von am 8. Februar 2014

Martin_SteffensMartin Steffens betreut den Kunstraum t27 seit seinen Anfängen. Im Interview erklärt er das ungewöhnliche Konzept des Ausstellungsorts, der nur durch viel Improvisation, Enthusiasmus und engagierte Unterstützer besteht.

Als Leiter des Festivals 48 Stunden Neukölln hat Dr. Martin Steffens die Kultur in Neukölln entscheidend mitgestaltet und vorangebracht. Er ist außerdem Vorsitzender des Kunstvereins Neukölln, der den Kunstraum t27 betreibt. Der Projektraum existiert seit 2005, zunächst als ein Ausstellungsort für arbeitslose Künstler mit einer Finanzierung durch das Jobcenter. Sie endete 2007 – ein neues Konzept musste her.

Herr Steffens, wie finanziert sich der kunstraum t27 heute?
Dr. Martin Steffens: Zum einen durch die Beiträge von den Mitgliedern des Kunstvereins Neukölln, was aber momentan nur für etwa die Hälfte der Miete reicht. Dann durch viel ehrenamtliches Engagement von Seiten des Vorstands und anderer Menschen, die uns unterstützen. Eine Option, die wir ablehnen, wäre Geld von den ausstellenden Künstlern zu verlangen. Das gibt es ja bei einigen Ausstellungsorten, wo man quasi die Wände einzeln vermietet. Das finden wir aber unangemessen, gerade weil Künstler häufig selbst mit ihrem Einkommen haushalten müssen. Deswegen bitten wir die Aussteller, uns ein Werk zu stiften. Die geht dann in unsere Kunst-Lotterie, die es bei jeder Ausstellung gibt. Für 5 Euro kann man ein Los kaufen, darauf notiert man, welche Arbeit man gerne hätte. Die Gewinner werden dann bei der Finissage gezogen.

Wie kam es zu dieser Idee?
Not macht erfinderisch. Erst dachten wir, eine Auktion abzuhalten, aber ich hab schon einige peinliche Auktionen erlebt: Wenn niemand mitbieten will und Arbeiten dann gar nicht weggehen oder nur zum Mindestgebot. Die Leute, die unsere Ausstellungen besuchen, sind häufig nicht reich. Wir wollten aber gerne, dass alle Menschen originale Kunst besitzen können. Und selbst die 5 Euro für das Los sind für viele Menschen in Neukölln ein stolzer Preis. Wenn aber jemand genug Geld hat und für alle zur Auswahl stehenden Kunstwerke Lose kauft, freuen wir uns darüber natürlich auch! Ebenso über Spenden.

Keramikscherben auf einem Podest

Installation von Jörg Ahrnt im Kunstraum t27

Verkauft der Kunstraum auch Arbeiten?
Wenn einem in der Ausstellung eine Arbeit gefällt, kann man die bei uns kaufen. Wir sind zwar ein Kunstverein, aber wir dürfen schon Geld einnehmen. Wir müssen es dann nur halt der Satzung entsprechend ausgeben. Das fällt uns aber relativ leicht. Es gilt, die Ausgaben für Miete, Nebenkosten, Strom und Einladungskarten zu decken, wir übernehmen auch den Transport der Arbeiten innerhalb Berlins, und damit wird es schon immer ganz schön knapp. Ohne die Kunstlotterie würde es uns gar nicht mehr geben. Und die Chancen zu gewinnen sind ehrlich gesagt ziemlich hoch, da es maximal 50 Lose im Topf gibt. Außerdem haben wir eine Aktion namens „Mäzen des Tages“ – für 19,87 Euro kann man die Miete für einen Tag sponsern. Der Name des Mäzens steht dann an der Tür, was natürlich gerade bei den Vernissagen, wenn viel los ist, recht beliebt ist. Aber es gab auch schon Mäzene für einen ganzen Monat.

