von am 16. August 2011

Der Autor Paul Brodowsky fängt skurrile Facetten Neuköllns für die Theaterbühne ein – mit sprachlicher Raffinesse und beachtlichem Erfolg.

Paul Brodowsky kommt gern nach Neukölln. „Arbeitsurlaub“ nennt er seine Kurzaufenthalte in der kleinen Wohnung am Maybachufer, die er seit seinem Umzug nach Freiburg vor drei Jahren mietet. Hier feilt er an einer Shakespeare-Übersetzung, trifft Berliner Freunde und sammelt nebenher Impressionen für sein nächstes Stück. Nach dem 2007 entstandenen Theatertext Regen in Neukölln schreibt er jetzt im Auftrag des Freiburger Theaters erneut über den Bezirk, in dem er vier Jahre gelebt hat. Seit Rütli und Sarrazin interessiert Neukölln eben auch im grünen Südwesten der Republik.

Dass die Thematik inzwischen als Publikumsmagnet wirkt, zeigt der Erfolg von Regen in Neukölln: Bereits 2008 heimste das Stück den Publikumspreis der Autorentheatertage am Hamburger Thalia Theater ein. Seit der Uraufführung in diesem Frühjahr unter der Regie von Friederike Heller füllt es die Studiobühne der Berliner Schaubühne. Tatsächlich war die bundesweite Aufregung in Folge des Rütli-Skandals und die negative Stilisierung des Stadtteils zur Brutstätte unerwünschter Parallelgesellschaften einer der Anlässe für den Text. Brodowsky wohnte damals in der Weserstraße, 150 Meter entfernt von der schlagzeilenumwobenen Schule, und wollte der verzerrten Wahrnehmung in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit etwas entgegensetzen. Dass dies nicht nur in der Provinz, sondern auch in Berlin bitter nötig war, zeigt eine Anekdote, die der Autor selbst erzählt: „Neukölln“, fragte ihn ein älterer, in Berlin wohnhafter Bekannter, „ist das nicht so ein Slum?“

Stadtfüchse und Scherenschleifer

Doch Regen in Neukölln ist mehr als eine Reaktion auf die Rütli-Lawine: Das Stück ist eine Liebeserklärung an die skurrile Vielschichtigkeit des Bezirks, ein polyphones Mosaik Neuköllner Lebensrealitäten. Sieben Figuren irren durch die Nacht, ihre Wege kreuzen sich, ohne dass sie sich wirklich zu begegnen scheinen. Da sind Marten und Ella, er Programmierer und Elektro-Junkie, sie orientierungsloses Partygirl, die sich nach einem Watergate-Intermezzo im Currywurstladen in der Sonnenallee wiedertreffen. Der ältliche, berlinernde Taxifahrer Karl-Heinz, der dem jungen Model Hanife anzüglich hinterher gafft und davon träumt, sie mit selbstgepflückten Stachelbeeren aus der Kleingartenkolonie zu beglücken. Oder der Scherenschleifer, ein komischer Kauz aus vergangenen Zeiten, dessen Weltkriegstrauma sich in einer Fuchsphobie und unterschwelligem Rassismus äußert. Der Fuchs selbst kommt auch zu Wort. Sehr menschlich ist er, ein „hochzivilisierter Stadtfuchs“ eben, der in Friederike Hellers gelungener Inszenierung mit Messer und Gabel Dönerabfälle verspeist und so für die „Bürgersteigfleischrestebeseitigung“ sorgt.

Das Stück basiert auf Alltagsbeobachtungen und bizarr-kuriosen Begegnungen, die der Autor selbst erlebt hat auf seinen nächtlichen Streifzügen durch den Kiez. Wie ein Polizeispitzel habe er sich manchmal gefühlt während dieser spätabendlichen Recherchetouren, bewaffnet mit seinem schwarzen Notizbuch – und dem beeindruckenden Gespür für aussagekräftige Situationen und Momente, das auch andere Texte Brodowskys auszeichnet.

