von am 14. Januar 2013

Aurelia Paumelle in ihrem Studio, Foto: Lansky Le vrai

Die Designerin Aurelia Paumelle entwirft in Neukölln Männermode, die auch Frauen gut steht. Ein Gespräch über türkische Schneider, Pariser Chic und Model-Castings in der Panorama Bar

neukoellner.net: Aurelia, du hast seit kurzem deinen Arbeitsplatz in der alten Kindl-Brauerei. Warum hier?
Aurelia Paumelle: Ich hatte ein großes Studio am Paul-Linke-Ufer, 200 Quadratmeter, zusammen mit einigen Freunden. Aber der Besitzer hat das Haus an ein Fitnessstudio verkauft und uns von einem Tag auf den anderen rausgeschmissen. Ich wohne in einer kleinen Einzimmerwohnung, in der ich nie meine ganzen Sachen untergebracht hätte, also habe ich einen Laster gemietet und erst einmal alles darin verstaut. Ich brauchte ganz schnell neue Räume und da hat sich das hier ergeben. Aber du siehst ja, wie eng es hier ist, und dafür ziemlich teuer.

Also suchst du nach etwas neuem?
Ja, und ich möchte auf jeden Fall in der Umgebung bleiben.

Was gefällt dir an Neukölln?
Es ist hier zwar auch tough, aber die Leute in Neukölln haben so eine süße, positive und helfende Seite. Hier mischen sich viele Kulturen und das macht die Menschen flexibel. Mittlerweile habe ich mir ein gutes Netzwerk aufgebaut. Auf dem Markt am Maybachufer weiß ich genau, wo ich gute Stoffe kaufen kann, und ich kenne einen Techniker, der meine Nähmaschinen repariert. Oft arbeite ich mit einem türkischen Schneider in der Reuterstraße zusammen. Er kann zwar nicht wirklich gut englisch und ich spreche nicht so gut deutsch, aber haben einen Draht zueinander.

Wie bist du auf ihn gekommen?
Jemand hat ihn mir empfohlen, als ich dringend Hilfe bei der Verarbeitung von Leder brauchte. Mit meiner Maschine kann man kein Leder nähen und ich war total nervös und gestresst, als ich in seinen Laden gekommen bin. Er hat mich erst einmal beruhigt und sich sehr viel Mühe gegeben, mir zu helfen, allerdings hatte er dasselbe Problem wie ich. Von da an haben wir uns gut verstanden und ich komme oft zu ihm, arbeite manchmal sogar neben ihm. Oft ist es zwar teurer, in kleinen Betrieben nähen zu lassen, aber es ist eben viel persönlicher und zufriedenstellender, auch was die Qualität angeht.

In Paris hast du als Schnittdirektrice für berühmte Haute Couture-Häuser gearbeitet, wie Sonia Rykiel, Galliano oder Yves Saint Laurent. Warum hast du dich dafür entschieden, das aufzugeben und in Berlin ein eigenes Label zu gründen?

Aus der nächsten Kollektion von Aurelia Paumelle, Foto: Lansky Le vrai, Model: Nicolas Heimburger

Nun, in Paris hatte ich einen guten Job, ich habe für tolle Firmen gearbeitet und auch gut verdient, was in Paris ja nicht selbstverständlich ist. Aber ich war nie wirklich zufrieden, denn in diesen großen Häusern bist du nur einer von vielen. Ich habe das gebraucht, um zu lernen, wie man mit verschiedenen Stoffen richtig umgeht etwa. Irgendwann wollte ich eine neue Herausforderung. Berlin ist natürlich auch kein Paradies, aber im Vergleich zu Paris ist das Leben hier viel einfacher.

In welcher Hinsicht?
Ich fühle mich in Berlin einfach mehr ich selbst. Man hat nicht so viel sozialen Druck und muss sich nicht die ganze Zeit in Schale werfen. In Paris dreht sich alles darum, wie du aussiehst, woher du kommst, wo du arbeitest und so weiter, das fand ich total stressig.

Hast du dich in Berlin gleich selbstständig gemacht?
Nein, ich habe erst als Schnittdirektrice für einen Designer in Mitte gearbeitet. Da habe ich viel über Männermode gelernt und hatte auch ein kleines Team unter mir. Aber nach ein paar Monaten ist er in finanzielle Schwierigkeiten gekommen und ich habe so wenig verdient, dass ich dachte, da kann ich genauso gut mein eigenes Label aufmachen und so arbeiten, wie ich will. Das ist jetzt genau zwei Jahre her.

Dunkle Farben, lässige Schnitte. Foto: Lansky Le vrai, Model: Johnny Foreigner

In welche Richtung geht deine nächste Kollektion?
Da wird es zum Beispiel Cardigan-Jacken geben, sehr casual, aber je nachdem, wie man sie knöpft, sind sie etwas schicker. Die stehen auch Mädchen, als „Boyfriend Style“ sieht das mit einer engen Hose zum Beispiel sehr gut aus. Dann gibt es „Winter Shorts“, die man mit einer Leggings darunter tragen kann. Eine andere Hose ist wie eine Jogginghose geschnitten, aber aus Anzugstoff, was genauso zu Sneakern wie zu schicken Stiefeln passt. Ich mag es, wenn die Leute meine Kleidung nach ihren Vorstellungen interpretieren können. In Paris war ich etwas traumatisiert davon, dass alles genauso getragen werden muss, wie es die Designer vorschreiben, sehr konform, sehr streng. Dabei geht die Persönlichkeit der Leute verloren. Man soll sich doch in dem wohlfühlen, was man anhat. Meine Entwürfe sollen deshalb locker sitzen, aber die Eleganz des Körpers spürbar werden lassen.

Die Models, die man auf deinen Fotos und auf dem Catwalk sieht, haben mich sehr an die typischen Besucher von Panorama Bar und Berghain erinnert.
Ich gehe gerne in die Panorama Bar, um zu feiern und um Freunde zu treffen, und oft spreche ich auch Jungs auf der Tanzfläche an, ob sie Lust hätten für mich zu modeln. Würde ich mich an Modelagenturen wenden, schicken die mir auch ganz klassische Model-Typen. Ich will lieber Jungs von der Straße. Außerdem muss ich alles mit wenig Budget machen, das ist nicht ganz einfach. Darum arbeite ich zum Beispiel mit Fotografie-Studenten, die die Bilder dann für ihr Portfolio nehmen. Das klappt auch ganz gut so, aber langsam wird es auch anstrengend.

Wie stellst du dir deine nächsten Schritte vor?
Ich präsentiere meine neue Kollektion während der Fashion Week auf der Messe Seek vor und hoffe, dadurch ein paar Einzelhändler zu finden, die meine Sachen verkaufen. Toll wäre es, Assistenten zu haben, die ich angemessen bezahlen kann. Außerdem stelle ich mir eine Kollaboration mit Künstlern vor, zum Beispiel eine Installation mit Kleidern. Im Sommer plane ich eine Modenschau in Neukölln. Irgendwo auf der Straße am liebsten, um auch Leute aus der Nachbarschaft zu erreichen, die sich vielleicht nicht so für Mode interessieren.

http://aureliapaumelle.com/

 

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