Der Fokus liegt auf Gruppenausstellungen. Sind darunter auch immer Künstler aus dem Kunstverein?
Nein, aber ich merke, dass das ein häufiges Missverständnis ist. Manche vermuten, dass wir eine Produzentengalerie wären, dass wir uns also nur selbst ausstellen. Unsere Ausstellungen sind aber immer themengebunden. Ausgehend vom Thema überlegen wir, welche Künstler uns einfallen. Manche kennen wir, von anderen hat man mal etwas bei einer anderen Ausstellung gesehen. Wenn die dann zusagen, ohne dass man sich vorher kannte, freut uns das sehr – denn zugegebenermaßen bieten wir keine tollen Bedingungen. Es gibt zum Beispiel keine Ausstellungshonorare. In Berlin hat man aber viele gute Künstler quasi vor der Haustür, das ist ein Vorteil für uns. Aber hin und kommen die Ausstellenden auch aus dem Ausland. Vorletztes Jahr etwa haben wir ein Artist-in-Residence-Programm für Nicht-Berliner gestartet. Die Künstler aus Italien und dem Rheinland haben dann nacheinander für jeweils zehn Tage hier gearbeitet und auf dem Schlafsofa übernachtet. Da wir keine Dusche haben, gab’s eine Zehnerkarte fürs Stadtbad Neukölln. Alles total improvisiert, aber es hat trotzdem viel Spaß gemacht. Letztes Jahr haben wir dann drei Künstler aus Neukölln gebeten, sich für das „Kunst-Tandem“ einen Partner aus einem anderen Ort auszusuchen.

Zwei Besucher im Kunstraum, Bilder an der Wand

Die Ausstellung „amalgam“ im Kunstraum t27

Sind das Maßnahmen, um sich aus Neukölln heraus zu öffnen?
Der Verein hat sich durch die Satzung verpflichtet, Kultur in Neukölln zu fördern. Das tun wir, indem wir Neuköllner und überregionale Künstler präsentieren. Als wir hier 2005 angefangen haben, gab es natürlich bereits viele Künstler in Neukölln. Aber eher in der Subkultur. Einige Ausstellungsorte waren auch schon da, aber man ist wenig aus Neukölln hinaus gekommen und war sehr selbstgenügsam. Neukölln war kein Exportschlager. Das ist es jetzt vielleicht immer noch nicht, aber die Kunstszene wird doch zunehmend als aufregend und interessant wahrgenommen. Die in Neukölln lebenden Künstler sind heute sehr viel unterwegs und stellen auch international aus. Ebenso kommen viele Neugierige gezielt nach Neukölln.

Gerade sieht man hier fast nur Wandarbeiten. Sind die Räumlichkeiten da eine Einschränkung?
Es gab schon auch Ausstellungen, bei denen gar nichts an der Wand hing. Besonders schätzen wir auch Arbeiten, die mit dem Raum interagieren. Es gibt ja hier keinen einzigen rechten Winkel. Das ist schon etwas schwierig zu hängen, wenn man nur die Wasserwaage nimmt, sieht alles schief aus. Letztes Jahr haben wir auch ein Programm zum Month of Performance Art gemacht. Dann gibt es noch die Reihe „Projektionen“ mit Dias, 16mm- und Super8-Filmen und Performances passend zum Thema Licht. Und gerade zu den Filmen kommen viele Menschen, die mit Kunst sonst nicht so viel zu tun haben. Es gibt also häufig viel mehr als „Flachware“ zu sehen.

Kommt auch die Nachbarschaft in die Ausstellungen?
Die Nachbarschaft ist sehr heterogen. Das ist immer so eine Frage, ob Kunst automatisch inklusiv wirkt. Kunst kommt in der Lebensrealität vieler Leute in Neukölln aber gar nicht vor. Viele haben ganz andere Probleme.
Gerade bei der aktuellen Ausstellung gibt es aber auch viel Handwerkliches, über das man staunen kann, wie etwas gemalt oder gezeichnet ist. Das kann also auch Menschen begeistern, die keinen intellektuellen Zugang zu Kunst haben. Bei stärker konzeptuellen Arbeiten ist das schon schwieriger. Wenn man sich nicht traut nachzufragen, versteht man es vielleicht auch nicht. Wir kommen natürlich gerne mit den Leuten ins Gespräch, aber es ist häufig erst mal ein gewisser Abstand da. Das ist auch eine Frage der gemeinsamen Sprache – ich ärgere mich ja selbst manchmal, nicht so verständlich erklären zu können wie ich eigentlich möchte. Aber häufig ist Kunst einfach kompliziert und komplex – da ist es manchmal nicht möglich, etwas simpel zu vermitteln.

Die nächste Kunst-Lotterie findet am Sonntag, 9.2. um 19.30 Uhr statt. Es ist die Finissage zur aktuellen Ausstellung: „amalgam“ mit Arbeiten von Jörg Ahrnt, Ulrike Dornis, Barbara Eitel und Juliane Laitzsch.
Thomasstr. 27
Mi-So 15-19 Uhr
www.kunstraumt27.de

 

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