von am 6. Mai 2013

Am 16. Mai soll das „Barbie Dreamhouse“ in Berlin eröffnet werden. Die Linksjugend Kreuzkölln ruft zu Protesten gegen das Haus auf und möchte auf das Phänomen der „Pinkifizierung“ aufmerksam machen.

Sie trägt fast nur pink und interessiert sich nur für Konsum – Mode, Schminke und Shopping. Sie sieht großartig aus und obwohl sie unverheiratet ist, ein Haus und ein Auto besitzt, ist sie doch das Symbol für den Schönheitszwang und die aufgezwungene Geschlechterrolle der Frauen: die Barbie.

In der Geschäftsstelle der LINKEN in der Wippertstraße in Neukölln gibt es einen Namen für diese Marketingstrategie: „Pinkifizierung“. Das Thema steht am Freitagabend ganz oben auf der Prioritätenliste. Aufhänger ist das „Barbie Dreamhouse®“ in der Nähe des Alexanderplatzes, das zum 16. Mai mit einer etwa viermonatigen „Erlebnisausstellung“ auf 2500 qm eröffnet werden soll. Zusammen mit anderen Organisationen wie „Pinkstinks“ rufen Mitglieder der „Linksjugend [’solid] Kreuzkölln“ dagegen zu Protesten auf.

Etwa 20 ’solid-Mitglieder zwischen 16 und 27 Jahren sitzen in der Geschäftsstelle, einem kleinen Erdgeschossraum in Neukölln. Die Wände sind voll mit Flyern und Postern der Linkspartei, ein Kalender zählt die Tage bis zur Wahl. Frauen und Männer halten sich die Waage, einfarbige Kapuzenpullis und T-Shirts dominieren das Bild. Freundliche Gesichter reichen eine Kekspackung über die zu einem Kreis gestellten Tische. Michael Koschitzki, der älteste der jungen Runde, gibt eine Einführung zum Thema.

Pink als Marketinginstrument

Pinkifizierung ist die aggressive Marketingstrategie, nach der Kinder alternativlos in Jungen (blau) und Mädchen (rosa) eingeteilt werden. Rosa wird dabei als ruhig, besänftigend und einfühlsam gesehen. Micha glaubt jedoch, dass „Frauen nicht rosa tragen, weil sie diese Charaktereigenschaften haben, sondern weil die Rollenvorstellungen der Frau ihnen eben diese aufzwingt.“ Während Männer im Erwachsenenalter keiner klaren Farbe mehr zugeordnet werden, gibt es für Frauen pinke iPods, Digitalkameras und Kopfhörer. Der Aggressionsabbau für Jungs findet über das Kriegsspielzeug statt, während die Mädchen früh lernen, dass sie ihre Aggressionen nicht zeigen dürfen. „Das schlägt sich unter anderem“, so Micha, „in der hohen Rate der Essstörungen unter Frauen nieder.“

Ursprünglich war die Barbie in den 1950er Jahren in den USA als eine bewusste Alternative zu den Babypuppen gedacht, die nur auf die Mutterrolle vorbereiten sollten. Angekommen in der Gegenwart hat die Puppe aber in Sachen Feminismus mehr oder weniger versagt. Ein großer Kritikpunkt am Barbie-Imperium Mattel äußert sich darin, dass bereits der Spieltrieb der Kinder ausgenutzt wird, um zu verkaufen. Wer mit Barbie spielen will, der braucht Zubehör.

Micha wirkt ein wenig wie der Kopf der Gruppe, er ist ein guter Redner, ein gebildeter Mensch, zu dem man schnell Vertrauen fasst. „Hier ist eigentlich keiner der Kopf, wir haben alle gleich viel zu sagen, ich hatte nur als einziger oft Zeit, wenn die Presseanfragen kamen“, sagt er fast schon entschuldigend. Mit der Frage, wie man die Pinkifizierung bekämpfen könnte, eröffnet er die Diskussionsrunde.

Es geht nicht allein um die Farbe, sondern das Rollenbild der Frau

Nach eineinhalb Stunden gepflegten Meinungsaustauschs – jeder darf ohne Zwischenrufe aussprechen, alle bleiben sachlich – ist man sich einig, dass die große „pinke“ Nachfrage weiterhin existieren wird. Das Besetzen der Farbe pink, wie bei Pussy Riot sei ein guter Ansatz, doch in der Praxis lasse sich die Idee nur schwer umsetzen. Es geht nicht allein um die Farbe pink, sondern um das Rollenbild der Frau, das ist schnell klar: Die Veränderung müsse in der Gesellschaft stattfinden. Dass Mattel seine höchst erfolgreiche Marketingstrategie aufgrund einiger kleiner Proteste ändern werde, sei unwahrscheinlich. „Die finale Antwort“, so gibt der 25-jährige „Steini“ offen zu, „habe ich natürlich auch nicht“.

Eine einfache und klare Antwort auf die Frage nach dem richtigen Rollenbild der Frau zu finden, gestaltet sich schwierig. Manche Frauen würden sich auch ohne Konsumgesellschaft für Mode und Make-Up interessieren. Und die Barbie wird es wohl noch lange geben. Die Seite des Menschen, die eine perfekte Traumwelt verlangt, ist ein Teil der meisten von uns, versteckt hinter einer Fassade oder offen zur Schau getragen.

Vielleicht geht es auch gar nicht vorrangig um das Barbie-Traumhaus. Sondern darum, eine Gruppe zu finden, die Freunde, Unterstützer, Gesprächspartner und neue Perspektiven bietet. Echte Menschen eben, mit denen man auch die echten Probleme außerhalb von Malibu durchsteht. Und da wird Barbie sowieso nie mithalten können.

 

2 Kommentare:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.