von am 5. Februar 2014

Buchbundlesung_02Im Buchbund in der Sanderstraße finden beinahe jeden Freitag Autorengespräche oder Diskussionen statt. Wir haben bei einer quietschfidelen, deutsch-polnischen Leserunde gelauscht.

Keine Buchhandlung in Neukölln ist freitags um 19 Uhr so gut besucht wie der deutsch-polnische buchbund in der Sanderstraße. Klappstühle stehen dicht an dicht, überall türmen sich Mäntel. Einige Besucher schauen sich gelassen die Bücherauswahl an, während andere sich noch angeregt unterhalten. Die beiden Autorinnen, Iwona Mickiewicz und Brygida Helbig, und die Moderatorin, Alfrun Kliems, blicken fordernd ins Publikum. Ruhe kehrt ein.

Im buchbund findet an diesem Abend die dritte Lesung der Reihe „Postemigration, Transmigration, Nomadismus – Polnische Schriftsteller in Deutschland“ statt. Das Institut für Slawistik der Humboldt Universität zu Berlin und der buchbund organisieren die deutschsprachige Reihe. „Es gibt da einen Polen, dessen Vater Ungar ist und der in Deutschland lebt“, sagt Iwona Mickiewicz. Sie liest aus ihrem neusten Buch, „Konstruktionen im Haus oder Iwan Iwanytsch am Fenster“, das 2011 im Hanani Verlag erschienen ist. Immer noch betreten Besucher die Buchhandlung, Sitzplätze gibt es keine mehr. Mehrere stehen an der Tür und zwischen den Reihen. Iwona Mickiewicz, vom Scheppern der Eingangstür unterbrochen, heißt die Neuankömmlinge willkommen. „Mein Thema ist die Topographie des Schicksals“, hebt sie hervor.

Sprachliche Vielfalt mit surrealem Charakter

Passend zum Thema der Veranstaltungsreihe beschäftigt sich Iwona Mickiewicz mitunter mit Fragen der Migration, des Wanderns und des Ankommens. Ihre Prosa sowie ihre Gedichte haben einen starken surrealen Charakter, sind oft nicht zugänglich, dafür aber von einer bemerkenswerten sprachlichen Verspieltheit gekennzeichnet. Diese sprachliche Verspieltheit führt dazu, dass die 57 Texte in „Konstruktionen im Haus oder Iwan Iwanytsch am Fenster“ nicht eindeutig einer literarischen Gattung zuzuordnen sind. Jedoch geben sie dem Leser ein Gefühl dafür, was alles hinter ganz alltäglichen Handlungen stecken kann.

Iwona Mickiewicz liest noch ein paar ihrer Gedichte und beendet den Vortrag. Für einen kurzen Augenblick ist es still. Alfrun Kliems übergibt Brygida Helbig das Wort. Auch sie soll noch aus einigen ihrer Texte lesen. Brygida Helbig ist neben ihrer Tätigkeit als Autorin von Prosa und Gedichten vor allem in der akademischen Forschung tätig. Viele der Besucher kennen sie als Professorin. Der Anteil der Slawistikstudierenden im Publikum ist hoch. „Da wurde jemand nach Deutschland verpflanzt“, hebt Brygida Helbig an. Sie erzählt vom An- und Zurechtkommen in Deutschland und von polnischen Frauen, die auf hohen Absätzen Revolutionen in deutschen Slawistikvorlesungen anzetteln. Das Publikum lacht laut auf.

Migration – so polnisch wie Schnurrbärte

Das Thema Migration ist so polnisch wie Schnurrbärte oder Volksaufstände. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz zog von Polen aus nomadisierend durch Europa, polnische Bergleute und Arbeiter zählten zu den ersten Ruhrmigranten, Frédéric Chopin und Marie Curie oder  Fryderyk Chopin und Marie Curie Skłodowska, wie sie in Polen genannt werden, lebten lange in Frankreich. Heute leben Polen vor allem über ganz Europa verteilt und in der angelsächsischen Welt.

 

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Ein Roman Olga Tokarczuks, eine der bekanntesten polnischen zeitgenössischen Autorinnen, heißt in seiner deutschen Übersetzung „Unrast“. Für Tokarczuk ist der Begriff eine Zustandsbeschreibung unserer Zeit. Für Polen war Unrast immer schon eine Lebensart. In dieser Tradition stehen auch Iwona Mickiewicz und Brygida Helbig.

Alfrun Kliems bittet um Fragen aus dem Publikum an die Autorinnen. Es kommen persönliche Fragen, Fragen zum Werdegang, zu den Texten. Es wird wieder viel gelacht, die Stimmung ist entspannt. Eines ist klar: Die Veranstaltungsreihe im buchbund ist nicht nur etwas für Slawistikstudierende oder Polen-Kenner, sondern für alle, die Interesse an gesellschaftlichen Fragen haben und schon immer einmal einen Abend in einer der schönsten Buchhandlungen Berlins verbringen wollten.

Die nächste Veranstaltung im buchbund findet am Freitag, 7. Februar 2014, mit dem Autor und Übersetzer Artur Becker statt.

buchbund, Sanderstraße 8, U-Bahn Schönleinstraße, Öffnungszeiten Montag bis Freitag 10 – 19 Uhr, Samstag 11 – 16 Uhr

 

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