von am 20. April 2013
Savvy Contemporary

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Saskia Köbschall vom Projektraum SAVVY Contemporary. Bild: Tuleka Prah

Rixdorf blickt auf eine lange Geschichte der Migration und des kulturellen Austauschs zurück. Mitten am Richardplatz befindet sich der Projektraum SAVVY Contemporary, der es sich zum Ziel gesetzt hat, gewohnte Perspektiven zu erweitern.

SAVVY Contemporary ist einer von sieben Projekträumen, die vom Berliner Senat in diesem Jahr ausgezeichnet worden sind. Der Preis ist mit jeweils 30.000 Euro dotiert – viel Geld für die Kunstorte, die normalerweise mit minimalem Budget auskommen. Das Team von SAVVY plant mit der Summe unter anderem den Umzug in größere Räume zu finanzieren. In Rixdorf will man weiterhin bleiben, auch aus dem Grund, dass dieser Ort mit seiner 375-jährigen Migrationsgeschichte gut zum Programm von Savvy passt. In den Ausstellungen, Lectures, Performances, Filmvorführungen und Konzerten treffen westliche auf nicht-westliche Künstler. Ihre Arbeiten werden gleichberechtigt nebeneinander gezeigt, was in der Kunstwelt noch keine Selbstverständlichkeit ist. Worauf es dabei ankommt und was die Hintergründe des Kunstraums sind, erklären SAVVY-Gründer und künstlerischer Leiter Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und die Managerin Saskia Köbschall.

Bonaventure, du bist eigentlich Naturwissenschaftler. Wie hast du angefangen Ausstellungen zu kuratieren?
Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Ich hatte anfangs ein starkes Interesse an Malerei. Mein Zugang kam auch durch Bücher, ich bin mit einer sehr großen Bibliothek aufgewachsen. Aber bewusst ging es circa 2006 los, als ich mit Leuten in der Kunstszene in Berlin gesprochen habe und Sätze gefallen sind wie: „Wir wollen über zeitgenössische Kunst sprechen, nicht afrikanische Kunst“ – als ob afrikanische Kunst nicht zeitgenössisch sein könnte. Ich hatte einfach den Eindruck, dass die Reflektionen im Kunstbereich zu eurozentristisch sind und dass ich durch meine kuratorische Arbeit einen neuen Impuls setzen könnte. Ich wollte über die Ideen und Philosophien von Frantz Fanon, Stuart Hall, Cheichk anta Diop oder Edouard Glissant im Kontext des Ausstellungsmachens sprechen, aber gleichzeitig über Jacque Derrida, Judith Butler oder Michel Foucault.

Wie war deine erste Ausstellung?
Ndikung: Das war 2007 in Friedrichshain, ein eiskalter Abend, und es sind circa 400 Leute zur Eröffnung gekommen. Da war mir klar: Das trifft einen Nerv. Ich habe verschiedenen Institutionen Themen für Ausstellungen vorgeschlagen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich die Leute zu sehr überzeugen muss. Da bin ich auf eine große Bequemlichkeit gestoßen. Also wollte ich lieber mein eigenes Ding machen, und so kam SAVVY Contemporary. Von hier aus entwickeln wir auch Projekte, die an anderen Orten stattfinden.

Auf was kommt es dir bei der Auswahl der Künstler an?
Ndikung: Ich arbeite meist thematisch und reflektiere mit den Künstlern zusammen. Ich lade auch immer Künstler ein, die bereits zu einer bestimmten Thematik arbeiten. Es geht ja nicht darum, dass sie meine Ideen illustrieren sollen. Wenn ich Ausstellungen mache, zeige ich Kunst aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Nicht um etwas zu repräsentieren, sondern um andere Perspektiven zu zeigen, andere Diskursströmungen entstehen zu lassen. Es ist immer ein Versuch eine 360° Sicht auf eine bestimmte Thematik zu ermöglichen. Oft kommt die Auswahl eher zufällig zustande, indem ich zu einer bestimmten Fragestellung recherchiere und dann auf interessante Künstler stoße. Dann besuche ich sie im Studio und schaue mir an, wie sie arbeiten. Aber es kommt auch vor, dass ich verschiedene Leute im Kopf habe, bei denen es Überschneidungen gibt und die ich zusammenbringen möchte. Es gibt auch einige Künstler, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite und wir wachsen gemeinsam.

