von am 29. August 2016
Malka Spigel und ihr Ehemann Colin Newman (Foto: Cargo Records)

Malka Spigel und ihr Ehemann Colin Newman (Foto: Cargo Records)

Das Musikerpaar Malka Spigel von Minimal Compact und Colin Newman von Wire hat kürzlich eines ihrer schönsten Nebenprojekte wiederbelebt: Immersion. Wie man es schafft, 30 Jahre lang nicht nur zusammen zu leben, sondern auch Musik zu machen, erzählen sie im Interview.

Interview: Juliane Liebert

Musikalische Helden sind eine schwierige Nummer, hat man sie einmal, tun sie ständig Dinge, die einem nicht passen. Sie trennen oder reuniten sich oder lassen einen auf Alben warten. Manchmal sterben sie, ohne einen vorher zu fragen, es ist ein Graus. Selten, ganz selten, tun sie auch Gutes: So haben Malka Spigel von Minimal Compact und ihr Ehemann, Colin Newman von Wire, kürzlich eines ihrer schönsten Nebenprojekte wiederbelebt: Immersion.

Immersion entstand in den Neunzigern, während Newman nach eigener Aussage ein Jahrzehnt lang „so gut wie möglich alles vermied, was mit Singen zu tun hat“. Es war ein unerwartetes, technoides Ambientprojekt, dass 1999 von der Bildfläche verschwand – um jetzt unverhofft und zur Freude seiner Kenner wieder aufzutauchen. Ihr kommendes Konzert auf dem Pop Kultur-Festival in Neukölln spielen Immersion zum ersten mal mit einem Schlagzeuger, Roland Lippok von To Rococo Riot und Tarwater. Der eigentliche Star der Band sei aber – so behaupten sie – ihr Syntheziser.

neukoellner.net: Es gibt die Story, dass ihr, als ihr geheiratet habt und zusammengezogen seid, einen Synthie gekauft habt, bevor ihr auch nur eine Waschmaschine hattet. Ist da was dran?
CN: Als Malka und ich zusammenzogen, war sie vorher schonmal mit einem anderen Musiker zusammen gewesen, ich noch nie. Wir kauften einen I-Track, ein Mixing Board, einen Computer zum Musik machen, alles, bevor wir eine Waschmaschine kauften.

Aber… eure Wäsche? Habt ihr… ?
MS: Ja, keine Angst, wir haben sie trotzdem gewaschen.

Im selben Interview sagtest du, Colin, dass du in den Neunzigern absolut nichts mit Singen zu tun haben wolltest. Das war die Zeit, in der ihr Immersion gegründet habt, richtig?
MS: Ja. Wir liebten die Idee, die Persönlichkeit, also das, was in der Musik normalerweise vor allem steht, auszulassen. Nur die reine Musik übrig zu lassen.
CN: Das erste Album kam 94 raus. Wir hatten auf unserem Label Swim zwei Alben herausgebracht, und wir wollten gerne mehr veröffentlichen, aber wir hatten keine Künstler. Das war zur Hochphase von Techno, in der praktisch nie der wirkliche Name des Künstlers auf den Alben stand. Es gab Compilations, bei denen zehn verschiedene Künstler auf dem Cover standen, aber in Wirklichkeit waren sie alle die selbe Person. Also dachten wir uns eine Band aus. Wir behaupteten, wir seien aus Deutschland, nahmen gefälschte Bandfotos auf.

Ja, davon hab ich gelesen. Aber es gab euch ja doch, und gibt euch noch…
CN: Das Ding mit dem Singen ist, sobald du singst, frontest du es. Es war spannend, das auszulassen, es ging uns tatsächlich um „Immersion“, also Eintauchen, das wars.

Ihr hattet verdammt viele Namen zu der Zeit, oder? Oracle, Earth, Oscillating, Intens…
CN: Oracle war was anderes, aber ja, Earth, Oscillating, wir konnten uns nicht entscheiden…
MS: Wie, wir haben es Earth genannt? Wirklich?
CN: Ja. Oscillating wurde dann der Name des ersten Albums.

Ihr lebt seit 30 Jahren zusammen, oder? Wie zur Hölle hält man das aus?
MS: Haha, nein, es ist nicht schwer. Wir haben soviel gemeinsam, wir haben Respekt voreinander, und wir langweilen uns nie.
CN: Wir interessieren uns für andere musikalische Projekte, die von Paaren gemacht werden. Wir kennen eine ganze Menge, in denen die Paare nicht mehr zusammen sind. Eigentlich alle. Laika, Sonic Youth… Bevor ich Malka getroffen habe, dachte ich, als Künstler kannst du nicht mit einem anderen Künstler zusammen sein. Das gibt nur einen Zusammenprall der Egos. Aber sie hat mir das Gegenteil bewiesen. Wir vertrauen uns. Mit anderen Leuten ist das schwieriger.

Das Thema Egos ist spannend. Denkt ihr, dass die meisten Bands, die scheitern, wegen Ego-Problemen scheitern?
MS: Ja.
CN: Das ist interessant. Ich bin mir nicht sicher.
MS: Ich schon. Wenn man in die Geschichte schaut: Jede Band, die scheiterte, obwohl sie Talent hatte, scheiterte an Ego-Problemen. Minor Compact ist an Ego-Problemen gescheitert. Besonders, wenn man anfängt, Erfolg zu haben. Da werden die Egoprobleme sofort auch größer.
CN: Ich muss mich damit rumschlagen, denn ich bin der Sänger von Wire, und ich kriege die meiste Aufmerksamkeit. Ich mixe alle unsere Alben. Ich betreibe das Label. Darum muss ich sehr vorsichtig sein, wie ich mich benehme, damit sich die anderen nicht fühlen, als seien sie nicht auf Augenhöhe. Das macht die Arbeit mit Malka sogar noch besser, wir haben solche Probleme nicht.

Apropos Ego, es gibt einen ganzen Haufen Musikerautobiografien, habt ihr je welche gelesen?
CN: Ja, ich habe das von Kim Gordon gelesen. Es ist in Ordnung, aber sie kommt nicht besonders sympathisch rüber. Zu viel Namedropping.

Ja, sie bestehen alle zu 50 Prozent aus Namedropping.
CN: Mit der von Pete Doherty bin ich nicht besonders weit gekommen, aber ich mag Pete Doherty auch nicht. Die von Keith Richards hab ich gelesen, sie ist merkwürdig. Es geht in ihr eigentlich nur darum, dass er der Wichtigste von allen ist und einen Haufen Drogen genommen hat. Als ob wir das nicht schon vorher gewusst hätten.

Haha. Das Cover eurer 10 Inch ist ein Wolkenhimmel, habt ihr einen bevorzugten Himmel? Sturm? Wolken?
MS: Oh, ich glaube, ich mag einfach, dass der Himmel jeden Tag anders ist. Dadurch wird es nie langweilig.

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