von am 30. August 2017

An Mexiko hat JATA gute Erinnerungen – und hat sein Debut-Album genauso genannt. (Foto: JATA Press)

Am 1. September 2017 erscheint das Debüt-Album „Mexico“ des Ex-Neuköllner Künstlers JATA. Der Musiker lebt inzwischen in England, ist aber für sein Album-Release zurück in Deutschland und gibt drei Konzerte in Berlin. Für uns hat er eine Neuköllnkassette zusammengestellt. Wir haben uns mit ihm über Mixtapes, Songwriting und natürlich Neukölln gesprochen.

Was ist die Idee hinter deinem Mixtape?
Auf meinem Mixtape sind Lieder, die ich momentan selbst gerne höre  – es gab keine konkrete Idee. Die Lieder sollen die Zuhörer einfach in eine schöne Stimmung versetzen.

Hast du schon mal ein Mixtape für jemanden gemacht?
Tatsächlich ja. Ich habe früher aufgelegt, hauptsächlich HipHop. Um meinen Freunden meine neuesten Plattenkäufe vorzustellen, habe ich eine Mixtape-Reihe namens „Hart, Trocken, Kernig“ ins Leben gerufen. Davon ist jeweils nur eine Kopie im Freundeskreis herumgewandert. Teilweise wurden sie eingesackt und kamen nie wieder zurück. Meistens war auf den Mixtapes 90er-Jahre Eastcoast-Rap zu hören, Bands und Künstler wie Gang Starr, Mobb Deep oder Jeru the Damaja.

Wie würdest deine eigene Musik beschreiben?
Meine Musik ist im Grunde Popmusik. Souliger Elektropop trifft es vielleicht genauer. Da sie häufig verschiedene Genres vereint, können sich Fans von Gitarrenmusik, genauso wie Liebhaber elektronischer Musik, angesprochen fühlen. Irgendwo dazwischen findet sich meine Musik. Es gibt aber auch Überraschungen. Wir haben vor kurzem ein Konzert in Köln gespielt. Im Anschluss  kamen drei Jugendliche – drei Deutsch-Rap-Fans – auf mich zu und sagten: ‚Die Drops waren echt geil’. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ihnen meine Musik gefällt. Das hat mich sehr gefreut.

„Ich war primär Musikfan“

Wolltest du schon immer Musiker werden?
Nein, eigentlich nicht, ich wollte eigentlich Profisportler werden – Fahrradfahrer oder Snowboarder. Ob es wirklich jemals dazu gekommen wäre, weiß ich nicht. Aber ich habe meine Zukunft immer in der Sportbranche gesehen. Meinen ersten Berührungspunkt mit aktivem Musizieren hatte ich mit zehn Jahren, ich hatte damals klassischen Gitarrenunterricht für ein Jahr. Davon zehre ich heute noch. In meiner Jugend habe ich dann recht viel aufgelegt, war aber primär Musikfan. Dass ich meine Musik ernster genommen habe, speziell meinen Gesang, kam erst mit Anfang 20.

Wie genau ist es dazu gekommen?
Als ich Abitur gemacht habe, haben ein Freund und ich angeboten, den Abiball zu moderieren. Kurz vorher habe ich angefangen, Lieder die ich mochte, auf der Gitarre nachzuspielen. Zum Auftakt des  Abiballs habe ich dann zwei Lieder gespielt: „Heaven Help“ von Lenny Kravitz und „Sexy Cinderella“ von Lynden David Hall. Der Auftritt hat sich so gut angefühlt und das Gefühl, auf einer Bühne zu stehen hat mich sehr berührt. Nach diesem Abend dachte ich mir, dass es sich lohnen würde, mit dem Singen weiter zu machen.

Wie wurde aus diesem Hobby dein Beruf?
Ich habe zunehmend gemerkt, dass ich hauptberuflich Musiker sein möchte. Also habe ich mich auf einen Studienplatz für Jazzgesang in Mainz beworben. Und es hat geklappt. Fünf Jahre habe ich Gesang im Hauptfach und Klavier im Nebenfach studiert. Ich finde es heute noch verrückt, dass ich überhaupt angenommen wurde. Als Profisportler wäre es undenkbar, eine Karriere mit Anfang 20 zu starten. In der Musikbranche ist das möglich. Ich bin dafür sehr dankbar, während des Studiums habe ich mit tollen Musikern gespielt und wahnsinnig viel gelernt. Ohne diese Erfahrungen wäre ich nicht dahin gekommen wo ich heute bin.