Das stelle ich mir als eine Herausforderung beim Kuratieren vor, inwiefern man sein Netzwerk immer wieder bedient und wie oft man neue Künstler zeigt.
Ndikung: Aus diesem Grund laden wir auch viele Kuratoren von außen ein, die ein anderes Netzwerk mitbringen. Das sorgt für neue Impulse. Aber es gibt Leute mit denen man einfach sehr gut zusammen denken kann. Und da ich als Kurator auch einen gewissen roten Faden in meiner Arbeit habe, kann es vorkommen, dass ich mit einigen Künstlern wiederholt arbeite.

Die letzte Ausstellung bei SAVVY Contemporary entstand in Zusammenarbeit mit dem Neuköllner Robert-Koch-Gymnasium. Was war dabei euer Ansatz?
Saskia Köbschall: Das machen wir einmal im Jahr, dass wir Schulen aus der Nachbarschaft einladen. Dieses Mal ging es um Essen und es waren richtig gute Arbeiten dabei. Und es hat wieder einmal ganz andere Leute zu SAVVY Contemporary gebracht.
Ndikung: Uns ist wichtig, auf diese Weise die eigene Suppe zu verlassen. Und gerade in der Arbeit mit Kindern entdeckt man so viel Neues. Wir haben dabei keine pädagogischen Ambitionen. Es ist wirklich ein Austausch zwischen uns und den Schülern.

Wie wollt Ihr SAVVY Contemporary finanziell weiter tragen?
Köbschall: Wir planen Residencies anzubieten und den Raum auch für Veranstaltungen zu vermieten.
Ndikung: Wir wollen mehr Künstler-Editionen herausgeben und mehr Veranstaltungen machen, aber ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Und das ist ein schmaler Grat. Die Idee von Non-Profit ist ein Märchen. Die Miete muss bezahlt werden und ebenso unsere Arbeit. Non-Profit bedeutet nicht, dass man verhungern soll. Es soll sich tragen und da überlegen wir uns Strategien. Wir wollen auch verstärkt Vereinsmitglieder anwerben. Es muss den Leuten klar sein, dass wenn die zu diesem Experiment SAVVY Contemporary nicht finanziell beitragen, dann wird der Ort verschwinden.

Aber ihr werdet jetzt nicht plötzlich eine Galerie, die Kunst verkauft…
Ndikung: Werden wir nie. Dazu ist unser Ansatz wohl ungeeignet: Wer auf schnelles Geld aus ist, wird nicht unbedingt auf Performances setzen. Und uns sind Konzepte zu wichtig. Ob Arbeiten sich gut verkaufen, ist für uns kein Kriterium. Es geht darum, ob sie für einen bestimmten Diskurs stehen. Ich hätte gerne ein Projekt, das einen festen Sitz bei SAVVY Contemporary hat, das man zum Beispiel über zwei Jahre entwickelt und regelmäßig gibt es dazu Vorführungen.

Wie eine Pflanze die wächst und man schaut dann immer wieder, wo ein neuer Trieb gewachsen ist?
Ndikung: So in etwa. Dafür würde ich dann auch Eintritt verlangen. Ich meine, für jeden Poetry Slam zahlt man ein paar Euro Eintritt, aber für Performances ist niemand bereit etwas zu bezahlen.

Was sind die Pläne für den neuen Raum?
Köbschall: Der neue Raum ist sehr wichtig für unsere weiteren Pläne. Die Bibliothek soll endlich einen festen Platz bekommen und ebenso SAVVY – Doc, unser Performance Documentation Center. Das Gleiche gilt für das „Colonial Neighbour“ Archiv, worin wir uns künstlerisch und akademisch mit der Deutschen Kolonialgeschichte auseinandersetzen. Solange wir beides nicht ausstellen können, gibt es auch keine Möglichkeit, dafür Förderung zu bekommen.

Wie habt ihr die Bibliothek zusammengetragen?
Ndikung: 90% der Bücher habe ich irgendwann gekauft. Ein paar haben wir als Spende von Verlagen, wie z.B. dem Revolververlag bekommen oder auch vom Kunstraum Kreuzberg und dem nbk zum Beispiel. Aber da kann man noch aktiver werden. Wir werden bei ausländischen Kulturinstituten anfragen, oder auch bei Botschaften, um einfach mehr Bücher aus dem Nicht-Westen hier zu versammeln. Die findet man nämlich sonst in keinen Bibliotheken.

