von am 2. Juli 2013


Steht da James Brown auf der Bühne? Fast, denn Charles Bradley ist der neue King of Soul. Das bewies sein Konzert im Huxley’s mit Tränen, Schweiß und ganz viel Liebe.

Was für eine Geschichte: Charles Bradley war jahrelang obdachlos, schlief in New Yorker U-Bahnschächten und öffentlichen Toiletten. Durch kleinere Jobs kämpfte er sich aus dem Elend heraus, unter anderem stand er in Brooklyn als James Brown-Imitator auf der Bühne. Dass der Mann ein außergewöhnliches Talent hat, erkannte Gabriel Roth von Daptone Records. Er gab Bradley die Chance, ein eigenes Album aufzunehmen. Als das Debüt „No Time For Dreaming“ 2011 erschien, war der Sänger bereits 62.

Was geht in jemandem vor, der einen solchen Weg hinter sich hat? Bei Charles Bradley wird schnell spürbar: Ganz große Dankbarkeit den Menschen gegenüber, die ihn unterstützt haben. Dieses Gefühl treibt ihn an, noch mit Mitte 60 monatelang auf Konzertreise zu gehen. Um seinen Fans zu danken, ihn aus Armut und Hoffnungslosigkeit befreit zu haben. Am Ende des Konzerts im Huxley’s steigt er von der Bühne und umarmt die komplette erste Reihe seiner Fans.

Auftritt für den „Victim Of Love“

Foto: Darren Bastecky

Aber von Anfang an. Anstatt der Menahan Street Band, mit der Bradley seine Songs entwickelte und Alben einspielte, tourt er derzeit als „Charles Bradley And His Extraordinairies“. In Karohemden und Holzfällerbärten reihen sie sich auf der Bühne auf, die Bläser auf der linken Seite, Piano und Schlagzeug in der Mitte, Gitarren und Bass auf der rechten Seite. Mit zwei Instrumentalstücken wärmen sie sich und das Publikum auf, das aber vor allem gespannt ist auf die Hauptperson des Abends. Der Bandleader, eine Zach Braff-Kopie mit schwarzem Slangwortschatz, kündigt den Soulsänger an. Er sei nicht nur ein „Victim Of Love“ (so der Titel des aktuellen Albums), sondern auch ein „Doctor Of Love“, der alle gebrochenen Herzen heute heilen werde. Der schlendert in einem engen roten Einteiler auf die Bühne, justiert das Mikrofon und begrüßt die Anwesenden: „My name is Charles Bradley. And I love you.“

Als die ersten kraftvollen Takte von „Love Bug Blues“ losrollen, hebt der „Screaming Eagle Of Soul“ die Arme und setzt zu einem Hüftschwung an, der angesichts des Alters seinesgleichen sucht. Es folgen eineinhalb Stunden, in denen Bradley und seine Band das Repertoire der Soulmusik auftischen, von ausgelassen tanzbar bis zur Gänsehautballade. Die Liebe ist natürlich das große Thema, aber viele Stücke beschreiben auch Bradleys Lebensweg. In „Through The Storm“ bedankt er sich für den Beistand in stürmischen Zeiten, „Why Is It So Hard“ betrachtet kritisch den amerikanischen Traum. Mit dieser Ehrlichkeit verzaubert er das Publikum, das von jungen Indiemädchen über Musikjournalisten bis zu Soulfans in Bradleys Alter reicht. Am Ende, beim letzten Lied, wiegen sich die Paare eng umschlungen zum Takt, einige Feuerzeuge werden in die Höhe gehalten. Das alles ist natürlich unfassbar kitschig. Aber man kann sich nicht wehren. Bradley beseelt mit seiner Ehrlichkeit, Dankbarkeit, Bescheidenheit, die seine Bühnenpersönlichkeit so einzigartig werden lässt.

http://thecharlesbradley.com/

 

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