„Mexico“ ist dein Debut-Album als Solokünstler. Aber nicht dein erstes Album…
Richtig. Als ich Mitte 20 war, war ich mit meiner damaligen Band bei einem Major Label unter Vertrag. Wir haben ein Album veröffentlicht und waren recht erfolgreich, vor allem in  Japan – dort haben wir es auf Platz Eins der Radiocharts geschafft. Das ganze Projekt war sehr kommerziell ausgerichtet und ich habe schnell gemerkt, dass ich zwar gerne mit anderen zusammen Musik mache, Entscheidungen aber lieber alleine treffe. Als Solokünstler kann ich mich klarer ausdrücken und musikalisch genau das machen, was ich möchte. Ohne Kompromisse. Natürlich fallen jetzt jede Menge Aufgaben auf mich zurück – von der Konzertakquise über das Organisieren von Proben bis zur Konzeption von Cover-Designs – aber das ist es wert, wenn ich nachher mit dem Ergebnis zufrieden bin.

„Wie der Klang meiner Seele“

Welche Musik bzw. welcher Musiker haben dich früher inspiriert und welche heute?
Stevie Wonder ist bis heute meine wichtigste Einflussquelle – stilistisch, wie ich singe und wie ich Songs schreibe. Meine Mutter hatte das Album „Talking Book“ auf Platte. Das habe ich geliebt. Schon das erste Lied „You Are the Sunshine of My Life“, vor allem der Klang des Fender-Rhodes Pianos – was ich auf meinem Album  „Mexico“ übrigens inflationär verwendet habe – hat damals so stark zu mir gesprochen und sich angefühlt, wie mein eigener Rhythmus und der Klang meiner Seele ist. Ich höre seine Alben heute noch und entdecke immer wieder neue Details. Es gibt viele Sänger die schöne Stimmen haben und toll singen können, aber oft aufgesetzt klingen. Stevie Wonder symbolisiert für mich genau das Gegenteil: ihm kaufe ich alles ab, was er singt – auch wenn die Texte teilweise schrecklich sind. Ein Album was mich momentan inspiriert ist das Neue der Band Grizzly Bear „Painted Ruins“. Von diesem Album ist auch der Song „Cut-Out“ auf dem Mixtape gelandet. Ich mag die Musik der Band, weil sie sehr eigen klingt und gleichzeitig zugänglich ist.

Wie entstehen deine Songs?
Ich habe hauptsächlich zwei Arten Songs zu schreiben: Einmal klassisch am Klavier oder an der Gitarre. Hier entstehen zunächst Melodien und Harmonien. Und dann fällt irgendwann einfach ein Song aus mir heraus. Wie das passiert, kann ich gar nicht genau sagen. Die andere Art wie ich schreibe passiert beim Produzieren. Ich mache Beats, schichte Drum Samples aufeinander und auf diese Klanggerüsten kommen Melodien. Nach und nach entsteht ein Song. Textlich beginne ich häufig mit Phrasen, die sich gut singen lassen und die sehr direkt sind. Diese Phrasen bestehen meistens nur aus einem Satz und geben oftmals vor wo es textlich hingeht.

Hast du ein Beispiel für so eine Phrase?
Bei meinem Song „Down by the Water“ gab es zum Beispiel erst die Melodie und dann die Phrase „down by the water“, was ja alles bedeuten kann. Damals hat sich diese Phrase schön in mein Leben eingefügt. Meine Frau ist zu diesem Zeitpunkt von Berlin nach Genf gezogen. Wenn ich sie besucht habe und auf sie gewartet habe, saß ich oft am Genfer See. Also „down by the water“. So ist aus dieser Phrase ein persönliches Lied geworden, das letztendlich zu meinem Leben gepasst hat. Diese Phrasen und Melodien sind wie kleine Geschenke, die einem der Kosmos gibt. Es ist nett, hinzuhören was da so angeflattert kommt, es anzunehmen und daraus etwas Eigenes zu machen.