Wie ist die thematische Ausrichtung?
Ndikung: Wir wollen kritische Publikationen. Historische Bücher, kunsttheoretische Bücher, Monografien von Künstlern, Ausstellungskataloge, wenn sie besonders gut sind. Aber auch Zeitschriften. Es ist super spannend zum Beispiel mal in alte Kunstforum-Ausgaben reinzuschauen. Aber genauso spannend sind Zeitschriften wie Revue NAQD aus Algerien oder ABBIA aus Kamerun. Vergleichbares gibt es überall in der Welt. So was muss man zeigen.
Köbschall: Aber in Berlin ist das kaum zu finden.

Es gibt sicherlich viele Leute, gerade hier im internationalen Neukölln, die da noch spannende Sachen im Keller haben.
Ndikung: Genau, und das ist auch der Ansatz unseres Projekts „Colonial Neighbours“, für das wir Gegenstände und Dokumente zur deutschen Kolonialgeschichte sammeln wollen. Alben, Postkarten, Tagebücher… normalerweise ist es ja so, wenn jemand stirbt, werden solche Dinge weggeschmissen oder landen auf dem Flohmarkt. Da geht so viel Geschichte verloren. Wir wollen das mit Anthropologen, Historikern und auch Künstlern analysieren, kontextualisieren und ein Archiv aufbauen.

In Berlin befassen sich verschiedene Ausstellungshäuser ebenfalls mit Kunst aus dem Nicht-Westen. Wie grenzt ihr euch davon ab?
Köbschall: Es sollte eigentlich gar nicht die Frage sein, woher die Künstler kommen. Es sollte vielmehr selbstverständlich sein, dass Kunst aus allen Ländern gleichberechtigt nebeneinander gezeigt wird.
Ndikung: Ich habe schon das Gefühl, dass sich viel getan hat. Es gab in letzter Zeit einige Ausstellungen mit Künstlern aus dem Nicht-Westen in Berlin. Im großen Ganzen ist das gut. Wobei manches davon schon sehr auf der Revolutions-Welle im arabischen Raum mitgeschwommen ist. Oder als es die Fußball-WM in Südafrika gab, schrieben die Magazine plötzlich über Kunst aus Südafrika. Das finde ich blödsinnig. Es sollte ganz normal sein, in den Kunstmagazinen Kunst aus Burma, Kamerun, China, oder sonstwo neben Kunst aus Europa und Amerika zu sehen. Da wird noch viel zu sehr in festen Kategorien gedacht. Dazu habe ich vor kurzem eine tolle Arbeit gesehen von Leila Pazooki, einer iranischen Künstlerin. Sie schreibt mit Neonröhren zum Beispiel „Indian Damian Hirst“ oder „Japan’s Andy Warhol“. In der Kunstszene in den westlichen Ländern wird oft genauso gedacht. Man ist faul zu recherchieren und vergleicht bzw. referenziert immer mit dem, was man kennt.
Köbschall: Andererseits passiert auch das Gegenteil: Oft gibt es Ausstellungen zum Thema „Kunst aus Afrika“, oder „Filme aus Brasilien“, und dann sieht man die Arbeiten wieder nur in diesem Kontext. Künstler aus dem Nicht-Westen wissen oft alles über Kunst aus Amerika und Europa, aber gleichzeitig auch über ihre Kultur. Daraus entwickeln sich oft ganz spannende Perspektiven. Und viele Institutionen in Berlin sprechen nicht unbedingt das Kunstpublikum allgemein an, sondern eher Leute, die sich ganz gezielt für nicht-westliche Kulturen interessieren. Manche Künstler wollen an diesen Orten aus dem Grund nicht ausstellen, weil sie nicht in eine „Multi-Kulti“-Ecke gesteckt werden wollen oder weil es eine gewisse koloniale Geschichte gibt.

Heute am 20.4.2013 eröffnet um 19 Uhr die neue Ausstellung „Anybody Who Is Disturbed by Flow of Information“ bei Savvy Contemporary. Die Kuratorin Jung Me Chai bringt darin die Künstler Yunchul Kim und Jan Peter E.R. Sonntag zusammen, die beide an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeiten.

SAVVY Contemporary
Richardstr. 43/44
http://www.savvy-contemporary.com/

 

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