von am 9. August 2016
Selda Bağcan gehört zu den wichtigsten Volkssängerinnen der Türkei

Selda Bağcan gehört zu den wichtigsten Volkssängerinnen der Türkei

Lebende Legende der Protest-Musik, Heldin des Anatolien-Rocks, Juwel des Psychedelic-Folk – die türkische Sängerin Selda Bağcan hält all diese Label aus. Denn eines ist sie immer geblieben: eine mutige Volksmusiksängerin. Bald ist sie live auf dem Pop-Kultur Festival in Huxleys Neue Welt zu erleben.

Von Seda Niğbolu

In der Türkei ist sie die lebendige Legende der Protest-Musik. Im Rest der Welt die Heldin des Anatolien-Rocks. Die neue Generation hat sie als ein Juwel des Psychedelic-Folk neu entdeckt. Selda Bağcan wird aber immer die Volksmusiksängerin bleiben, die heimische Lieder mit einer bewegenden Herzlichkeit singt. Die fest daran glaubt, dass man “erstmal national sein muss, damit man international wird”. Keine andere türkische Musikerin wird international so hochgejubelt. Laut “The Times” ist sie eine der 81 wichtigsten Sängerinnen der Welt – zusammen mit Maria Callas, Edith Piaf oder Billie Holiday.

selda_klein

Ihr politisches Engagement brachte die Sängerin ins Gefängnis.

Auf den großen Festivals weltweit vertritt Selda Bağcan die Türkei fast immer alleine. Vor allem in den letzten Jahren springt sie von einem Festival zum anderen. Le Guess Who in Holland, Glastonbury in England, Primavera in Spanien… Und bald in der zweiten Ausgabe des Pop-Kultur Festivals in Berlin, das die gängige Definition der Pop-Musik um innovative Ansätze erweitert. Auf der Bühne wird Bağcan von einer Surf-Rock Band begleitet. Sie heißt Boom Pam und kommt aus Israel, wo Selda seit Jahrzehnten unter dem Pseudonym “Zelda” bekannt ist.

Karriere passt in kein gängiges Erfolgsschema

Genau wie ihre Songs, die die traditionelle Musik statt wie üblich mit der “Saz” mit Gitarre interpretieren oder wie ihre politische Haltung, die trotz linkem Gedankengut sich keiner Fraktion richtig annähert. Sie wurde vor kurzem sogar als Nationalistin kritisiert, da sie ihren Stolz auf ihre türkische Herkunft zum Ausdruck gebracht hat. Selda Bağcans Karriere passt in kein gewöhnliches Erfolgsschema. Trotz des Medienhypes der letzten Jahren ist sie keine Spätblüte. In europäischen Ländern war sie schon erfolgreich unterwegs, als sie in ihrem eigenen Land aus politischen Gründen verboten war. In ihrer 45-jährigen Karriere hat sie über 20 Alben und über 400 Songs erschaffen. Für sie gab es nie eine Pause – für ihre Zuhörer in der Türkei allerdings schon.

Sprung in die Türkei der 70er Jahre. Viel Spannung in der Luft. Junge Helden der 68er Bewegung, der Gründer der Volksbefreiungsarmee der Türkei, Deniz Gezmiş, und seine Freunde sind im Gefängnis. Und da taucht eine junge Frau auf. Eine Physik-Absolventin, die Tochter einer Beamtenfamilie, die in der Welt der Männer immer alleine zurechtkam. In dem Nachtclub ihrer Brüder in Ankara, dem “Beethoven”, sang sie mit ihrer schrillen, aber sehr sauberen, sehr kräftigen Stimme. Alle fragten sich, wer sie ist. Auch die Größen der Zeit wie Barış Manço oder Cem Karaca. Authentisch und rebellierend klang sie. Ihr Song “Mapushanelere Güneş Doğmuyor” (In Gefängnissen geht die Sonne nicht auf) wurde mit Deniz Gezmiş in Verbindung gebracht, der im Alter von 25 Jahren hingerichtet wurde. Sie würde kommunistische Propaganda machen, hieß es. Sie war auch die erste, die auf kurdisch gesungen hat, obwohl sie selber keine kurdischen Wurzeln hat. Das waren die Zeiten, in denen es nur einen staatlichen Sender gab. Selda Bağcan bekam Sendeverbot.

20 Jahre des Verstummens in ihrem Heimatland

selda3_klein

Die über 70-Jährige ist ein Popstar (Foto: Juri Hiensch).

Das Verbot dauerte 20 lange Jahre. In ihrer Heimat konnte man Bağcans Stimme nicht hören. Obwohl ihre Platten großen Erfolg hatten, war es für sie selbst finanziell schwierig. Nach dem Militärputsch am 12. September 1980 wurde sie verhaftet – und mit Unterbrechungen fast fünf Monate lang im Gefängnis festgehalten. Aber das reichte nicht dazu aus, ihre Stimme auch im Rest der Welt nicht hörbar zu machen. Schon 1986 wurde sie zum Festival WOMAD eingeladen, das von Peter Gabriel initiiert wurde. Sie bekam damals allerdings kein Visum, ihr Reisepass war für sieben Jahre beschlagnahmt worden. Ein Jahr darauf erhielt sie ihren Ausweis zurück und performte auf dem WOMAD und dem Glastonbury Festival.

1992 war das Jahr des großen Umbruchs in den türkischen Medien. Private Sender fingen an ihre Programme auszustrahlen, das Monopol des Regierungssenders TRT endete. Und die privaten Sender verpassten die Chance nicht, Selda Bağcan zu spielen, die bei ihren Zuhörern so beliebt war. Allerdings hat eine Generation sie verpasst. Sie wussten nicht, wer oder wo sie war. Sie dachten, dass so eine Frau auf einmal aus dem Nichts aufgetaucht war.

