von am 5. April 2012

Und was trägst du so? DAS INSTITUT für Identitätskultur und Zeitgeschmack regt mit einer Ausstellung zum Nachdenken über Mode, Kleidung und Stil an.

Eine Vernissage an einem Sonntag Nachmittag ist durchaus eine willkommene Gelegenheit, sein Sonntagskleid auszuführen. Für manche ist das dann eher die gemütliche Jogginghosen-Variante, andere wählen ihre Garderobe etwas schicker. Und schon ist man mitten drin im Thema der Ausstellung, mit der DAS INSTITUT in Neukölln seine Arbeit aufnimmt. Was zunächst wissenschaftlich klingt, entpuppt sich als ein Kunstprojekt von Ann-Kathrin Rudorf. Sie quartiert sich an wechselnden Orten als Zwischenmieter ein, um Gruppenausstellungen zu einem bestimmten Thema zu zeigen. Passend dazu wechselt DAS INSTITUT seinen Namen, derzeit heißt es: „DAS INSTITUT für Identitätskultur und Zeitgeschmack“.

Amorphe Nachthemden: „Underwear“ von Marianne Stoll

Wer nur flüchtig am INSTITUT vorbeigeht, könnte den Projektraum auch für einen Modeladen halten. Im Schaufenster reihen sich avantgardistische Nachthemden in Nude-Tönen aneinander. Die Berliner Künstlerin Marianne Stoll nähte für ihre Arbeit „Underwear“ Drapierungen, Rüschen und Schläuche aus Stoff auf die Spitzenkleider, um den Körper um weiblich anmutende Rundungen zu erweitern. Wie aber fühlen sich Männer in diesen zartrosa femininen Kleidchen? 14 echte Kerle schlüpften in die Kreationen der Künstlerin, die sie fotografierte und zu ihren Empfindungen beim Kleiderwechsel befragte. Auch anlässlich des Künstlergesprächs am gestrigen Abend lud Stoll zur Anprobe. Veranstaltungen wie diese wird es im INSTITUT jeden Mittwoch geben.

Dünn dank Photoshop

Mit überzogenen Schönheitsvorstellungen konfrontiert uns Ivonne Thein: „Zweiunddreißig Kilo“ heißt ihre Fotoserie, die magersüchtige Mädchen in Model-Posen zeigt. Die Bilder verstören und schockieren, sind aber nur Resultat einer Photoshop-Bearbeitung. Thein thematisiert nicht nur den Magerwahn, sondern auch die Tricks der Schönheitsindustrie, die der Gesellschaft ein gefährliches Ideal vorsetzt.

Leider nicht zu sehen: Ulf Pleines in seinem „Tarnanzug“

Eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Design ist das Projekt „Tarnanzug“ von Ulf Pleines. Mit Hilfe eines ausgeklügelten Verfahrens entwickelte der Weimarer Architekt Camouflagemuster für verschiedene Städte, die die Farbigkeiten, Muster, Lichtverhältnisse, Verkehrs- und Grünflächenanteile der einzelnen Orte widerspiegeln. Ein Ganzkörperanzug in diesem Muster soll es seinem Träger ermöglichen, im Stadtraum zu verschwinden.

Das gelingt Pleines bei der Vorführung am Eröffnungsnachmittag nicht ganz, aber darum geht es ja im Grunde gar nicht. Vielmehr um Individualität im urbanen Gefüge und die Lust (oder auch Unlust), sich inkognito zu bewegen.

Du bist was du trägst

Ein Stück weit unsichtbar wird casino francais en ligne auch Dita Pepe in ihren Fotos: Für ihre „Selfportraits with Women“ verwandelte sich die tschechische Künstlerin auf eindrucksvolle Weise in die Doppelgängerin zahlreicher Frauen. Wie Zwillingsschwestern posieren sie gemeinsam vor der Kamera. Im INSTITUT sieht man Pepe aktuell u.a. als Punk, Sportlerin oder Prostituierte – ein Spiel mit identitätsstiftenden Merkmalen und Rollenvorstellungen.

Während Pepe die individuelle und private Kleider- und Stilwahl unter die Lupe nimmt, treten die „Mitarbeiter“ des Bundesamts für Bekleidung stets in einer selbst entworfenen mausgrauen Uniform in Erscheinung. Die Schweizer Künstlergruppe, ein Projekt der Zürcher Hochschule der Künste, kokettiert mit ihrem offiziellen Anstrich. Ihre witzigen Projekte sind eine Ermunterung, sich mit dem eigenen Konsumverhalten auseinander zu setzen. Passend zu aktuellen Nachhaltigkeitsdebatten ruft das Bundesamt etwa dazu auf, selbst Baumwolle zur Herstellung von Kleidung anzubauen, oder bietet Anti-Shopping-Pillen für Kaufrauschgefährdete.

Ronald Reagan: Weltende ist nah

In einem schmalen Flur kann sich der Besucher selbst verewigen. Aufschriften wie „Machen Kleider Leute?“ sind als an der Wand angebracht, als Anreiz, seine Gedanken über Mode und Bekleidung daneben zu schreiben. Ein solches Gästebuch wirkt fast wie der Abschluss der Ausstellung, hat man doch noch nicht die beiden Videoarbeiten  im hinteren Teil der Räumlichkeiten gesehen. Verglichen mit den übrigen Arbeiten ist der Zugang zum Überthema der Ausstellung hier etwas schwieriger.

Der spanische Regisseur Alberto González Vázquez verwendete für „El Fin Del Mundo“ Ausschnitte einer Fernsehansprache von Ronald Reagan, über die er einen Vortrag über das bevorstehende Ende der Welt spricht. Ursache dafür seien die paradoxen Zyklen der Mode, die das Gleichgewicht des Universums aus den Fugen bringen. Alles etwas weit hergeholt und undurchsichtig. Nebenan nimmt uns die thailändische Filmemacherin Araya Rasdjarmrearnsook mit in ihre Heimat. Sie zeigte einfachen Bauern Bilder von Van Gogh, Millet, Manet oder Renoir und bat sie, die Alten Meister zu interpretieren. Die fast kindlichen Deutungsversuche der Dorfbewohner sind sehr nett anzuschauen, lassen sich aber eher als kritische Äußerung zum Kunstkanon denn zur Modewelt betrachten.

DAS INSTITUT hat sich für seine erste Ausstellung ein weitreichendes Thema aufgebürdet, zu dem es eine Masse an künstlerischen Betrachtungsweisen gibt. Die Auswahl der Künstler und Arbeiten ist jedoch spannend und steckt ein sinnvolles Feld an Aspekten an, die sich meist spielerisch ergänzen.  Nach den vier Wochen in der Berthelsdorfer Straße zieht Ann-Kathrin Rudorf weiter in den Schillerkiez. Im Rahmen von 48h Neukölln wird der Projektraum dort als „INSTITUT für Paradiesvermittlung und Ressourcenstärkung“ seine Tore öffnen.

DAS INSTITUT für Identitätskultur und Zeitgeschmack
Berthelsdorfer Str. 12
Mo, Mi, Fr 14-20 Uhr
Mi ab 20 Uhr Künstlergespräche
http://das-institut-berlin.de/ 

 

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