von am 6. Mai 2011

Skurriles im Neuköllner Stadtbad: Die Unterwasseroper AquAria_PALAOA lädt zu einem experimentellen Klangerlebnis, das die Antarktis in das antike Ambiente der alten Schwimmhalle holen will.

Stickig ist es in der großen Halle des Neuköllner Stadtbads. Es dauert einen Moment bis man sich an die schwül-heiße Luft gewöhnt hat und die beeindruckende Kulisse des neoklassizistischen Gebäudes wahrnehmen kann. Majestätische Säulen, Wandelgänge und kleinteilige Mosaiken erinnern an antike Tempelarchitekturen und verleihen dem Raum eine anmutige, beinahe sakrale Atmosphäre. Während diese zu den Zeiten des täglichen Badebetriebs zwischen dem Geschrei planschender Kinder und dem Gespritzte ehrgeiziger Bahnenzieher untergeht, ist sie jetzt, in der Stille nach Badeschluss, präsenter denn je. Eine ungewöhnliche Uhrzeit für einen Schwimmbad-Besuch, aber für die Gäste ist heute auch Abendgarderobe statt Bikini, Burkini und Badehose angesagt. Auf der umlaufenden Empore stehend, werden sie Zeugen einer außergewöhnlichen Premiere: Eine Unterwasseroper mit dem melodiösen Titel AquAria_PALAOA erlebt heute ihre Uraufführung.

Der Titel ist Programm, denn PALAOA ist das hawaiianische Wort für „Wal“ und gleichzeitig der Name einer wissenschaftlichen Horchstation mitten im antarktischen Ozean, auf der Forscher die Gesänge von Meeressäugern untersuchen. Ein Bereich der Meeresbiologie, der mit seinen Erkenntnissen noch ganz am Anfang steht. Für die Mezzosopranistin und frühere Leistungsschwimmerin Claudia Herr, die gleichzeitig künstlerische Leitung und die Hauptrolle der Produktion übernimmt, waren die mysteriösen Gesänge von Walen und Robben der Ausgangspunkt für eine intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Unterwassermusik. Immer auf der Suche nach neuen Klangräumen, war sie begeistert von der Idee, genau wie die Meeresbewohner unter Wasser zu singen.

Wenig Handlung und ganz viel Klang

Bis man das Ergebnis ihres jahrelangen Experimentierens zu hören bekommt, muss man sich im Neuköllner Stadtbad jedoch etwas gedulden. Zunächst spielt sich die Handlung nämlich über Wasser ab. Zwei Solistinnen, ein Schauspieler, zwei Chöre und einige Musiker sitzen am Beckenrand, stehen im seichten Wasser oder wandeln zwischen den Säulen der Halle umher. Die dumpfen Klänge der Tuba, ergänzt durch Cello, Trompete und Schlagwerk, vermischen sich mit echten Tonaufnahmen aus der Antarktis, auf denen unter anderem die Gesänge der Weddellrobben zu hören sind. Inmitten dieser sphärischen Klangwelt entwickelt sich eine etwas undurchsichtige Handlung, die auf die kritische Hinterfragung des Ideals der Ewigen Jugend abzielt. Eine alte und eine junge Frau (Regina Jakobi und Claudia Herr) stehen sich gegenüber: Während für Erstere das Altern kein Problem darstellt, verfällt die junge Frau aus Traurigkeit über die Vergänglichkeit der Jugend der Schwermut – symbolisch verkörpert in der Figur des garstigen Schwertwals (Anders Kamp).

Um die Handlung geht es in AquAria_PALAOA letztendlich auch gar nicht so sehr, zumal die komplizierten akustischen Bedingungen in der alten Schwimmhalle das Verständnis der Texte (Monika Rinck) ohnehin erschweren. Viel wichtiger erscheint die musikalische Gesamtwirkung, das experimentelle Spiel der Sänger und Instrumentalisten mit den Klängen aus der Antarktis – zunächst über, und schließlich auch unter Wasser.

Sängerin auf Tauchstation

Ausgerüstet mit Sauerstoffflasche und Mundstück schreitet Claudia Herr im meeresblauen Gewand schließlich die breiten Treppenstufen hinunter ins tiefere Wasser, taucht unter und… beginnt zu singen! Im Wasser hängen sogenannte Hydrophone, an Lautsprecher angeschlossene Unterwasser-Mikrophone, mit deren Hilfe die Töne für den Zuschauer auf der Empore wahrnehmbar werden. Und dort hört man sie dann tatsächlich, die Stimme der Mezzosopranistin, nur viel leiser als zuvor. „Durch das Wasser verringert sich die Lautstärke der Töne um 30 Dezibel“, erklärt Bühnenbilder Lars Reimers die speziellen Klangverhältnisse. Ganz weit weg scheint Claudia Herrs Stimme plötzlich zu sein, als käme sie aus einer anderen Welt. Der Welt der Antarktis vielleicht, die ohnehin omnipräsent ist an diesem Abend im Neuköllner Stadtbad. Denn um die unwirtliche Atmosphäre des Südpols an den Aufführungsort zu transferieren, griff das Team nicht nur auf die Tonaufnahmen und den Unterwassergesang zurück. Da zieht schon mal der antarktische Himmel in Form einer Videoprojektion am Neuköllner Tonnengewölbe vorüber und der Wissenschaftler der PALAOA-Horchstation wird per Live-Telefonat zu seiner Forschung befragt.

Kooperation von Kunst und Wissenschaft

Was zunächst unwahrscheinlich klingen mag, funktioniert in der Praxis tatsächlich sehr gut: Die Kooperation zwischen Kunst und Wissenschaft. Mit 10 000 Euro fördert das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven die Unterwasseroper. Dabei versprechen sich die Forscher von dem Projekt nicht nur eine Sensibilisierung des Publikums für meeresbiologische Themen, sondern ziehen auch konkreten wissenschaftlichen Nutzen aus den Erkenntnissen der Sängerin. „Da die Kehlkopf- und Stimmanatomie der Weddellrobben derjenigen des Menschen sehr ähnlich ist, können meine Erfahrungen beim Singen unter Wasser den Meeresbiologen Indizien für ihre Forschung geben“, erläutert Claudia Herr.

Verrückt. Der Mensch als entfernter Verwandter der großen Meeresbewohner? Wenn man der Sopranistin zuhört, bekommt man wirklich den Eindruck, dass da gar nicht so viele Evolutionsstufen dazwischen liegen. Denn: Das Singen unter Wasser macht ihr vor allem „ganz viel Spaß“. Und eben das vermuten die Forscher inzwischen auch von den Meeressäugern: Ihre Gesänge dienen wohl nicht nur der Befriedigung von funktionalen Bedürfnissen wie der Nahrungs- oder Partnersuche, sondern auch ganz einfach dem Vergnügen.

Diese Begeisterung braucht man vermutlich auch, um ein solch exzentrisches und technisch aufwändiges Projekt trotz aller bürokratischen und finanziellen Hürden erfolgreich umzusetzen. Wenn Claudia Herr nach 60 Minuten amphibischem Klangexperiment inmitten des menschlichen Weddellrobbenchores auf der Wasseroberfläche schwimmt, dann hat man durchaus das Gefühl, Zeuge von einem originellen Opernprojekt geworden zu sein. Die antarktische Atmosphäre aber, die wollte sich bei den gefühlten 40° C Raumtemperatur auf der Zuschauer-Empore nicht wirklich einstellen.

Weitere Aufführungen am 7., 14. und 21. Mai, am 15. und 16. Juni sowie am 10. und 17. September. Informationen und Karten unter http://www.unterwasseroper.de

 

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