von am 12. Februar 2014
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Matthias Elwardt (re.) im Passage Kino bei „Berlinale goes Kiez“ 2011, Foto: Peter Kreibich © Berlinale

„Berlinale goes Kiez“ feiert sein Fünfjähriges und hat längst alle mit dem Festival-Virus infiziert. Diesen Mittwoch erreicht der „Fliegende Rote Teppich“ Neukölln und hat wie immer ein Unikat mit im Gepäck.

„Moooment!“, möchte man intuitiv einhaken. Steigt dieses pathologisch zitierte „Berlinale-Fieber“ nicht ohnehin, durch alle Kanäle befeuert, einem jeden Bewohner Berlins, von Spandau bis nach Köpenick, unausweichlich zu Kopf? Muss man den Berliner jetzt auch noch in „seinem“ Kiezkino heimsuchen und mit dieser im Jahresturnus auftretenden Film-Manie anstecken?

Zu spät. Der „Fliegende Rote Teppich„, die Malariamücke des Berlinale-Fiebers, hat die Kieze und seine Kinos längst flächendeckend infiziert. Stundenlang stehen die zitternden Kinokranken Schlange, stieren mit glasigen Augen in Richtung Kasse und geben die Hoffnung bis zuletzt nicht auf, ihr Karten-Placebo verabreicht zu bekommen.

„Ein Dankeschön an die Kinomacher“

Während der hiesige Kiez selbst mit der Boddinale im zweiten Jahr sein eigenes Parallelfestival veranstaltet, geht das Original dieses Jahr bereits zum fünften Mal in die Kieze, abseits der üblichen Berlinale-Spielstätten: „Berlinale goes Kiez“ – zum 60. Jubiläum des Berliner Filmfestival ins Leben gerufen – feiert nun selbst sein Fünfjähriges und geht mit rotem Teppich und Scheinwerferlicht wieder auf Kiez-Tour durch sieben auserwählte Programmkinos der Stadt, die sonst nicht in den Genuss des Berlinale-Trubels kommen.

Und unter diesem Aspekt darf dieses Programm wohl auch in erster Linie verstanden werden, wie dessen Gastgeber Matthias Elwardt bestätigt: „Ein Dankeschön an die Kinos und Kinomacher, die das ganze Jahr die Filme spielen, die auf der Berlinale laufen.“ Elwardt, „der Kinomann von Dieter„, wie er sagt, leitet selbst ein Programmkino, das Abaton in Hamburg und sitzt seit dem Jahr 2000 in der Jury für die Wettbewerbsauswahl der Berlinale. Zum 60. Jubiläum der Berlinale hatte sich der Direktor des Festivals, Dieter Kosslick, schließlich etwas Besonderes für das Festival gewünscht – „Berlinale goes Kiez“ unter der Leitung und Moderation von Matthias Elwardt ist dabei herausgekommen. Ein „Querschnittsprogramm“, wie Elwardt es benennt, denn es bringt Filme aus den verschiedensten Sektionen in die Kieze. Gerade einmal eine einzige Karte sei im letzten Jahr übrig geblieben.

Yasemine Şamdereli als Patin im Passage Kino

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Yasemin Şamdereli im Passage Kino, Foto: Peter Kreibich © Berlinale

Doch neben der rot beplankten Aufmerksamkeit für immerhin sieben unter den vielen Berliner Programmkinos und deren „familiärer Atmosphäre“, gibt es im Kiez ein Unikat der Berlinale zu erleben: Publikumsgespräche bei Wettbewerbsfilmen. Die finden in den anderen Sektionen zwar auch statt, doch im Wettbewerb wird sonst nur eine Pressekonferenz abgehalten. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Vorstellung von Yasemin und Nesrin Şamderelis „Almanya – Willkommen in Deutschland“ in der Passage in Neukölln. Die Tragikomödie und das Regiedebüt der beiden Schwestern über die Geschichte einer türkischen Gastarbeiterfamilie in Deutschland lief als großer Überraschungserfolg außer Konkurrenz im Wettbewerb 2011 und passte thematisch gut nach Neukölln. Beim anschließenden Gespräch habe sich dann ein Besucher zu Wort gemeldet: „Ich lebe als Pole hier in Deutschland und ich liebe diesen Film. Das ist auch meine Geschichte.“

Drei Jahre später wird Yasemin Şamdereli wieder zur diesjährigen „Berlinale goes Kiez“ im Passage Kino mit dabei sein. Diesmal allerdings als Patin, um als prominente Filmschaffende den Abend zu begleiten. Den Anfang des Abends macht der norwegische Wettbewerbsfilm „Kraftidioten“ von Hans Petter Moland („Ein Mann von Welt„). Darin geht Stellan Skarsgård als Vater für seinen ermordeten Sohn auf Rachefeldzug mit seinem Schneepflug.

She’s Lost Control„, der zweite Film des Abends aus der Sektion Forum und das Debüt der gebürtigen Berlinerin Anja Marquardt, erzählt von Ronah (Brooke Bloom), die als Sexarbeiterin in New York arbeitet und auf therapeutischem Wege versucht Männern dabei zu helfen, ihre Hemmungen abzubauen – ein Thema das nicht zuletzt für Neukölln relevant ist (wir berichteten). Für den Tagesspiegel hat David Assmann protokolliert, mit welchen finanziellen Schwierigkeiten die Filmemacherin bei der Realisierung ihres Filmes zu kämpfen hatte und wie sehr sie sich über die Einladung in ihre Heimatstadt gefreut hat: „Eine Heimkehr, wie sie nicht schöner sein könnte.“

Berlinale goes Kiez am 12.02.2014
Passage Kino, Karl-Marx-Straße 131
„Kraftidioten“ (Wettbewerb) 18.30 Uhr
„She’s Lost Control“ (Forum) 21.30 Uhr

 

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