Eine zweite ungewollte Unterbrechung folgt im Jahr 2000. Unterwegs zu einem Konzert hatte Selda Bağcan einen Autounfall. Aufgrund ihrer schweren Verletzung, die in ihrem linken Arm bleibende Schaden hinterlässt hat, musste sie zwei Jahre pausieren. 2002 kam sie zurück, ihr Album hieß passend dazu: “Ben Geldim” (“Ich bin gekommen”).

Der Westen entdeckt den Osten

Aber nichts davon konnte den großen Rummel der letzten Jahre voraussagen. Der Westen fing an, die musikalischen Schätze des Ostens auszugraben. Manchmal mit ehrlicher Neugier, manchmal mit den typischen Mechanismen der Kulturausbeutung. Anatolien-Rock a la Barış Manço, Erkin Koray oder Mustafa Özkent hat mit ihren funky Gitarren, wilden Rythmen und der bizarren Mischung aus Trauer und Zelebration 40 Jahre später ein ganz neues junges Publikum begeistert. Die Platten wurden zu Kultobjekten. Viele MusikerInnen aus dieser Zeit sind nicht mehr aktiv. Selda Bağcan ist eine der Ausnahmen.

Ihre Texte, die für ihre Lieder und ihre Botschaft so viel bedeuten, sind alle auf türkisch. Sie sind oft von wichtigen Dichtern übernommen und interpretiert. Sie erzählen von Ungerechtigkeiten auf der Welt, vom Leiden des Volkes, sie fordern Menschen zum Widerstand auf. Dass sie trotz der Sprachbarriere vom ausländischen Publikum so umarmt wird, betont nur, wozu ihre Stimme und ihr narrativer Stil fähig sind. Das ist die Stimme, die Antony Hegarty aka Anohni bei jedem Hören zum Weinen bringt, die sie in 2012 zum von ihr kuratierten Meltdown Festival in London eingeladen hat. Diese Stimme ist leidenschaftlich und voller Verlangen. Eine Stimme, die wegen ihrem einzigartigen und rebellierendem Charakter Vergleiche wie “türkische Janis Joplin” hervorgerufen hat. In einem Interview sagt Selda Bağcan mit ihrer typischen humorvollen Leichtigkeit, dass dieser Vergleich wohl eher an ihren lockigen Haaren liegt.

Mos Def und Dr. Dre sampelten Songs von Selda Bağcan 

Aber was Selda Bağcans Bekanntheit über Generationsgrenzen hinaus brachte, war der Song “Supermagic” von Mos Def aus seinem Album “Ecstatic” aus dem Jahr 2009. Darin sampelte er Bağcans “İnce ince bir kar yağar”. Die Sängerin mochte diesen Song nicht besonders, aber ihre klagende Stimme, die von Armut erzählt, hat viel Aufsehen erregt. Mos Defs Version wurde sogar im Computerspiel “Skate 2” benutzt. Die Originalversion war in der Neuauflage der Jugendserie “Beverly Hills” zu hören.

Das alles geht zurück auf das Jahr 2006. Das englische Label Finders Keepers, das sich auf die Suche unentdeckter Klänge aus unterschiedlichsten Ecken der Welt begeben hatte, veröffentlichte in diesem Jahr das Album “Selda”. Mit dem Verkauf dieser Songs durch Finders Keepers an Dritte – jedoch ohne Erlaubnis der Künstlerin! – und mit der Verbreitung durchs Internet, hat Selda Bağcan ein Publikum erreicht, das sich mit ihrem eigenen bisher nicht überschnitten hat. Die Ungerechtigkeit des Labels hat ihr nicht viel Geld gebracht, dafür für viel Ruhm. Anders war es mit Dr. Dre, der in seinem Song “Issues” den selben Song, “İnce ince” gesampelt hat. Diesmal war viel Geld da, mit dem Bağcan sich ein Auto gekauft hat.

Immer größer werdendes Interesse im Ausland

Jetzt lebt sie mit ihren 20 Katzen in İstanbul, im grünen Stadtteil Tarabya am Bosphorus. Seit 25 Jahren veröffentlicht sie ihre Musik auf ihrem Label Majör Müzik. Vor kurzem kam eine Kompilation mit 40 Songs aus 40 Jahren heraus. Diese Reihe wird mit mehreren CDs und Platten weitergehen. Das immer größer werdende Interesse im Ausland hat ihr Echo inzwischen auch in der Türkei. Leute, die Selda Bağcans Namen bisher nicht kannten oder sie ignoriert hatten, schwärmen jetzt über sie. In einem Interview fragt sie kürzlich diese Leute aufgeregt, wo sie die ganze Zeit waren. Sie beschwerte sich darüber, dass die Regierung ihr trotz ihres Erfolgs im Ausland kein einziges Mal gratuliert hat. Anscheinend ist sie für Autoritäten immer noch gefährlich – und wird es bleiben. Im Alter von 67, mit der ganzen Erfahrung und Unbeschwertheit der Jahre hinter ihr, ist Selda Bağcan noch lauter als je zuvor.

Selda Bağcan & Boom Pam live bei Pop-Kultur: 1. September, 20.20 Uhr, Huxleys Neue Welt (Hasenheide 107, U Hermannplatz)

 

neukoellner.net ist Medienpartner von:

pop-kultur_black

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.