von am 16. Dezember 2011

Skurrilitäten im Alltäglichen: Das „Theater der Migranten“ zeigt sein neuestes Stück und führt die Zuschauer an sechs verschiedene Orte im Reuterkiez.

Text: Sarah Lehnert

Ein lautloses Murmeln durchfährt den Raum.Wie Fischmäuler öffnen und schließen sich Münder im Rhythmus psychedelischer Klänge. Es ist die einzige Regung, die von den, am Boden liegenden, mit weißem Lein bekleideten, Körpern ausgeht. Jemand trägt einen brennenden Kerzenständer. Schreitet durch den Raum, vorbei an einem leblosen Frauenkörper auf einem Holztisch, vorbei an den Liegenden. Diese erheben sich schließlich. Schwerfällig, wie in Trance und mit geschlossenen Augen wanken sie durch den Raum, saugen seinen Geruch auf, formen mit ihren Lippen angestrengt Worte – ohne Ton. Vorsichtig tasten sie sich an den weißen Vorhängen entlang, die alles im Raum unter sich begraben. Einer nach dem anderen, reißen sie den Stoff herunter, entdecken die Bücher und rezitieren: Auf Polnisch, auf Arabisch und auf Deutsch.

Kontakt zwischen Schauspieler und Zuschauer

Der polnische Buchladen im Neuköllner Reuterkiez ist einer der Orte, der in “Ortswechsel. Szenen aus dem Leben einer Stadt“, der aktuellen Produktion vom „Theater der Migranten“, bespielt wird. Wie es bereits der Name des Stückes verlangt, hangelt sich der Zuschauer, von Ort zu Ort – von Bühne zu Bühne. Mit der Gründung des Kieztheaters rund um die Reuterstraße wollte Olec Witt 2008 nicht nur einen Bereich erschaffen, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunftsländer zusammenkommen und in dem aus dieser Vielfältigkeit heraus Stücke und Bühnenproduktionen entstehen, sondern auch den Kontakt zwischen Schauspielern und Zuschauern untereinander herstellen. Ein bewegliches Theater von Anwohnern, für Anwohner.

Neugieriger Blick eines jungen Darstellers: Szene von den Proben des Migrantentheaters.

10-15 Minuten dauert eine Szene bei “Ortswechsel“. Angefangen beim türkischen Coiffeur Rüzgar, geht es weiter zum polnischen Buchladen Buchbund, hinein in den deutschen Fahrradsalon , und schließlich in das brasilianische Café Bombocado. In der Kuchenmafia, dem Kultur-Café nur wenige Meter vom Buchladen entfernt, endet der Theaterparcours mit einer Abschlussszene, in der alle Schauspieler gemeinsam auftreten und sich mit mit einem Lied, passend zum Titel des Ladens, verabschieden.

Spielwiese und Experimentierkasten

An jedem dieser zunächst einmal alltäglichen Orte werden unterschiedliche Geschichten erzählt. Der Raum wird zur Spielwiese, zum Experimentierkasten. Er erfährt eine Neubewertung durch die Interpretation der Schauspieler und deren individueller Beschäftigung mit den Objekten im Raum. Während der einmonatigen Probephase entwickelte jeder der insgesamt 13, zum Teil sehr jungen, Darsteller anhand der vorgefundenen Gegenstände im Raum sein Spiel.

Der Coiffeur ist nunmehr abenteuerliche Domäne zweier rivalisierender Geschwister und selbsternannter Künstler des Frisierens mit überschäumender Energie und Talent zur Performance. Im Fahrradladen liegt eine Frau nicht unter dem Messer, sondern unter dem Schraubenschlüssel und der Luftpumpe und wird damit so lange traktiert, bis sie selbst maschinenhafte Züge annimmt. Der rollende Sessel im Bombocado bewegt die Spielenden durch die von bonbonbedeckten Weiten des Universums, während das Küchenkrepp die Milchstraße mimt.

Im Buchladen wird schließlich die rein körperliche Entdeckung der Bücher abgeschlossen. Angekommen in der Moderne, diskutieren vier Darsteller am langen Holztisch über ihre alten Bände, anstatt sie zu riechen und zu ertasten. Unterbrochen wird die hitzige Debatte durch den gut gelaunten Typen von draußen, der für eines der Bücher eine ganz andere Verwendung hat.

Premiere am 16.Dezember um 20 Uhr, weitere Aufführungen am 17. Dezember, um 20 Uhr, am 18.Dezember 2011 um 18 Uhr und 21. Januar um 19 Uhr 30. Weitere Informationen unter: www.migranten-projekt.de, Kartenbestellung: reuterkieztheater@yahoo.de oder Tel.: 0151 5665 7413.

 

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