinder beim Unterscheiden der Talkshows von Anne Will, Maybritt Illner und Sandra Maischberger aufgrund der inhaltlichen und visuellen Redundanz hätte. Die Vernebelung, die durch die Talkshows ausgehe, sei aber dennoch vertretbarer als die der Volksmusik eines Hansi Hinterseer, meint der Autor.

„Blumenkübel vor dem Eingang böser Krankenkassen“ ist eine 30-seitige Splitterkollage, eine Aneinanderreihung von Gedanken und Notizen, die mit überflüssigem Wissen, unseriösen Anstrengungen zum Erhalt brandenburgischer Kindergärten, der Unsinnigkeit der von „Qualitätsmedien“ oft gebrauchten Formulierung „Das Opfer wurde regelrecht hingerichtet“, dem One-Face-Guy Günter Grass und der B.Z. abrechnet.

Mit Fremden unterhält man sich nur gezwungenermaßen oder betrunken

In „Weltanschauung in der Seilbahn“ wird die höchstens noch etymologische Verwandtheit von God und Gott durch eine gezwungenermaßen enstandende Konversation mit vorgeblichen Christen enttarnt. Im Anschluss daran folgt die Kritik am inflationären Ge- und Missbrauch der Worte „Emotion“ und „Inspiration“ durch Werbung und Möbelhäuser. Fazit: Glauben ist ein schönes und sinnvolles Hobby, und mit Fremden unterhält man sich nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt oder man betrunken ist.

Wer jedoch durch die „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ mit Goldt’scher Komik sozialisiert wurde, hatte leider das Nachsehen. Aus den Kolumnen aus „Onkel Max’Kulturtagebuch“, erschienen im Satiremagazinn „Titanic“ seit 1989, wurde nichts gelesen, ein Umstand, der erklären könnte, warum die ganz großen Lacher ausblieben.

Text: Elena Dohrmann, Foto: lars.hung/flickr

 

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