von am 26. Januar 2013

Vor einem Jahr kam bei der zweiten „Kunst & Krempel“ Kunstauktion „Der Neuköllner“ unter den Hammer, ein Porträt von Mano Hiroki. Gekauft. Doch wer ist der ominöse Mann auf dem Foto? Eine Langzeitrecherche.

„Ich hasse Facebook und finde meistens nichts dort, u.a. auch nicht das Bild, das ich gemacht haben soll“, war die Antwort. Nicht mehr und nicht weniger. Klare Ansage. „Ich hasse Facebook ja auch“ – zumindest gelegentlich – hätte ich zurückschreiben sollen. „Wer tut es nicht? Hegt insgeheim keine Hassgefühle gegen diese hellblaue Internetepidemie? Sind wir nicht alle…?“ Brüder im Geiste und so. Sich gemein machen. Ich tat es nicht. Man könnte die Interviewanfrage auch einfach als gescheitert betrachten.

Wenn da nicht vor ein paar Wochen diese Mail-vom-März-über-Facebook-Mail ins Postfach geflattert wäre. Daniel Kane, der Name kam mir bekannt vor. „Ich habe diese Mail vom März gerade gesehen – ist sie noch aktuell? Ich weiß nicht, welches Foto Sie meinen, bin sehr gespannt, was das betrifft.“ Der Neuköllner.

Daniel Jerome Kane ist Fotograf und studierter Germanist. Die Wohnung im zweiten Hinterhaus eines jener Mietshäuser in der Hermannstraße, die der allerorts auftretenden Sanierungswelle die Zunge raus und den Mittelfinger entgegen zu strecken scheinen, ist spartanisch eingerichtet. „Die Schuhe können sie anlassen. Kaffee?“ Der Filterkaffee kommt aus der gewöhnlichen Kaffeemaschine, die Milch aus dem Tetra-Pack und der Würfelzucker aus der Packung. Kein Schnickschnack, kein Lifestylegedöns. Der Abflussschlauch der Waschmaschine hängt im Spülbecken, Landschaftsszenen der amerikanischen Prärie an den Küchenwänden.

„Du gehst jetzt ein Jahr nach Europa. Du wirst da bestimmt Fotos machen wollen.“

Kane stammt aus Brookings, South Dakota in den Vereinigten Staaten. Man kann es in seiner Biografie nachlesen, man hört es an seinem Akzent und man sieht seiner Kleiderkombination an: Tennissocken, Blue Jeans, farbig kariertes Hemd und darüber ein Sweatshirt mit großem weißen Nike-Zeichen auf Brusthöhe. Seine Faibles für die deutsche Sprache und für Fotografie haben sich beide ungefähr zur gleichen Zeit herauskristallisiert oder wurden ihm mit auf den Weg gegeben. Bevor er mit 16 Jahren für ein Austauschjahr nach Österreich aufbrach, kam seine Mutter auf ihn zu und sagte: „Du gehst jetzt ein Jahr nach Europa. Du wirst da bestimmt Fotos machen wollen. Ich habe Dir eine Kamera gekauft für acht Dollar.“ Er war begeistert von beidem, von Europa und von der Kamera.

Immer wieder zog es ihn in deutschsprachige Gefilde, ein Jahr nach Kiel, eines nach Wien. 1983 landete er schließlich durch ein Stipendium des DAAD für seine Doktorarbeit über Thomas Mann in Berlin. Dort ist er bis heute geblieben – genauer gesagt in Neukölln. Seit 27 Jahren bewohnt Daniel Kane ebendiese Wohnung in der Hermannstraße mit dem heruntergekommenen Hinterhof. „Ich war der 32., der für diese Wohnung angerufen hatte und 31 haben sie abgelehnt.“ Neukölln war schon zu dieser Zeit nicht unbedingt die beliebteste Gegend. Die U8 fuhr nur bis zur Leinestraße, dahinter kam die Mauer. „Wie kannst Du nur nach Neukölln ziehen?“, hieß es bei seinen Freunden. Neukölln war für sie das Ende der Welt.

Da sitze ich nun also endlich in der Wohnung des one and only Neuköllners. „Ich weiß nicht, welches Foto Sie meinen, bin sehr gespannt, was das betrifft“, hatte er geschrieben. Gespannt war ich auch. Und zwar seit einem Jahr.

