von am 14. Juni 2013

Verkehrte Welt: Rentnerinnen und Jugendliche im Rollentausch / Foto: Nick Grossmann

Für das Projekt „Alter Style“ ließen sich zwölf Senioren, die im Rollberg-Kiez zusammen in einem Wohnprojekt leben, fotografisch in Szene setzen.

Alt, allein – und dann ins Heim. Für die so genannten Al-WiG’s (Alleine Wohnen in Gemeinschaft) war das eine unhaltbare Vorstellung. 2007 taten sich die heute 62- bis 75-Jährigen zusammen und suchten gemeinsam nach einer Bleibe, in der sie selbstbestimmt und trotzdem in Gemeinschaft altern konnten. Die Senioren stammen zwar aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands, doch dass es nach Berlin gehen sollte, war für sie klar. Viel mehr jedoch auch nicht. Nachdem sie 50 Wohnobjekte innerhalb des S-Bahn-Rings geprüft hatten, entschieden sie sich für ein Haus im berüchtigten Rollberg-Viertel. Auf den ersten Blick nicht gerade die ideale Umgebung, um gemeinsam alt zu werden. Der zweite Blick aber sprach für den Kiez: Bezahlbare und schöne Wohnungen, ein Aufzug im Haus, das grüne Umfeld und die guten Verkehrsanbindungen überzeugten die Al-WiG’s.

Für das Projekt „Alter Style“ von Nick Großmann und Caroline Bennewitz ließen sich die zwölf Bewohner jetzt auf unkonventionelle Weise fotografisch in Szene setzen. Zu den 48 Stunden Neukölln werden die großformatigen Bilder nicht nur im Morus 14 und im Labor in den Neukölln Arcaden gezeigt, sondern auch als Plakate an Hauswänden im Rollberg-Kiez hängen. Nick Großmann hat den Themenschwerpunkt „Labor des urbanen Alters“ mitentwickelt und widmet sich in seiner Arbeit vor allem sozialen Themen.

Was interessiert dich am Thema urbanes Altern besonders?

Oft entstehen beim Stichwort Alter sofort Assoziationen zu Demenzkranken im Altenheim. Genau das wollten wir aber nicht abbilden. Für uns geht es vielmehr um den Prozess, also um das Alt-Werden innerhalb urbaner Strukturen und nicht alleine um das Alt-Sein. Die Al WiG‘s waren für das Projekt die perfekte Gruppe. Vor zwei Jahren hatten wir das erste Mal Kontakt, als ich im Rollberg-Kiez für die 48 Stunden Neukölln ein Plakatprojekt realisiert habe. Als der Themenschwerpunkt für dieses Jahr dann feststand, sind sie mir wieder eingefallen. Ich fand, dass da noch viel unausgelastetes Potential vorhanden war.

Du fotografierst ausschließlich analog. Warum?
Ich habe einen anderen Zugang, wenn ich analog fotografiere, weil ich wirklich mit den Menschen in Kontakt treten muss. Ich muss nah rangehen und eine Beziehung zu den Fotografierten aufbauen. Caroline und ich arbeiten mit einer alten Großbildkamera. Den Auslöser haben wir in der Hand, das heißt, wir haben die größtmögliche Freiheit beim Fotografieren. Während wir mit den Protagonisten sprechen, können wir auf den perfekten Moment warten und dann abdrücken. Das ist eine ganz andere Qualität als bei der digitalen Fotografie.

Nick Großmann fotografiert ausschließlich analog.

Die Bilder sind alle stark inszeniert. Warum hast du dich für diese Stilrichtung entschieden?
Bei der analogen Fotografie gibt es zwei Möglichkeiten: Dokumentation und inszenierte Fotografie. Das eine ist Realität, das andere eine hergestellte Realität. Ich habe in den letzten Jahren viele Dokumentationen gemacht, zum Beispiel das Leben von Obdachlosen in Vancouver porträtiert. Irgendwie wollte ich diesmal weg davon und hatte bei den 48 Stunden Neukölln auch die Möglichkeiten dazu. Zu inszenieren ist toll, allerdings kann man das nur ab und zu machen, weil das viel Aufwand verlangt und auch viel Budget.

