von am 22. Juni 2016
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Die Festivalleitung von 48 Stunden Neukölln: Martin Steffens (li.) und Thorsten Schlenger. Foto: Heiko Hildebrandt

Immer im Juni verwandelt 48 Stunden Neukölln den Bezirk in einen riesigen Kunstkessel, gefüllt mit allerlei Werken und Positionen. In diesem Jahr wird das freie Kunstfestival volljährig. Doch ist die Künstlerschaft wirklich schon „SATT“, wie das diesjährige Thema vermuten lässt? Ein Gespräch mit den Festivalleitern Martin Steffens und Thorsten Schlenger.

Diesmal widmet sich 48 Stunden Neukölln dem Thema „SATT“ – ausgewählt aus 70 Vorschlägen, die Neuköllner Künstler eingereicht hatten. Was hat euch daran überzeugt?
Thorsten Schlenger: Der Vorschlag kam von dem Künstler Vince van Geffen und hat die Jury überzeugt, weil das Thema so viele Ebenen hat. Zum Beispiel gibt es das Gefühl des Zu-satt-seins – man weiß nicht mehr, wie man die vielen äußeren Eindrücke noch künstlerisch verarbeiten soll. Oder man hat etwas satt und erträgt es nicht mehr. Dann sind noch komplexere Zugänge vorhanden, wie die Übersättigung im chemischen Sinne oder Fragen zum Lebensmittelkonsum. Wir wollen die Frage stellen, ob Kunst Hunger nach etwas anderem machen kann. Gibt es eine Lust, die über das Konsumdenken hinausgeht? Hier sind wir mit dem Festival in einem sehr aktuellen Diskurs.

Es gibt 270 Festivalorte und ungefähr 400 Festivalbeiträge – ist das nicht auch Übersättigung pur?
Thorsten Schlenger: Im Prinzip bilden wir ja nur die Übersättigung ab, die in der Stadt sowieso vorhanden ist. Berlin ist, was Kunst und Kultur angeht, die übersättigste Stadt Europas und bei 48 Stunden Neukölln ist das Phänomen ins Kleine runtergebrochen. Aber ich sehe das als großes Privileg: Ich darf nicht alles sehen müssen!
Martin Steffens: Für mich ist es ein sehr genussvolles Satt. Satt ist ja nicht immer nur negativ. Hier ist es tatsächlich so viel, dass es auch schon wieder nicht so schlimm ist, wenn man nicht alles sieht.

Grafik: Thomas Lehner, Foto: Andy King

Wie „satt“ ist die Kunst? Eine von vielen Fragen, die das diesjährige Thema aufwirft. Grafik: Thomas Lehner, Foto: Andy King

Warum habt ihr euch für die Einführung eines Festivalthemas entschieden? Am Anfang konnte ja noch jeder mitmachen. Jetzt müssen sich die Künstler um eine Teilnahme bewerben, indem sie einen Vorschlag zu dem gewählten Thema einreichen.
Martin Steffens: Wir sind 2010 an einen Wendepunkt gekommen. Am Anfang hatten wir 100 Veranstaltungen und plötzlich waren wir bei 800. Dadurch gab es unter anderem einen Einbruch der Besucherzahlen an den einzelnen Orten. Das kulturelle Leben in Neukölln ist damals plötzlich zu stark gewachsen und das Publikum ist nicht hinterher gekommen. Heute ist das bei einem verkleinerten Angebot wieder im Gleichgewicht.
Thorsten Schlenger: Das Thema gibt dem Festival einen Fokus und dem Publikum einen Kompass durch das Programm. Die Themen sind immer sehr offen gefasst. Bei der Themenausarbeitung geht es uns darum, verschiedene Zugänge zu ermöglichen. Uns geht es um die Auseinandersetzung und wir freuen uns immer über neue Sichtweisen.