Als bei der nicht allzu ernsten Kunstauktion der Ida Nowhere im letzten Jahr das Portraitfoto „Der Neuköllner“ von Mano Hiroki unter der Hammer kam, schien mir die womöglich gute Geschichte hinter dem Bild den ohnehin kleinen Preis allemal wert und ich ersteigerte das Foto. Mano erzählte mir hinterher, dass es sich bei dem Mann auf dem Bild um einen gewissen Daniel Kane handle, der seit langem in Neukölln wohne, selbst Fotograf sei und dass das Portrait in einem Sexclub im Schillerkiez entstanden sei. Er vermittelte mir den Kontakt zu Kane via Facebook.

„Hier bitte die Schuhe ausziehen.“

Mit der Tasse Kaffee in der Hand und einen halben Treppenabsatz weiter oben, gegenüber von seiner Wohnung, geht es mit Daniel Kane zu seinem zweiten Zuhause. Im Lauf der Jahre hat er sich dort eine zweite Wohnung angemietet und sein Atelier darin eingerichtet. Beim ersten Blick wird sofort klar, wofür sein Herz wirklich schlägt. „Hier bitte die Schuhe ausziehen.“ Eichendielen, Stuck an der Decke, alles scheint bis ins kleinste Detail durchdacht. Ein paar Stufen führen nach oben auf ein Podest – die Überreste eines zweiten Treppenhauses, wie Kane bemerkt – auf dem zur rechten, etwas abseits, ein Mini-Divan mehr zum Betrachten, denn zum Verweilen einlädt. Von dort geht es einen Gang entlang weiter, vorbei an einer Dunkelkammer mit kompletter technischer Ausstattung für Schwarzweiß- und Farbentwicklung, durch das Fotostudio hinein in das „Interviewzimmer“, wie es Kane spaßeshalber präsentiert.

Ein befreundeter Fotograf sei einmal in sein Atelier gekommen, ohne zu wissen was ihn erwartet. Sein Urteil: „Disneyland.“ Überall im Atelier hängen, fein säuberlich gerahmt und akkurat aufgehängt, Fotografien – ein paar Landschaftsaufnahmen, vereinzelt Porträtfotos aus den 80ern in den Vereinigten Staaten und eine Mehrzahl von männlichen Akten in Farbe und Schwarzweiß.

In seiner künstlerischen Auffassung von Aktfotografie hat sich Kane vor allem von der Abhandlung des britischen Kunsthistorikers Kenneth Clark „The Nude“ inspirieren lassen, in der Clark den Akt nicht als Subjekt der Kunst, sondern als eigene Gattung begreift. „Den Körper neu zu gestalten und dadurch seine Spannung, seine Harmonie in das Foto einzubringen“, sei die Herausforderung der Aktfotografie, erläutert Kane.

„Er ist Fotograf, aber er macht Männerakt.“

Der Männerakt ist sein zentrales Thema und gleichzeitig sein größtes Dilemma. In unserer aufgeklärten Gesellschaft sollte die ästhetische Darstellung von nackten Männern kein Problem sein, möchte man meinen. Und doch hat Daniel Kane immer wieder mit der Stigmatisierung des männlichen Akts zu kämpfen. „Er ist Fotograf, aber er macht Männerakt.“ Selbst von schwulen Kollegen wurde er schon so vorgestellt. Männerakte werden immer der Pornografie gleichgesetzt. Nicht zuletzt die Aufregung, die um die Ausstellung „Nackte Männer“ im Wiener Leopold Museum gemacht wurde, zeugen davon.

In der Schwulenszene könne er doch wenigstens seine Bilder einem vorurteilsfreien Publikum zeigen. Kane lacht. „Ich zeige meine Fotos wenigen schwulen Bekannten. Nur Leuten, die eine Ahnung von Bildaufbau und Fotografie haben.“ Sonst laufe es immer nach demselben Muster ab. „Der gefällt mir nicht. Aber ist der schwul?“ Sie beurteilen die Fotos nach erotischen Vorlieben und nicht nach ihrer Ästhetik. Schweigen. „Ein Dilemma, ja. But I soldier on – ich kämpfe weiter.“

Heute abend wird wieder versteigert bei der 3. Ida’schen Kunstauktion Kunst & Krempel
Einlass: 18.00,

Auktionseröffnung: 19.00
Ida Nowhere, Donaustraße 79

 

2 Kommentare:

  • neukoellner sagt:

    „Die U8 fuhr nur bis zur Leinestraße, dahinter kam die Mauer.“ So ahnungslos kannst du nicht ernsthaft sein und für ein blog schreiben, das sich „neukoellner“ nennt, oder? Peinlich, peinlich!

  • Max Büch sagt:

    Lieber neukoellner,

    die U8 fuhr bis 1996 nur bis zur Leinestraße und die Aussage zur Mauer war im übertragenen Sinne gemeint – es tut mir leid, wenn ich mich da etwas ungenau ausgedrückt habe.

    Viele Grüße

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