von am 17. Dezember 2015
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So sieht der Laden von innen aus (Foto: Studio Hertzberg)

Turnbeutel aus alten Herrenhemden, Sonnenbrillen aus dem 3D-Drucker, upgecycelte Gardinen – im kollektiven Showroom Studio Hertzberg wird alles fair produziert. Also möglichst lokal, ökologisch und sozial. Zwölf junge Designer haben sich in dem ehemaligen Coworking Space zusammengetan. Der im September eröffnete Laden dient nicht nur zum Verkauf, sondern ist auch Produktionsstätte. Wie das geht, erklärt Gründerin Lea Strunk.

Interview: Magdalena Kotzurek

neukoellner.net: Wie waren die ersten Wochen Ladenbetrieb? Und wieso habt ihr euch eigentlich für den Hertzbergplatz entschieden?
Lea Strunk:
Die Reaktionen sind sehr gut. Wir bekommen viel Feedback und selbst der Postbote ist unser Kunde geworden! Ich habe den Laden am Hertzbergplatz vor drei Jahren angemietet und mir eigentlich damals nicht so viele Gedanken darüber gemacht, es war eine sehr intuitive Entscheidung. Aber ich denke, dass sich in Zukunft hier noch sehr viel verändern wird. Da ich auch um die Ecke wohne, habe ich das Ganze seit Jahren beobachten können und der Wandel bleibt auch hier nicht aus. Wahrscheinlich passt es im Moment noch nicht hierhin, aber vielleicht ist es genau das, was so spannend ist.

Was ist so besonders an dem Konzept, dass ihr sogar von der Wirtschaftsförderung des Bezirks unterstützt werdet?
Das fragen wir uns auch manchmal! Aber ich denke, das Konzept ist sehr einzigartig, jedenfalls in der Größe und mit der Anzahl der Leute. Jeder von uns hat seinen eigenen Stil, daher sind wir kein Laden, indem es zum Beispiel nur Streetwear oder nur High-End-Fashion gibt. Bei uns gibt es sehr viele unterschiedliche Sachen und trotzdem gibt es ein Gesamtbild und unsere Sachen sind untereinander gut kombinierbar.

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Lea Strunk (vorne mittig) und Design-Kolleginnen und -kollegen (Foto: Studio Hertzberg)

Wir arbeiten und produzieren vor Ort im Studio Hertzberg und teilen uns alle anfallenden Verpflichtungen rund um den Ladenbetrieb. Das entlastet jeden ungemein. Kunden können direkt mit den Designern sprechen, es können vor Ort Änderungen vorgenommen werden und man kann sich sicher sein, wie und von wem die Kleidung hergestellt wurde. Außerdem ist bei uns immer was los, es ist sehr lebendig und pulsierend. Und es gibt einige wirtschaftlich nachhaltige Gründe, verbunden mit der Kiezaufwertung und auch mit der Hoffnung, zukünftig Arbeitsplätze zu schaffen für die Jugendlichen in Neukölln.

Seid ihr mit zwölf Künstlern erst einmal komplett oder plant ihr, auch neue Kreative aufzunehmen?
Wir planen jedenfalls vorerst so zu bleiben, da wir es zusammen aufgebaut haben. Drei Mädels sind noch aus der Coworking-Zeit dabei und alle anderen sind erst dieses Jahr dazu gestoßen. Eine erste Veränderung hat sich allerdings schon ergeben und zwar ist unsere liebe Burcu, die Comiczeichnerin, gegangen. Für sie war direkt nach dem Studium noch nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Projekt. Doch nun ist eine weitere Modedesignerin eingezogen und das ist auch schön.

Wie kam denn die Idee auf, auch Illustrationen und Comics anzubieten?
Das hat sich einfach so ergeben. Als ich Leute für das Projekt suchte, habe ich nicht nur darauf geachtet, was sie machen, sondern auch auf das Menschliche. Es ist wie in einer riesigen WG und da sind auch viele andere Dinge wichtig, wie Empathie, gemeinschaftliches und soziales Denken und Handeln. Egoshooter und narzisstische Künstler oder Designer passen hier nicht rein, das würde zu großen Problemen führen. Unsere Illustratorin Amy Alexander und die Comiclady sind einfach super tolle Mädels, deshalb gibts bei uns auch Kunst.

Wie lokal sind die Kleidungsstücke? Wer genau produziert sie und welche Materialien werden verwendet?
Wir produzieren alles im Studio Hertzberg oder mit Schneidern und Schneiderinnen aus der Umgebung. Manchmal arbeiten wir auch mit der Integrationswerkstatt WERGO in Weißensee zusammen. Für mein Männermodelabel Strunk benutze ich nur Stoffe, die nach dem Global Organic Textile Standard zertifiziert sind, und natürlich wird lokal produziert. Mir bedeutet das sehr viel. Ich könnte auch nicht mehr zurück zu konventionellen Stoffen, dafür habe ich mich zu viel damit beschäftigt.

Elise Rolot beispielsweise, die Damenmode macht, kombiniert Biostoffe mit Upcycling-Materialen, verwendet also sowohl neue als auch alte Stoffe, und stellt hier auch alles selber her. Galponia ist ein reines Upcycling Label. Die Designerin Yanina Raspa benutzt Second-Hand-Shirts und Regenschirme und stellt daraus einzigartige Taschen her. Wir haben auch ein Zero-Waste Label, ein sozialunternehmerisches, und ein weiteres Upcycling Label: Sepideh Ahadi, Con.hilo und Agente Costura.

Inwiefern bedenkt ihr auch faire Preise – für Künstler, Produzierende und Kunden?
Ich denke unsere Preise sind sehr niedrig im Vergleich zu der Arbeit, die wir haben. Wir beuten uns eher selber aus.

Wie klappt es, wenn zwölf Projekte gemeinsam einen einzelnen Laden führen?
Ich bin selbst überrascht wie gut es klappt. Wir sind alle sehr respektvoll und tolerant und es hat sich eine Vertrauensbasis aufgebaut, die sehr viel wert ist. Wir können uns aufeinander verlassen und auch die Arbeitsaufteilung klappt. Jeder zahlt den gleichen Mietanteil, egal wie viel Platz er braucht. Dadurch ist es sehr entspannt und es gibt keine finanziellen Konflikte.

Studio Hertzberg, Sonnenallee 174, 12059 Berlin-­Neukölln, Öffnungszeiten: Mittwoch-­Samstag 13-­19 Uhr

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