von am 6. April 2013

Hassan Lecklichee, Foto: Pierro Chiussi

Der Heimathafen Neukölln zeigt zum „Marokko Wochenende“ Arbeiten des marokkanischen Autors Jaouad Essouani, der sich gestern Abend dem Berliner Publikum zur Diskussion über sein Werk stellte. Zur Eröffnung des Festivals am 4. April wurde Hassan Leklichee geboten, ein Stück, das bereits im Rahmen des Zyklus Lila Risiko Schachmatt zu sehen war.

Text: Léa Chalmont-Faedo / Übersetzung: Florence Freitag

Hassan Leklichee von Jaouad Essouani, das ist … ziemliches Bühnenchaos! Es wird sich abgetastet und mit Sand eingerieben. Es wird eine Rampe hinaufgeklettert, nur um sich von dort besser die Pantoffeln um die Ohren zu pfeffern. Umwege, die zwar mit Zurückhaltung, aber trotzdem bereitwillig erforscht werden. Kaum sitzt man in dem Sardinendosen großen Studio des Heimathafen, werden einem bereits Zuckerwatte und eingelegte Garnelen angeboten. Süß oder salzig? Und da der Hunger bekanntlich beim Essen kommt, nehmen wir das Angebot gerne an, ohne recht zu wissen, ob das alles schmecken wird und als welche Beilage wir dabei dienen.

Willkommen in der wunderbaren Welt des jungen Hassan, voller Missgeschicke und bestimmt durch die rhythmischen Militärparaden des „Grünen Marsch“: Im November 1975 wird der pazifistische Marsch in Richtung der ehemaligen spanischen Kolonie der Westsahara organisiert. Die passende Gelegenheit für König Hassan II. seinen Personenkult anzufachen.

Hassan raucht fröhlich seine Joints und verliebt sich im Netz, Foto: Pierro Chiussi

Dabei sollte man nicht vergessen, dass Hassan unter keinem guten Stern geboren wurde: seine Mutter (und gleichzeitig Schwester) wird in Folge einer stummfilmreifen Beziehung schwanger. Entgleiteter Oralsex und schwups, schon ist es geschehen! Als sein Vater, ein eher autoritärer Kommissar, den runden Bauch der baldigen Mutter-Tochter entdeckt, jagt er sie, mir nix dir nix, aus dem Haus. Inmitten dieses schamlos trashigen Chaos kommt Hassan zur Welt, mit dem Aussehen eines herzförmigen Luftballons ausgezeichnet, der zunächst explodiert und dem dann, von allerlei Bildern überwältigt, langsam die Luft ausgeht: alltägliche Konflikte und individuelle Schicksale mit eigenartigem Nachklang.

Zwischen Fernsehserie und zeitgenössischer Tragödie

Von Korangebeten eingebettet (der raffinierte Dschihadistenbart wurde aus den wie wäscheartig aufgehängten Haaren einer Schauspielerin gebastelt) raucht Hassan junior fröhlich seine Joints und verliebt sich im Netz: Lydia Ziemke setzt in ihrer Inszenierung auf zahlreiche Accessoires und hebt mit Hilfe des Scheinwerferlichts das Schattenspiel der Liebenden und mit Beatboxklängen die Klicks im „Chat“ hervor. Als nächstes flüchtet Hassan nach Europa und wird des Mordes angeklagt: „Hassan hat mich umgebracht, ein Schlagwort, das an die Affäre Omar Raddid und dessen Ermordung erinnert, die eine ganze Generation von Franzosen begleitet hat! Hassan wird erwartungsgemäß Terrorist, von den Amerikanern gefangen genommen, selbstverständlich gefoltert und schließlich, klar, in den Schlund Guantánamos gestoßen.

Zwischen Fernsehserie und zeitgenössischer Tragödie verbreitet Hassan Leklichee eine Vielzahl von, natürlich übertriebenen, Klischees, die aber nicht minder schlagfertig sind. Die Szenen eines kaleidoskopartigen Marokkos, zwischen 2.0 Revolution und jahrhundertelanger Tradition, sind ein Augen- und Ohrenschmaus. Einziger Dämpfer in der Darbietung ist die nicht ganz klare Grenze zwischen Theater und Performance, was zeitweise störend und deplatziert wirkt. Diese Genreverwechslung zerstört den Rhythmus eines Stücks, das im Grunde niemanden unberührt lassen kann!

Wer seine Französischkenntnisse auffrischen möchte: hier geht’s zur französischen Version des Textes.


Am 6. April
NIEDER MIT DEM KÖNIG – ES LEBE DER KÖNIG
* Heimathafen Neukölln * 15h30 * 0€

Jaouad Essouani inszeniert seine Texte sowohl in Marokko als auch in Deutschland. Vom Islam über Kolonialgeschichte und Immigration bis zur Globalisierung, wird sein Schreiben von politischen und historischen Kontexten beeinflusst. Welche Verbindung besteht zwischen Kunst und Politik? Es diskutieren marokkanische Experten und Berliner Schauspieler.

Am 6. und 7. April
HADDA – IHR LEBEN EINE GRENZÜBERSCHREITUNG
* Heimathafen Neukölln * 19h30 * 10-15€

Hadda spiegelt die Vielfältigkeit der marokkanischen Identität wider. Als Anhängerin sowohl marxistischer Schriften als auch des Korans, lebt sie einen Balanceakt zwischen zwei Systemen. In einer alles andere als perfekten Welt, versucht sie diese unterschiedlichen, utopischen Theorien nachzuvollziehen.


In Zusammenarbeit mit

 

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