von am 17. Oktober 2011

Wilma stellt sich dem Vorwurf der Sterbehilfe – am liebsten kopfüber. Premiere für Sylke Enders Stück „Kokon – Die Anklage lautet Sterbehilfe“ im Heimathafen.

Text: Laura Hamdorf

„Wenn alle Tränen raus sind, beginnt das Drama: Man trocknet von innen aus“, flüstert Wilma ihrem Anwalt zu, ein Flüstern in einer kargen Zelle der Untersuchungshaft: Nichts als zwei Stühle und ein Kissen sind auf der Bühne zu sehen. Dann macht sie einen Kopfstand, seufzt entspannt und versinkt in sich selbst. Konzentriert lauscht sie dem gregorianischen Choral, der sich schwerelos über die Szene legt und krakeelt los: „Lalala“ – laut und falsch.

Autorin und Regisseurin Sylke Enders geht in ihrem Stück „Kokon – Die Anklage lautet Sterbehilfe“ weit darüber hinaus, die Debatte um Sterbehilfe auf die Bühne zu transportieren. Sie formuliert das tiefenpsychologische Protokoll einer Täterin, lässt den Zuschauer gleichsam an dem Prozess teilhaben, wie sich Wilma aus ihrer Taubheit herausschält – ein Prozess in Zeitlupe.

Mit Kopfständen gegen den Hunger

Wilmas innere Austrocknung beginnt mit dem Tod ihrer Eltern durch einen Autounfall, da war sie elf. In der Obhut ihrer herrschsüchtigen Tante weint sie genauso wenig, wie bei deren Krebstod. Taubheit wird ihr Schutz, ihr Kokon. Sie isst nichts mehr, ihren Hunger stillt sie mit Kopfständen oder damit, auf Stühle zu klettern: Das lässt die Welt anders aussehen, das verschafft ihr eine neue Perspektive und Befriedigung, das macht sie einzigartig. Mit leerem Blick und körperlicher Hochspannung verkörpert Katrin Hansmeier diese Figur, macht ihren Kokon dadurch sichtbar für das Publikum.

Bis heute ist Sterbehilfe in Deutschland nicht strafbar – solange es als „Beihilfe zum Suizid“ gilt, seit Beginn der Debatten vor einigen Jahren hat die Patientenverfügung immer mehr an Bedeutung gewonnen. Doch der Tote in diesem Stück hat keine Patientenverfügung verfasst. Dafür war es irgendwann zu spät – als er bereits gelähmt war und nur noch die Augen bewegen konnte. Acht Monate betreute ihn Wilma, seine Pflegerin im Pflegeheim, brachte ihm das Augenalphabet bei, aus dem sie nun die Gewissheit schöpft, er habe sterben wollen. Doch beweisen kann sie seinen Willen natürlich nicht.

„99% der Sterbehelfer haben Geltungsdrang und sind nicht fähig zur Empathie“ rattert der Anwalt seiner Mandantin vor. Er rutscht auf seinem Stuhl herum, hantiert hektisch mit einem Notizbüchlein und zupft ständig seine Krawatte zurecht. Axel Schrick, 41, haucht seiner Figur eine Prise Slapstick ein und erschafft so die federleichte Überzeichnung eines emotional verdorrten Bürokraten. Dieser will Wilma provozieren, ihr Motiv herausfinden, warum sie dem gelähmten Mann eine Überdosis Morphium gespritzt hat und warum gerade das Opfer der Auserwählte gewesen sei. Und dann interessiert ihn noch, ob nun ihre Hemmschwelle für weitere Morde nach der ersten Tat gesunken sei. Wilmas Antwort: Einsilbigkeit und ein kerzengerader Rücken.

Tragische-komisches Beziehungsgeflecht: Das vorbestimmte Aus kommt im Doppelpack. Foto: Heimathafen Neukölln

Auf zaghafte Weise nähern sich Wilma und ihr Anwalt jedoch an – in vielen Gesprächen, die mitunter auf absurde Art missglücken und eine willkommene Zäsur in all der Beklemmung schaffen. Sie entwickeln vorsichtiges Vertrauen. Verhöre werden zu Bekenntnissen, beiderseits. Zuletzt ein starrer Kuss. Es ist Poesie, mit der sich Sylke Enders zwei betäubten Seelen nähert, mit der sie auch den schmalen Grad zeichnet –  zwischen Vertrauen und Angst.

Sowohl Wilma als auch der Anwalt führen Beziehungen mit anderen Partnern, diese Beziehungen sind eigentlich längst zugrunde gegangen, das will sich nur keiner eingestehen. Eine Parallele, die durch die Doppelbesetzung der Bühne ins Bewusstsein gehämmert wird, obwohl es das gar nicht nötig hat: Die Erstarrung des jeweils passiven Paares zeigt zwar die erstarrte Routine, bringt aber den Fluss des Stückes zum Stocken.

Schutz-Kokon aus Aktenordnern und Paragraphen

Wilma streitet sich zuhause mit ihrem russischen Freund Sascha, der ihre Kühle nicht mehr erträgt und zuschlägt. „Hab auch Mitleid mit mir, wehr dich verdammt!“ schreit er sie an, mehr aus Verzweiflung als aus Wut. Doch sie redet nicht, braucht viele eher seine körperliche Stärke, um ein Gegengewicht zu ihrer Taubheit zu finden. Es ist das schönste Bild des Abends, der Moment in dem sie dieses Gegengewicht kurz findet: wie ein Hund fleht er auf allen Vieren um Zuwendung, knabbert an ihrem Bein, bis sie lächelnd nachgibt. Sie beugt sich über ihn, legt sich sanft auf seinen Rücken und lässt sich tragen von der Wärme seines Körpers, fast wirkt sie schwerelos.

Die Beziehung des Anwalts hingegen gestaltet sich, passend zu seiner unbeholfenen Figur, als Tragikomödie: „Du hast mal gesagt, das sexuell Anziehendste an mir sei mein Hirn“, wirft sie ihm vor. „Das stimmt“, entgegnet er fahrig. Ihr ungläubiges Gesicht entgeht ihm, da er den Blick nicht von seinem Laptop abwendet. Auch er hat sich einen Schutz-Kokon gebaut. Im Gegensatz zu Wilmas, besteht seiner aus Aktenordnern und Paragraphen.

„Ich will sterben, ich will gerettet werden“ schreit Wilma mit ausgebreiteten Armen ins Halbdunkel hinein. Ihre Rettung ist das Urteil, das am Ende des Stückes steht. Ein Urteil, das sie befreit. Die Tränen sind zurück, die innere Dürre ist vorbei. Dieses Finale untermalt das Bühnenbild mit einer so simplen wie effektiven Lösung: Es schneit Lichterflocken, endlich fällt die Kälte von Wilma ab.

„Kokon – die Anklage lautet Sterbehilfe“, weitere Vorstellungen am 20., 21., 22., 23., 26., 27. und 28.10. jeweils um 20.30 Uhr im Heimathafen Neukölln, Karten 15 Euro, ermäßigt 10, Tickethotline: 030.61101313.

 

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