von am 23. Juli 2012

Screenshot: neukoellner.net

Seit einigen Wochen geistert ein Video aus Neukölln durchs Netz: „Cash, Diamond Rings, Swimmingpools“ von der Berliner Künstlerin Dena. Ist das ihr Ernst, oder alles nur Attitüde?

Was für eine Fresse. Ein Ausdruck irgendwo zwischen kopfnickender Lässigkeit und enormen Desinteresse, flankiert von einem falsch herum aufgesetzten Cap auf dem Kopf und um den Hals eine dieser massiven Metallketten, die bei manchen Jungs früher als verbindendes Stilelement zwischen Schlüssel und Geldbeutel cool an der Hose baumelte. Die Frau mit dieser grandiosen Mimik heißt Dena und ihr aktuelles Musikvideo „Cash, Diamond Rings, Swimming Pools“ haben sich binnen vier Wochen allein auf YouTube mehr als 170.000 Leute geklickt.

Glitzer und Gold ist nicht unbedingt die große neue Nummer im Hip Hop, im Gegenteil. Bling-Bling ist eher ein Relikt des Gansta Raps der Neunziger und frühen Nullerjahre. Umso spannender ist Denas Umsetzung und Inszenierung des Themas. Ein Flohmarkt mitten in Neukölln. Keiner dieser Hipster-Märkte, auf denen moderne Großstädter ihre selbstbedruckten T-Shirts verkaufen, sondern die solide Nummer, wo die Menschen hingehen, weil sie auf die billigen Preise dort angewiesen sind und wo sich in den Auslagen der Stände die Sehnsucht der Leute nach dem besseren Leben widerspiegelt: gefälschter Schmuck, Markenimitate und viel Glitzer. Und mitten drin das rosa Knallbonbon Dena in ihrem Trash-Outfit, in dem sie unter dem eher klassisch in schwarz angezogenem Publikum zwar definitiv heraussticht und sich doch irgendwie gut in die Umgebung einfügt – nicht zuletzt durch die gemeinsamen Tanzeinlagen mit dem Flohmarktpersonal.

Ganz im Gegensatz zu Erlend Oye, dem Sänger der Band The Whitest Boy Alive, der im Video einen kleinen Auftritt hat und mit seinem blonden Haarwuschel, der übergroßen Nerdbrille auf der Nase, in adrett geknöpftem Hemd und lachsfarbener Hose in etwa so gut ins Bild passt, als hätten ihn vor 30 Jahren ein paar Aliens entführt, um ihn ausgerechnet zu diesem Videodreh in Neukölln wieder auf die Erde zu spucken. Noch ein wenig paralysiert, trabt er vergnüglich neben Dena her, während der Rhythmus seine schlacksigen Glieder durch die Luft wirbelt. Eine Berliner Rapperin aus Bulgarien, die englisch singt Zum Dreh befragt, erklärt Dena, die mit vollem Namen Denitza Todorova heißt, es sei sehr lustig gewesen, weil fast alle dort bulgarisch gesprochen hätten.

Wie der Regisseur Plamen Bontchev stammt auch sie aus Bulgarien und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Musikalisch ist sie bisher nur im Dunstkreis von The Whitest Boy Alive in Erscheinung getreten, durfte bei deren Konzerten hin und wieder auf die Bühne und hatte bei beiden Studioalben einen kleinen Auftritt. Die Jungs hätten sie bei ihrem Soloprojekt von Anfang an unterstützt und konstruktive Kritik geliefert. Da drängt sich natürlich die Frage der Authentizität Denas als Rapperin auf, der Realness, wie es im Hip Hop so schön heißt. Ist sie am Ende doch nur ein Groupie, ein nettes kleines Hipstermädchen, für die Rap keine Musikrichtung, sondern Style ist? Tatsächlich ist sie in Echt so, wie sie im Video rüberkommt: eine Berliner Rapperin aus Bulgarien, die englisch singt. Deutschen Hip Hop kennt sie kaum. Doch, von den Fantastischen Vier hatte sie mal Kassetten. Als sie klein war, in Bulgarien.

Sonst fußt ihre musikalische Sozialisation auf den US-amerikanischen Vertretern wie A Tribe Called Quest und J Dilla. HipHop-Klischees und unerfüllte Sehnsüchte „I know that the grass is always greener on the other side“ – das Gras auf den anderen Seite ist immer grüner. „Cash, Diamond Ring, Swimming Pools“ greift die alten Hip-Hop-Klischees von Luxus und Reichtum auf, ironisiert sie und zieht sie aber nicht ins Lächerliche, sondern zeigt vielmehr die Bodenständigkeit, die hinter dieser Sehnsucht steckt. Wem es an den grundlegenden Dingen des Lebens mangelt, träumt von Statussymbolen und nicht von höherer Bildung. Um zumeist unerfüllte Sehnsüchte dreht sich auch das zweite von drei bisher veröffentlichten Stücken. „Everybody is on a tv show screaming: I’m a star“ – alle sind in einer Fernseh-Show und schreien: Ich bin ein Star. Das Stück „Games“ handelt eigentlich von der Enttäuschung durch falsche Freunde, „Fake-Leute”, wie Dena sie nennt, trifft mit seinen Bildern und Beschreibungen aber einen wunden Punkt, den ein Großteil der sog. „digitalen Bohème“ spüren dürfte: die permanente Selbstdarstellung im Internet auf der Suche nach Glanz und Gloria. Und Geld.

Das möchte Dena letztendlich auch verdienen – es muss ja nicht gleich ein Pool sein – und arbeitet momentan emsig an der Umsetzung von Klickzahlen in Bares. Das bulgarische Nationalfernsehen hat ihr Video immerhin gleich nach dem zweiten Tag der Veröffentlichung gespielt.

Der Text ist in gekürzter Fassung in der Freitag-Ausgabe vom 20.07.2012 erschienen.

 

2 Kommentare:

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    An sich ein netter Song. Allerdings etwas unoriginell, da hier beinahe 1:1 die Sängerin M.I.A. kopiert wird, die mit dem gleichen Style (sowohl musikalisch als auch visuell) vor ein paar Jahren sehr erfolgreich geworden ist.

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