von am 25. Juni 2016
Welcome to Dorf, Collage: Max Büch, Material: Museum Neukölln, Cornelia Bördlein & Eva AM Winnersbach

Welcome to the Dorf, Collage: Max Büch, Material: Museum Neukölln, Cornelia Bördlein & Eva AM Winnersbach

„Kleinrixxdorf“ ist ein Dorf im Dorf und verspricht alles, was das urbane Herz begehrt: Kunst, alternative Konsumentwürfe, Verpflegung und natürlich jede Menge Idylle. Mit ihrem partizipativen Kunstprojekt treffen Eva AM Winnersbach und Cornelia Bördlein den Zeitgeist.

Wo die totale Verfügbarkeit und Vernetzung das Sagen hat, verführt die Rückbesinnung auf die grundlegenden Dinge unseres Daseins. Wo der Wechseljuicer-Wahnsinn in der Großstadt herrscht, lockt die Idylle des Dorflebens. Raus aus den unsichtbaren Fängen und Fäden der globalisierten Gesellschaft mit all ihren unlösbaren Problemen und rein in die Entschleunigung. Junge urbane Frauen wie Ronja von Rönne pilgern auf der Suche nach dem Glück aufs Land und konstatieren nach einem Versuchstag in der Welt, warum auf dem Dorf einfach alles besser ist. Und auch Julia Friedrichs berichtet – mit mehr Tiefgang und weniger Naivität – im Zeit-Magazin von der neuen Weltflucht: Die Welt ist mir zu viel.

Was man zum Leben wirklich braucht

Mit ihrem Kunstprojekt zu den diesjährigen 48 Stunden Neukölln könnten Eva AM Winnersbach und Cornelia Bördlein den Zeitgeist wohl nicht besser einfangen: Sie gründen ein Dorf. Gemeinsam mit einigen anderen Künstlern wollen sie ausloten, was man zum Leben wirklich braucht und sich „in essenziellen Entwürfen zur Gestaltung eines Lebens abseits der bekannten Zwänge unserer Konsumgesellschaft“ ausprobieren. Über das Wochenende wird auf dem Vorplatz der Schmiede am Richardplatz „Kleinrixxdorf“ entstehen, das den Besuchern „idyllischen Zauber unter Kastanien und Orte der Inspiration und Erholung” verspricht.

Den Eingang markiert eine gelb-deutsche Ortstafel (Jörg Lange), auf den Weiden grast eine Herde aus recycelten Tieren (Dil Umezulike), mobile Höhlen aus Glascontainern (transstruktura) spenden Ruhe und Schatten und aus dem Dorfbrunnen aus Töpfen (Peter Müller) plätschert Wasser. Die Dorfbewohner (und -tiere) haben sich unverkennbar dem Prinzip der Nachhaltigkeit und Ressourcen-Wiederverwertung verschrieben (siehe Festivalthema). Cornelia Bördlein möchte dem Dorf ein Denkmal verpassen, das „so groß werden soll, dass man durchlaufen kann und so klein, dass es nicht gefährlich wird“. Der Baustoff: Sperrmüll aus den Straßen Neuköllns. Damit sollten für den geplanten Ehrenbogen genügend Baumaterialien zur Verfügung stehen, doch die Künstlerin und temporäre Bauleiterin sorgt sich ein wenig um die BSR, die offenbar Neukölln für das Kunstfestival herausputzen möchte. Für den Notfall habe sie ein kleine PKW-Ladung voll Sperrmüll sicher gestellt.

Das transparente Tanzhaus gewährt Einblicke in das Innere, Foto: Imprévu Berlin & Friends

Das transparente Tanzhaus gewährt Einblicke in das Innere, Foto: Imprévu Berlin & Friends

Auch im Nähstübchen (Gisela Hombach) wird Upcycling betrieben, dort entstehen „Unikate aus Getragenem“. Bei „art me“ (Barbara Cousin) wird der Tauschwirtschaft mit Kunst und Krempel gefröhnt und die Second-Hand-Wirtschaft ist beim „Secondhand-Bazar“ und in der „Galerie Faktor X“ (Eva AM Winnersbach) zu Hause. Daneben bietet das transparente „Tanzhaus“ (Imprévu Berlin & Friends) „eine Plattform für Instant Composition und Improvisation“, auf der Dorfbühne gibt es kleine Konzerte und für das leibliche Wohl sorgen eine Dorfschänke, ein Café und ein Wirtshaus.

Seit vier Jahren bei den 48 Stunden dabei

Mit dieser Art von Groß-Kunstprojekt zu den 48 Stunden Neukölln sind Eva AM Winnersbach und Cornelia Bördlein mittlerweile ein eingespieltes Team und bereits im vierten Jahr auf dem Richardplatz zu Hause. Die ersten Jahre haben sich die beiden Künstlerinnen auch noch selbst um die Verpflegung gekümmert, aber das sei ihnen zu viel geworden. Die erste Lektion in Sachen Arbeitsteilung hat das Dorf also bereits erreicht.

Dass ihre gemeinsam Projekte einen Mitmach-Charakter haben und einen Fokus auf das Partizipative setzen, haben sie seit dem „Hotel Rix“ zu den 48 Stunden Neukölln 2014 beibehalten. Das temporäre Hotel auf dem Richardplatz war auf so viel Zuspruch gestoßen, dass sie seitdem versuchen, die so unterschiedlichen Besucher des Festivals, aber auch Nachbarn und Anwohner vor Ort, so gut wie möglich einzubeziehen und die Projekte niedrigschwellig zu konzipieren.

Dass die Dorfidylle bis hin zu den Spätzle hier extrem idealisiert und eine sehr klischeehafte Vorstellung des Dorflebens transportiert wird, scheint der Perspektive der Großstädter auf das Landleben immanent zu sein und erinnert ein bisschen an die krampfhaft glückselige Lilalaune-Bauernwelt von „Unsere kleine Farm“. Auch das scheint dem Zeitgeist zu entsprechen. Anderseits kann man für eine Kunst-Utopie auch ruhig einmal träumen und es mit dem Tiger und dem Bär von Janosch halten, die auf der Suche nach Panama, dem Land ihrer Träume, am Ende unwissentlich wieder in ihrem kleinen Häuschen landen und glauben, das Paradies gefunden zu haben.

 

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