von am 15. Juni 2013

Rund 90 Religionsgemeinschaften sind in Neukölln beheimatet. Fünf von ihnen werden zu 48 Stunden Neukölln auf ganz unterschiedliche Weise bespielt. Die fünf Konzeptkunstwerke der Reihe „Kunst und Kult“ zeigen, dass das Spannende an Religion ebenso wie an zeitgenössischer Kunst vor allem in ihrer Vielfalt begründet liegt.

Fotos: Anke Hohmeister

Die Evangelische Brüdergemeinde ist in der Kirchgasse an einem malerischen Ort beheimatet. Die kopfsteingepflasterte Gasse ist ruhig und fast unbefahren, das Gemeindehaus auf einem großen Grundstück mit ausladenden Bäumen untergebracht. Das Haus beherbergt einen turnhallenähnlichen Saal für den Gottesdienst, mit 60er-Jahre-Lampen und großen Fenstern.

Nezaket Ekici ist eine von fünf Künstlern, die für die Reihe „Kunst und Kult – Stimmen der Religionen“ fünf religiöse Gemeinschaften erkundeten und für 48 Stunden Neukölln Installationen und Performances erarbeitet haben. Die türkische Performancekünstlerin reicht drei Skizzen herum und erklärt ihr Anliegen: Sie möchte sich mit dem Glauben und dem Zweifeln beschäftigen. Pfarrer Christoph Hartmann unterstützt die Idee, aber nicht alle Brüder und Schwestern sind seiner Meinung. „Ich singe nicht so einen Firlefanz!“, beschwert sich ein Mitglied der Brüdergemeine. Pfarrer Hartmann versucht zu schlichten: „Wir wissen ja schon, was wir normalerweise sagen und singen. Deshalb sollten wir uns auf etwas Neues einlassen.“

„Danach seid ihr fertig mit der Welt“

Nezaket Ekici, Schülerin der großen Marina Abramović, versteht, dass ihre Ideen nicht für jeden zugänglich sind. Kaum ein anderes Thema vermag es, die Gemüter so schnell zu erhitzen, wie die Frage nach dem richtigen Glauben und seinem Zwillingsbruder, dem Zweifel. Trifft Religion auf die Freiheit der Kunst, ist viel Sensibilität gefragt, damit am Ende keine verletzten Gefühle, sondern eine fruchtbare Auseinandersetzung steht. Ekici gelingt der Spagat. Neben einer hitzigen Debatte über die Definition des Schicksals, steht am Ende des Treffens auch die Einigung auf ein künstlerisches Konzept. Die 42-Jährige wirkt erleichtert und resümiert: „Danach seid ihr fertig mit der Welt. Aber ihr habt was erlebt.“

Projektleiter Francesco Mammone erklärt: „Es wurden gemischte Paare gebildet, so dass etwa die Künstlerin mit muslimischem Hintergrund eben nicht für die Moschee ein Kunstwerk entwirft.“ Zwar arbeiteten die Künstler nicht im Auftrag der religiösen Gemeinschaften, aber ihre Entwürfe für die Gotteshäuser mussten von den Vertretern der jeweiligen Gemeinde oder des Vereins akzeptiert werden.

Die Vielfalt der Gemeinschaften spiegelt sich dabei auch in der Vielfalt der Ansätze, mit denen die Künstler das für sie unbekannte Glaubensterrain erforschten. Kei Takemura wählte die stille Beobachtung für die katholische Pfarrkirche St. Clara in der Briesestraße.

Putzen? Ist Kunst!

Die Japanerin ist 38 Jahre alt, sie lebt seit 13 Jahren in Berlin. Eine weiße Ledertasche in Form eines alten amerikanischen Briefumschlags baumelt über ihrem sonnengelben, knielangen Kleid, als sie die schwere Holzpforte der Kirche öffnet. Sie wird von Pfarrer Martin Kalinowski und vier Ministranten im Kindesalter erwartet. Unter anderem aus den Filmaufnahmen, die während der liturgischen Verrichtungen der Messdiener erstellt werden, entwickelt Kei Takemura „Five Stories“ – eine Performance und Installation, die ihren Blick auf den Katholizismus widerspiegelt. Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten von Europäern und Asiaten faszinieren die Künstlerin dabei besonders. Sie erklärt, dass Japan als Ende der Seidenstraße stark von anderen Kulturen beeinflusst wurde und gibt gleich einige Erkenntnisse ihrer länderübergreifenden Beobachtungen preis: „Das Putzen gehört in Japan zum Gottesdienst. Und die Bewegungen des Putzens sind überall gleich.“

Auf ein ganz anderes religiöses Forschungsgebiet hat sich die griechische Künstlerin Eleni Papaioannou aufgemacht. Auf dem Gelände des Sri Ganesha Hindu-Tempel-Vereins in der Hasenheide widmet sich Papaioannou der sakralen Architektur der Hindus und lässt Menschen verschiedener Konfessionen in Interviews zum Thema „Opfer“ zu Wort kommen.

Der dritte Veranstaltungsort der Themenreihe ist die Şehitlik-Moschee am Columbiadamm. Hier hat Birgit Anna Schumacher die DITIB-Şehitlik Türkisch-Islamische Gemeinde zu Neukölln e.V. so sehr von ihrer Arbeit überzeugen können, dass sich sogar der Imam Mehmet Tekin mit einem eigenen performativen Beitrag an der Intervention der deutschen Konzeptkünstlerin beteiligt.

Und auch die evangelische Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz wird bespielt. Der Künstler Ervil Jovković, der einer muslimisch-katholischen Familie aus Kroatien entstammt, setzt sich in seinen Arbeiten regelmäßig mit religiösen Themen auseinander. So nahm er 2009 an der Skandal und Tumult erregenden Ausstellung „Belief unlimited“ in der Münchner Theatinerkirche teil. Seine Installation in der Genezareth Kirche mit dem Titel „Deus Absconditus“ thematisiert den „verborgenen Gott“. Die Pfarrerin der Gemeinde wird zu diesem Werk ihre Sonntagspredigt halten.

destiny rose – Performance von Nezaket Ekici und Mitgliedern der Herrnhuter Brüdergemeine, So 14 Uhr in Evangelische Brüdergemeine (Herrnhuter) (PAS-24), Kirchgasse 17

Five Stories“ – Performance von Kei Takemura, Sa 16:30 Uhr, 19:30 Uhr, 22 Uhr – So 12:30 Uhr, 14:30 Uhr in Katholische Kirche St. Clara ( PAS-08), Briesestr. 13

Tamata-Namama – Installation von Eleni Papaioannou, Sa 11-22 Uhr, Sri Ganesha Tempel (FLU-02), Hasenheide 106

„Alam-i kebir – Alam-i sagir“ – Ausstellung von Birgit Anna Schumacher, Sa 11-23:30 Uhr, So 11-19 Uhr in der Sehitlik Moschee (SCHI-02), Columbiadamm 128

Deus Absconditus – Installation von Ervil Jovković, Sa 11-22 Uhr, So 11-19 Uhr in der Genezarethkirche (SCHI-12), Herrfurthplatz 14

 

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