Kauderwelsch in der Weserstraße

Vor allem aber ist das Stück eine Hymne an die Sprache als Gestaltungsmittel im Theater. Neuköllner Pluralismus, so suggeriert der Text, drückt sich nicht nur durch das Sammelsurium unterschiedlicher sozialer Typen, sondern auch und gerade in der vorhandenen Sprachvielfalt aus. „An dieser Mischung hatte ich einfach Freude“, lächelt der Dramatiker, wenn er von dem „charmanten Kauderwelsch“ aus Berlinerisch-Deutsch mit türkischem Akzent seines ehemaligen Hauswarts in der Weserstraße erzählt. In Regen in Neukölln wird die Sprache selbst zum wichtigen Ausdrucksträger, jedoch nicht im Sinne einer „Sozialreportage“, die sich um die eins zu eins Abbildung der Neuköllner Sprachrealitäten bemüht. So bettelt der obdachlose Ibrahim in einer Szene in gebrochenem Migrantensprech und reflektiert im nächsten Atemzug in perfektem Akademiker-Deutsch die eigene Situation, in der „von freiem Willen im eigentlichen Sinne … mangels anderer Optionen nicht die Rede sein“ könne. Die Sprache avanciert hier gleichzeitig zu einem eleganten Mittel, um mit Klischeevorstellungen zu spielen.

Monologe aus dem Schaufenster

Paul Brodowsky weiß, dass er dem Regisseur mit seiner sprachspielerischen Stückvorlage einiges abverlangt. Dass sich Satzschleifen-Monologe wie „Der Kiez kommt. Rütli-Massagen. Kreativbüro. Tüc Tüc Thai Musikcafé. Nagelatelier. No Limit Fischgeschäft. Wolfsbarsch im Bierpelz…“ – inspiriert durch den Schilderwald in Neuköllner Schaufenstern – nicht von alleine spielen. Die Inszenierung an der Schaubühne zeigt aber, wie wunderbar sein Stück auf der Bühne funktionieren kann. Gerade die wiederkehrenden Buchstabendreher – noch so eine sprachliche Eigenart des Textes – entfalten hier ihren ganz eigenen Sound: „Aber bevor es dazu kommt, wird alles schwarz. Aber bevor as dezug kommt, word Ellas schwarz. Aber fevor da es zukeimt, ward schwalles Erz“, sagt Ella kurz bevor sie vom Taxi überfahren wird. Es ist, als würden sich die Figuren plötzlich in ihrer eigenen Sprache nicht mehr zurechtfinden. Und prompt geraten sie ins Wanken auf den mobilen Pflastersteinen der Schaubühnen-Kulisse. So wird mitten im heiteren Bühnenklamauk zwischen Wasserschlachten, Bärenkostüm und Karnevalsmasken bewusst, dass eben nicht alles in Ordnung ist in Neukölln und in der großen Stadt. „Wurzellosigkeit und Einsamkeit“, bestätigt Paul Brodowsky, das seien Aspekte, die ihn an den Figuren interessieren.

Wenn der Autor auf seinen Berlinbesuchen manchmal nachts aus dem Fenster schaut, dann staunt er immer wieder, „was für eine komische Verabredung Stadt doch ist“. Diese Faszination wird ihn vorerst auch im 800 km entfernten Freiburg weiter beschäftigen: Für sein neues Stück über Neukölln befasst sich Brodowsky mit der Frage, wie der Bezirk von außen wahrgenommen wird. Ob die raue Neuköllner Thematik tatsächlich auch auf der Bühne der Vorzeigestadt Freiburg funktioniert, bleibt abzuwarten. Unwahrscheinlich ist es nicht, immerhin gibt es auch hier den Stadtteil Haslach – manch einer behauptet, er wäre „ein bisschen wie Neukölln“.

 

Regen in Neukölln wurde ins Repertoire der Schaubühne übernommen und ist dort in der Spielzeit 2011/ 2012 erneut zu sehen. Paul Brodowskys neues Stück über Neukölln wird in der Spielzeit 2012/ 2013 am Theater Freiburg uraufgeführt.

Prosawerke von Paul Brodowsky im Suhrkamp Verlag: Milch Holz Katzen (2002) und Die blinde Fotografin (2007).

 

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