Typisch an der inszenierten Fotografie ist die lange Planungsphase. Wie seid ihr bei eurem Projekt „Alter Style“ vorgegangen?
Es war sofort klar, dass die Al-WiG‘s partizipatorisch miteingebunden werden müssen. Das lief über viele Gespräche, erst in der Gruppe, dann mit den einzelnen Leuten. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie sie das Leben als alte Menschen in Neukölln empfinden und was ihre Assoziationen zum Thema urbanes Altern sind. Oft ging es auch um das Zusammenleben im Alter. Caroline und ich haben dann bestimmte Motive – einen Satz, eine Erinnerung, einen Vergleich – aufgegriffen und daraus ein Konzept gebaut. Die Gruppe an sich hat zu diesem Zeitpunkt dann keine so große Rolle mehr gespielt, weil wir gemerkt haben, dass eine Gruppendynmaik entsteht, die viel verdeckt. Uns war mehr daran gelegen, die Gefühle, Emotionen und Visionen der Einzelnen abzubilden.

Die Al-WiG‘s wohnen ausgerechnet im Rollberg-Kiez, einer Gegend, die den Ruf hat besonders schwierig zu sein …
Der Rollberg – für mich sind das hermetisch geschlossene Betonkreise. Jemand hat mal Wohnmaschine dazu gesagt, eine wunderschöne Bezeichnung dafür. Es is total schwierig einen Zugang zu finden und wenn du dann endlich drin bist, fühlt es sich an wie in einem anatolischen Dorf. Es gibt also neben der architektonischen Barriere, auch eine kulturelle. Durch die geschlossene Architektur ist der Rollberg natürlich auch ein perfekter Brutplatz für kriminelle Energie. Es stimmt, dass es hier vor einiger Zeit extrem viele schwerfällig kriminelle Jugendliche gab und die Ansässigen Angst hatten, tagsüber raus zu gehen. In den letzten Jahren hat sich das aber entspannt – durch das Quartiersmanagement, durch den Förderverein Morus 14, den Aufbau von Kitas und Kultureinrichtungen. Gerade ist ein interessanter Zeitpunkt für den Kiez, weil die Jugendlichen von damals, die eins auf den Deckel bekommen haben und auch teilweise im Gefängnis gelandet sind, langsam wieder zurückkommen. Das Jahr 2013 im Rollberg – man darf gespannt sein, wie es hier weiter geht.

Wie stellt ihr die Situation für die Alten im Rollberg-Kiez konkret in euren Arbeiten dar?
Eine Frau von den Al-WiG‘s hat sich beispielsweise über die Respektlosigkeit von manchen Jugendlichen gegenüber Senioren beschwert. Wir haben uns dann gefragt, wie man die Situation umdrehen könnte und haben einen Rollentausch inszeniert. Zwei Jugendliche wurden wie alte Damen angezogen, die alten Damen wiederum präsentierten sich in Picaldi-Klamotten. Uns war es wichtig, die Stereotype nicht eins zu eins zu transportierten, sondern humorvoll aufzulockern. Klischees einfach nur darzustellen und damit auch zu reproduzieren, widerspricht meiner Philosophie.

Was ist denn deine Philosophie?
Stereotypen haben ihre Berechtigkung. Ich finde als Fotograf immer extrem viel Material in den Stereotypen, aber ich möchte es nicht umsetzen, um sie zu verstärken, sondern ich will sie entkräftigen. Wenn ich es schaffe, ein Konzept zu kreieren, das sich innerhalb des Bildes selbst aufhebt, habe ich etwas Gutes erreicht.

Die Fotoausstellung „Alter Style“ ist im Gemeinschaftshaus MORUS 14 (PAS-07) und im Labor in den Neukölln Arcaden (FLU-11 – 1.OG) zu sehen.
Fr 19 – 22, Sa 12 – 20, So 12 – 1

 

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