von am 18. Januar 2015

MerryAm Freitag erlebte die deutsch-bulgarische Familiensaga über Fluch und Glück in der Migration mit dem sperrigen Titel „MERRY-GO-ROUND/2014-BG-DE“ ihre Berliner Uraufführung.

Text: Ulrike Bauer, Foto: Venelin Shurelov

Wie alle Produktionen des Kölner theater-51grad.com setzt sich auch diese mit gesellschaftlichen Prozessen auseinander, in deren Zentrum das menschliche Individuum steht. Gründerin Rosi Ulrich beschäftigt sich in Zusammenarbeit mit in:takt e.V. und SubHuman Theatre seit Jahren mit den Themen Flucht und Migration. Dem Text liegt eine Befragung von Deutschen in Bulgarien sowie von Bulgaren in Deutschland zugrunde, die Auskunft darüber gibt, aus welchen Gründen Menschen ihre Heimat verlassen und wie sie mit der unbekannten Kultur umgehen.

Den hier derzeit deutlich sichtbaren Vorurteilen des Armutsflüchtlings stellen die künstlerischen Leiterinnen Karin Frommhagen und Rosi Ulrich die Protagonisten Boris und Elena entgegen, die überdurchschnittlich qualifiziert sind und in Deutschland Karriere machen wollen. Boris fasst jedoch trotz sechs Sprachen und einem Abschluss in International Business Management auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht Fuß. Elena gelingt dies zwar, opfert dafür aber das Zusammenleben mit ihrer Tochter. Auf einem Karussell begegnen beide der einst vertriebenen Sudetendeutschen Ruth und Stefan, welchen es von der Bundeswehr nach Sofia gezogen hat.

Der Austausch der Vier während der endlos kreisenden Fahrt offenbart den gemeinsamen Traum von einem glücklichen Leben aber auch die damit einhergehenden Traumata, die das Streben danach mit sich bringt. Hat man über weite Strecken das Gefühl, der stumme Teil einer netten Mitfahrgelegenheit zu sein, kulminieren am Ende doch die Geschichten in einem intensiven Knackpunkt. Ein jeder wird an seiner Achillesferse gepackt und individuelle Verletzungen treten zu Tage. In diesen Momenten ist die Inszenierung am stärksten, der Weg dorthin ist allerdings steinig.

So ist zwar der von allen Darstellern gesprochene Mix aus Deutsch, Bulgarisch und Englisch ein ambitioniertes Mittel, um das Stück in möglichst vielen Ländern aufführen zu können. Allerdings fühlt sich gerade der englische Part als beinahe überflüssig an, da an den meisten Stellen durch den deutsch-bulgarischen Dialog oder Mimik und Gebärden die Bedeutung zur Genüge klar wird. Dazu kommt eine ausgedehnte Rahmenhandlung, bei der sich die vier mythologischen Figuren Cherona, Orpheus, Hel und Odin begegnen. So wie damals die Götter das Sein der Sterblichen bestimmten, so unterliegen die heutigen Schicksale anderen wirtschaftlichen oder politischen Zwängen – ein kreativer und durchaus passender Regieeinfall, dem jedoch zu viel Zeit eingeräumt wird.

Hervorzuheben sind die sehr guten Schauspieler Mila Bancheva, Maria Faust, Oliver Schnelker und Vladislav Violinov, denen mit dem Gemisch aus Sprachen und Rollen, durchchoreografierten Passagen sowie einer musikalischen Performance einiges abverlangt wird. Unter dem hypnotischen Klangteppich von Sibin Vassilev entstehen außerdem schöne und sinnliche Bilder. Am wichtigsten jedoch bleibt das inhaltliche Anliegen, Verständnis für das Fremde zu schaffen.
 

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