Trotzdem möchtet ihr anscheinend wieder etwas zurück zu den Anfängen des Festivals: Es wird wieder mehr Wildwuchs geben. Ein Highlight, wie das aufblasbare Schlauchboot auf dem Tempelhofer Feld im letzten Jahr, das alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist nicht dabei.
Martin Steffens: Das Projekt „Live Boat“ von Plastique Fantastique war ein Geschenk, das wir so nicht hätten beauftragen können. Natürlich freuen wir uns, wenn sich Künstlerinnen und Künstler in der Art einbringen und uns als Plattform für ihre spannenden Arbeiten nutzen wollen – das passiert immer mal wieder. Aber so ein richtiges dominantes Kunstwerk gibt es in diesem Jahr nicht. Es ist schön, dass die Aufmerksamkeit nun wieder in die Breite geht.
Thorsten Schlenger: Ja, es ist dieses Jahr weniger Highlight-lastig. Was nicht passiert, ist ein Schritt zurück, wo jeder machen kann, was er will, sondern auch die Qualität wächst in die Breite. Die einzelnen Projekte sind spannend und die einzelnen Kunsträume bekommen mehr Raum. Das Festival lebt als Plattform für die freie Kunstszene ja von der Synergie. 200 bis 300 Projekte, die sich alle mit dem gleichen thematischen Kontext befassen, ist schon was ganz Besonderes.

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Hier ist das Vollgutlager noch fast leer – in diesem Gebäude in der ehemaligen Kindl-Brauerei wird die zentrale Ausstellung gezeigt. Foto: GOLDEN BOX

Die zentrale Ausstellung wird im Vollgutlager und nicht mehr in den Neukölln Arcaden stattfinden. Warum dieser Ortswechsel? Ein Einkaufszentrum, also ein Konsumtempel schlechthin, hätte doch gut zum Festivalthema gepasst.
Thorsten Schlenger: Über die Nutzung der großen Fläche in den Neukölln Arcaden konnten wir die Breite der Neuköllner Bevölkerung, die dort einkaufen geht, erreichen. Das hat gut funktioniert. Dieses Jahr war die Fläche aber leider anders verplant. Und jetzt sind wir im Vollgutlager, da, wo sozusagen ein kleines Neuköllner Märchen passiert: Da kommt eine Schweizer Stiftung, entzieht ein großes Gelände dem Marktkreislauf und möchte dort kulturelle und soziale Projekte ansiedeln. Wo gibt es das heute noch?
Martin Steffens: Der Reiz des Festival ist ja auch, dass wir immer sehr unterschiedliche Orte bespielen. Wir waren mit der zentralen Ausstellung schon im Gefängnis Neukölln, in der Alten Post und im Sudhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei, bevor das KINDL – Zentrum für Zeitgenössische Kunst dort eingezogen ist. Es ist schön, dass wir einen zentralen Ausstellungsort haben, der sich aber immer wandelt. Auf Dauer wäre es einfach langweilig, wenn man den immer gleichen Ort bespielt. Und das Vollgutlager ist noch extrem rough. Da gibt es kein kunstaffines Licht, keine Galerieleisten und nichts.

Das Festival bekommt diesmal internationalen Besuch: An der Eröffnung ist das litauische Tanztheater AURA beteiligt und es wird einen Festival-Austausch mit dem südkoreanischen Kim Whan Ki International Art Festival geben, für das ein Gegenbesuch im Juli geplant ist. Wie kam es zu diesen Kooperationen und wo ist der Bezug zur freien Kunstszene in Neukölln?
Thorsten Schlenger: An der Gestaltung der Eröffnung ist auch die in Neukölln lebende litauische Künstlerin Almyra Weigel beteiligt. Hier ist der Neukölln Bezug also sehr direkt. Und: Es handelt sich um Festivals, die in einer ähnlichen Situation sind wie wir. Dabei geht es nicht darum, zusätzliche Inhalte aus dem Ausland zu importieren, sondern die Möglichkeit, in Zukunft Neuköllner Künstlerinnen und Künstler auch auf Reisen schicken zu können. Die Öffnung nach außen hat eigentlich eine sehr befruchtende Funktion.
Martin Steffens: Es ist ja auch so, dass 48 Stunden Neukölln Vorbild für verschiedene Festivals in Deutschland und Europa geworden ist. Wir selbst sind natürlich auch offen für Anregungen und Austausch und wollen gucken, wie andere solche Festivals machen.

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Bei der Eröffnung des Festivals am Freitag zeigt das litauische Tanztheater AURA eine Performance in Kostümen der in Neukölln lebenden Künstlerin Almyra Weigel. Foto: Renatas Neverbickas

Das Interview erschien in gekürzter Fassung in der aktuellen Ausgabe des Stadtmagazins Zitty. Ebenfalls darin zu finden: Viele Empfehlungen für 48 Stunden Neukölln und Insidertipps für den Neukölln-Besuch von unserer Redaktion.

 

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