Wann weißt du, dass ein Song fertig ist?
Das Schreiben der Lieder geht bei mir recht schnell. Wenn mir musikalisch oder textlich kein Schauer mehr über den Rücken läuft ist der Song fertig. Die Produktion hingegen dauert immer recht lange. Ich habe den Anspruch, dass jeder Song ein bisschen anders sein soll – es muss irgendwas dabei sein, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Ich will jedem Song gerecht werden und das kann lange dauern.

„Neukölln ist eben nicht Nizza“

Du hast eine Zeit lang in Neukölln gelebt. Wie kam das?
Meine Frau und ich sind nach dem Studium für halbes Jahr nach Mexiko gegangen. Der Titel meines Albums ist eine Anspielung auf diese Zeit. Damals habe ich mit dem Schreiben der Songs begonnen. Als wir zurückkamen haben wir einen Ort zum Leben gesucht, der zu unseren Jobs passt. Für eine Politikwissenschaftlerin und einen Musiker hat sich Berlin angeboten. Also sind wir nach Neukölln gezogen. Dort haben wir uns schon immer wohlgefühlt. Die Wohnung war günstig und die Lage – mit der Nähe zu Treptower Park, Plänterwald und Tempelhofer Feld – perfekt. Uns war wichtig, dass wir schnell aus der Stadt raus kommen und einen gewissen Freiraum haben.

Gibt es einen Song, zu dem du speziell in Neukölln inspiriert wurdest?
Ja, zum Beispiel das Lied „I Don’t Blossom“, was auch auf dem Mixtape zu finden ist. Ich habe damals direkt an der Ringbahn gewohnt. In einer ersten Version des Songs war das Anfahren der Bahn zu hören. Ich habe mich damals mit dem Mikro aus Fenster gelehnt, um die Geräusche aufzunehmen. In der Wohnung habe ich dann –  mit dem Sound der Ringbahn auf den Ohren – diesen Song geschrieben. Das Intro ist leider wieder rausgeflogen, aber das Lied an sich ist musikalisch sehr urban und industriell. Es stampft vor sich hin genau wie Neukölln vor sich hinstampft: Neukölln ist eben nicht Nizza.

Was ist dein Lieblingsort in Neukölln?
Einer meiner Lieblingsorte in Neukölln ist das Tempelhofer Feld. Im tiefsten Winter, wenn es verschneit und windig ist und niemand da ist. Ich bin damals häufig mit dem Fahrrad durch Wind und Schnee gefahren. Das war wirklich besonders. Ansonsten gehe ich in Neukölln immer gerne Essen, es gibt so viel gutes, verschiedenes und günstiges Essen. Das vermisse ich sehr.

Tourdaten JATA 2017:

01.09. Berlin – Gelbe Bank bei Mitvergnügen

01.09. Berlin – Chausseestraße 131 „Mexico“ Releaseparty 

02.09. Dresden-Sound Of Bronkow

07.09. Darmstadt – Weststadtcafé

08.09. Mainz – Planke Nord

09.09. Ramstein – Stop Airbase Ramstein Festival

14.10. Hamburg – Uebel Und Gefährlich*

16.10. Dresden – Beatpol*

17.10. Leipzig – Täubchenthal*

18.10. Berlin – Bi Nuu*

28.10. Munich – Manic Street Parade

*supporting Zoot Woman

Trackliste Neuköllnkassette:

1.) Silicon – Personal Computer

2.) Grizzly Bear – Cut-Out

3.) Jamie Lidell – Completely Exposed

4.) JATA – I Don’t Blossom

5.) Dirty Projectors – Keep Your Name

6.) Mark Pritchard – Beautiful People (feat. Thom Yorke)

7.) serpentwithfeet – four ethers

8.) Toro y Moi – You and I

9.) Bon Iver – 33 „God“

10.) Mark Pritchard – Give It Your Choir (feat. Bibio)

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

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